Der Spaßvogel Roland Baisch fordert im Scherz unter anderem Folgendes: "Bring mir den Kopf von Oliver Pocher." Foto: Theaterhaus
Stuttgart - Wenn er seinen satirischen FDP-Song gesungen hat, dann wird Roland Baisch das Publikum fragen: "Kennt jemand von Ihnen einen aus der Unterschicht?" Und dann wird er ein Lied singen, das so beginnt: "Hallo, hier kommt die Unterschicht aus deiner Vorstadt." Falls er nicht noch den Text ändert - oder die Reihenfolge. Beides ist möglich.
Denn derzeit probt Roland Baisch daheim in Korntal mit seinem Gitarristen Frank Wekenmann und seinem Regisseur Vilmar Bieri sein erstes Comedy-Programm, seit er vor acht Jahren in einer Art Best-of-Show "Alles muss raus!" gerufen hat. "Danach hatte ich das Gefühl, dass ich schon alle Witze gemacht habe." Doch dann sind dem 55-Jährigen neue eingefallen, bittere zuweilen, komische oft. Deshalb stehen und liegen im Wohnzimmer ein halbes Dutzend Gitarren herum, außerdem eine Mandoline, eine singende Säge, ein Saxofon und eine Querflöte. "Erst dachte ich, ich müsste eine neue kaufen", erzählt Roland Baisch. Doch nach ein bisschen Üben hat er gemerkt, dass die alte Flöte in Ordnung ist. Mittlerweile klingt sie ziemlich gut.
Hinter den Instrumenten ist eine Dialeinwand aufgespannt, die einen muskelstrotzenden Bodybuilder-Körper zeigt, auf den ein findiger Grafiker den Kopf von Roland Baisch montiert hat. "So sah ich früher aus", sagt Stuttgarts dienstältester Spaßmacher, der sich zuletzt in seinem Songprogramm "Countryboy" dem Ernst des Lebens zugewandt hat. "Da konnte ich meine dunkle Seite zeigen" sagt Roland Baisch, dessen großartig einfühlsame "Countryboy"-CD in Kürze präsentiert werden soll. Doch zuvor bringt er das auf die Theaterhaus-Bühne, was er derzeit unter dem Motto "Der graue Star" zu Hause probt: Lieder und Geschichten von golfenden Bankdirektoren, globalen Einkäufern, Luxusfrauen und gepfändeten Gitarren.
Baisch gründete die erste Clownsgruppe in Deutschland
Er habe mal bei einem Musikerkollegen in München übernachtet, erzählt Roland Baisch, und morgens wollte dort der Gerichtsvollzieher irrtümlich Baischs Gitarre pfänden. Da der Übernachtungsgast seinen Besitzanspruch nicht per Rechnung nachweisen konnte, musste er zum Beweis der Gitarreneignerschaft um 9 Uhr den "Solitary Man" von Neil Diamond spielen.
Jetzt spielt Roland Baisch ein Lied von ihm selbst, das die Abwrackmentalität unter die Lupe nimmt: "Es gibt so viele Städte, zum Beispiel Köln am Rhein, die würden, wenn sie weg sind, um vieles besser sein", heißt es da. Schon damals, als ihn die Schauspielschule ablehnte, sei er "vom Anarchovirus infiziert" gewesen, sagt Baisch.
Er trampte dann nach Amsterdam zum Extremclown Jango Edwards und gründete bald darauf seine eigene Truppe, das Scherbentheater, das sich später in Shy Guys umbenannte. "Wir waren die erste Clownsgruppe in Deutschland, die das Wort ,Comedy' auf ihre Plakate gedruckt hat", erinnert sich Baisch. Wobei er mit der Massenunterhaltung, die heutzutage unter dem Label Comedy die Stadien füllt, nicht allzu viel anfangen kann: "Da kaufe ich mir lieber die neueste Johnny-Cash-Platte", sagt Roland Baisch und singt noch ein eigenes neues Lied: "Bring mir den Kopf von Oliver Pocher", heißt es darin.
Baisch war nah dran am Comedy-Starruhm
Roland Baisch war selbst mal ganz nah dran am Comedy-Starruhm, als er auf Pro Sieben die "Comedy Factory" machte und Fernsehwerbung. "Aber dann habe ich mich für eine Jazzband entschieden und den Weg ins gesellschaftliche Abseits eingeschlagen." Roland Baisch & das Count Baischi Orchester hieß vom Jahr 2000 an das Projekt, und es wurde etwas ruhiger um Roland Baisch. "Diese bewusste Entscheidung wurde mir leichtgemacht durch den Mangel an Angeboten", sagt der Mann, dessen Ironie immer auch ihn selbst einschließt.
Das ist bei den Proben so, wo manchmal recht spontan entschieden wird, wer gerade Gitarre spielt und wer Mandoline. Das ist beim "Grauen Star", dem neuen Comedy-Programm, mit dem Roland Baisch versuchen will, "die Welten, in denen ich mich in den letzten Jahren bewegt habe, zusammenzubringen", nicht anders.
Da schmunzelt man gerade eben noch über die Räubergags von Baisch, dann steigt man ins Auto und fährt mit Jim Webbs Countrysong "Wichita Lineman" inder hinreißend verlassenen Roland-Baisch-Version ganz erschüttert aus Korntal hinaus. Auch wenn es 389 Varianten geben mag, wie man ein Publikum berührt - Roland Baisch kennt sie alle.
Die Premiere von "Der graue Star" ist am Mittwoch um 20 Uhr im Stuttgarter Theaterhaus.
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