Stuttgart - Gottlieb Schlenkerle ist ein Stuttgarter Pensionär. Er ist Jahrgang 1974 und war dereinst Linienbus. Wohltuend ist seine dezente Ästhetik mit den schönen roten Kunstledersitzen und den blassbraunen Holzimitatwänden. Jetzt fährt Schlenkerle für die Firma "Bruderreisen" und karrt Alte nach Odessa. So jedenfalls ist die Farce "Bruderreisen - ein Traum" von Susanne Hinkelbein angelegt, deren Uraufführung als Produktion der Truppe Lokstoff jetzt eben in jenem Bus begann.
Eine Busfahrt, die ist lustig
Der Bus startet um 20.12 Uhr am Schlossplatz. Reiseleiter sind Moni (Kathrin Hildebrand) und Siggi (Wilhelm Schneck). In grelles Blau mit bunten Streifen sind beide gewandet und schauen wie Zirkusansager aus (Kostüme: Maria Martínez Pena). Kaum ist der Bus losgefahren, werden die Fahrgäste kurzerhand als Butterfahrtsenioren angesprochen. Und Stuttgart erfährt eine vollständige Ungarisierung, denn es soll ja über Ungarn und Rumänien nach Odessa gehen.
Moni erklärt das Neue Schloss zu "Schloss Várpalota, in dem Sissi gerne ein Wochenende verbrachte". Die Neue Staatsgalerie mit ihren mächtigen röhrenartigen Geländern ist für die Reiseleiterin ein Donau-Stauwehr, und das Kulissengebäude des Staatstheaters ein bedeutendes ungarisches Gefängnis. Es geht in Richtung Neckarstadion, doch vorher stottert der Motor des vom SSB-Fahrer Horst Koschmieder gesteuerten Busses. Also muss der Oldtimer zur Reparatur in das Busdepot Gaisburg einlaufen, in dessen Kantine erst einmal ein Unterhaltungsprogramm für die Bustouristen geboten ist.
Und nun hebt eine gut einstündige Persiflage auf Alten-Abzockveranstaltungen an. "Ihr Rendeversicherungsnummer han i no net gfunde", bescheidet die Reiseleiterin Moni freundlich einen Senior. Später führt sie eine schnöde Rolle aus grauer Pappe als "Wellness-Vlies" vor, das derart heftig ihren Unterleib erwärmt, dass Moni orgastisch in den Saal schreit.
Selbstverständlich geht es vor allem darum, den Businsassen irgendwelchen Schund anzudrehen oder sie in ungarische Zahnkliniken zu treiben. Es geht darum, dass Menschen schlichtweg ausgenommen und zum Schluss sogar selbst zu Kaufobjekten herabgewürdigt werden sollen. Wilhelm Schneck als schmieriger Conférencier und Kathrin Hildebrand, die das nette Püppi mit professionellem Dauergrinsen gibt, machen ihre Sache richtig gut. Susanne Hinkelbein, die Autorin und Regisseurin der Produktion, hat eine ganze Menge witziger Ideen, und doch könnte ihre Satire knackiger daherkommen und abschnurren. Immerhin bieten die kuriosen Begleitumstände für die Zwangsbustouristen einen hübsch schrägen Abend.
Vorstellungen am 9./10. April und am 14./15. Mai. Kartentelefon: 0711/2247720.Lokstoff im Internet »