Thomas Dannemanns "Volksfeind" Korruption liegt in der Luft

Roland Müller, 22.02.2010 17:08 Uhr
Stuttgart - Es ist ein guter Tag für Peter Stockmann. Für weitere fünf Jahre ist er zum Bürgermeister seiner Stadt gekürt worden. Jetzt feiert er den Triumph. Umrahmt von Blumenstöcken und überwölbt vom Parteislogan ("Das Leben wählen") steht der Schauspieler Michael Stiller am Rednertisch auf der Bühne und sagt: "Danke!" Danke für das ihm entgegengebrachte Vertrauen, Danke für dies und das - und Stiller ahmt den um Volksnähe bemühten Politiker, die Hohlheit seiner Sprache und Körpersprache mit einer so perfekten Mimikry nach, dass der Begriff des "Staatsschauspielers" wie nebenbei seinen Hintersinn preisgibt.

Politiker sind hier nur Politikdarsteller, deren Gewerbe eine einzige Inszenierung ist, eine einzige Choreografie von Plastikposen und Plastikwörtern, deren Hochglanz das Wahlvolk blenden soll. Und dieses Volk, das sind wir! Für den Vertauensbeweis nämlich dankt Stiller/Stockmann mit öliger Zufriedenheit uns Zuschauern im Parkett.

Eine fröhliche Siegesfeier mit schlechtem Ausgang


Es ist ein guter Abend für den Bürgermeister und seine Parteifreunde, die sich im Stuttgarter Rat-, nein, pardon, im Schauspielhaus zur fröhlichen Siegesfeier versammelt haben. Auch sie hocken im Parkett, aber weil die Inszenierung der Politik die Sitzordnung miteinschließt, hocken sie nicht irgendwo, sondern in der ersten Reihe - ein Vorrecht, das ihnen freilich zum Verhängnis wird.

Denn urplötzlich bricht ein Amokläufer in die Wahlnacht ein und bläst den selbstzufriedenen Honoratioren die Lichter aus. Ein paar Schüsse - und schon liegen sie hingestreckt auf der hübschen Politbühne, der Bürgermeister, der Finanzstadtrat, der Bauunternehmer und der Chefredakteur, dessen "Volksbote" die Betrügereien der erwähnten Herren bis jetzt gedeckt hat. Die Spitze der Stadt ist ausradiert, ausradiert von einem Amokläufer, der niemand anderes ist als der Bruder des Bürgermeisters, der Arzt Tomas Stockmann. Und wie nach jedem Amoklauf stellt sich die Frage: Warum?

Die Antwort darauf gibt der Regisseur Thomas Dannemann in seiner Inszenierung des "Volksfeinds" von Henrik Ibsen. Genauer: in seiner Inszenierung jener Spielfassung, die er zusammen mit der Dramaturgin Beate Seidel angefertigt hat. Geblieben ist bei der freien Bearbeitung immerhin der Konfliktkern des 1883 uraufgeführten Schauspiels: Tomas Stockmann entdeckt, dass das Wasser des Kurbads, dem er vorsteht, durch Industrieabwässer vergiftet ist. Die Zuleitungen müssen saniert werden, ein Vorhaben, für das er zunächst die Öffentlichkeit und auch die veröffentlichte Meinung, den "Volksboten", hinter sich weiß.

Verblüffende Modernität


Doch als sein mächtiger Bruder - Amtsrat, Polizeidirektor und Chef der Kurverwaltung in einem - auf die enormen Kosten der Badsanierung hinweist, wechseln die Kleinstädter im Nu die Fronten. Nur nicht Stockmann. Der Idealist kämpft weiter für die Wahrheit und bald gegen den Rest der Welt. Diese Unerbittlichkeit macht ihn schließlich zum (titelgebenden) Volksfeind, der für die Profitgier der Einzelnen und den Opportunismus der vielen nur noch Verachtung übrig hat. So weit, so verblüffend modern Ibsen.

An diese Modernität knüpfen Thomas Dannemann und Beate Seidel nun an. Und sie knüpfen so an, wie es namentlich Seidel bisher immer getan hat, wenn sie in dramaturgischen Diensten von Volker Lösch stand: Das Inszenierungsteam denkt im Geiste Ibsens den "Volksfeind" weiter, es treibt die hellsichtige Politparabel (mit dem hinzuerfundenen Wahlkampf) konsequent in die Gegenwart hinein und radikalisiert dann auf erschreckende, aber nachvollziehbare Weise deren inneren Gehalt.

Also: Wie verhält sich ein Mensch, wenn er die objektive, durch Studien gesicherte Wahrheit auf seiner Seite hat, nicht aber die Macht, um diese Wahrheit durchzusetzen? Und wie verhalten sich die Mächtigen, um eben diese Wahrheit zu vertuschen und zu verbieten? Nun ja, die Mächtigen achten wohl darauf, dass sie alle im gleichen Boot sitzen und eine Hand die andere wäscht, auch im Wortsinn jetzt auf der Bühne.

Nach dem Terrorakt des Arztes blendet die Inszenierung zurück, von der Wahlparty zurück zum Wahlkampf, der eben auch im Kurbad stattgefunden hat. Der Bürgermeister ist auf Stimmenfang und gewährt seinen Bürgern freien Eintritt. Statt Schießpistolen kommen Wasserpistolen lustig zum Einsatz, in Badeanzügen und Badehosen plaudern die Herren Stadtväter ungeniert über ihre Geschäfte - darüber, wie sie sich Bauaufträge fürs Kurbad zugeschanzt haben, wie sie die an den Mauscheleien beteiligten Personen zum Stillhalten bewegen, wie sie das dadurch entstandene Haushaltsdefizit den Bürgern verkaufen. Feuchtwarme Korruption liegt in der Luft, erfüllt die halbnackten Leiber - und als der Arzt einige Wochen später, bei einer weiteren Wahlveranstaltung, gegen diese Korruption angehen will, liegt auch noch etwas anderes in der Luft: Stuttgart 21.

Szenen aus der Realität übernommen


Nein, ausgesprochen wird das nicht, mit keiner Silbe wird "das neue Herz Europas" erwähnt. Aber es ist der satirischen Aktualisierungskunst von Dannemann und Seidel zu verdanken, dass sich der Streit um Grubes Bahnprojekt auch so in den Streit um Ibsens Badsanierung frisst. Denn wie will der Arzt nicht nur gegen das Gift im Wasser, sondern auch gegen das Gift in der Politik vorgehen? Mit einem Bürgerentscheid durch das zuschauende Wahlvolk im Parkett! Doch kaum schnellen dort die ersten Hände zustimmend in die Höhe, verliest die Politikerclique auch schon die formalen Hürden, die für eine solche Befragung zu nehmen sind. Man kennt das.

Auch Stockmann scheitert. Und dieses Scheitern wirkt umso greller, als der fabelhafte Sebastian Kowski seinen Arzt nicht als feinen Geistesmenschen, sondern als groben Tatmenschen gibt. Ein Vitalitätsbolzen, dem am Ende, nachdem er auch noch als geisteskrank denunziert worden ist, nur die Verzweiflung eines faschistoiden Übermenschen bleibt. Er läuft Amok, ja, aber die kluge, nicht schwarz-weiß, sondern in vielen Farbtönen malende Regie bietet dem Publikum noch zwei weitere Schlüsse an: Stockmann fügt sich.

Und Stockmann erschießt sich. Echte Alternativen sind das zwar nicht, aber echte Handlungsalternativen erwarten wir auch nicht vom Schauspielhaus, sondern vom Rathaus. Dass sich das Theater aber zum lebendigen Ersatzparlament der Stadt entwickelt, das beweist schlagend auch dieser lokalpolitisch eingefärbte "Volksfeind". Das ist gut so.

Weitere Aufführungen am 23. und 26. Februar sowie am 7., 11. und 22. März.