Tierquäler muss ins Gefängnis

Von "Fellbach und Rems-Murr-Kreis" 

Waiblingen. Zwei Serieneinbrecher vor Gericht: Einer hat Vögel miteinem grausamen Fanggerät getötet. Von Michael Käfer

Waiblingen. Zwei Serieneinbrecher vor Gericht: Einer hat Vögel miteinem grausamen Fanggerät getötet. Von Michael Käfer

Fast eine Stunde lang war der Vertreter der Stuttgarter Staatsanwaltschaft am Montagmorgen mit der Verlesung der Anklageschrift gegen Alessandro A. und Michele M. (alle Namen geändert) beschäftigt. 87 Einbrüche und Einbruchsversuche wurden dem Duo aus dem vorderen Remstal größtenteils gemeinsam vorgeworfen. Zusätzlich musste sich der Hauptangeklagte Alessandro A. wegen 48 Fällen von Tierquälerei verantworten.

Die Liste der Beutestücke, die Alessandro A. und Michele M. bei ihrer gut zweieinhalbjährigen Einbruchsserie vor allem in Weinstadt, aber auch in Fellbach, Waiblingen und Urbach entwendeten, würde das Sortiment jedes Baumarkts deutlich erweitern. Hauptsächlich hatte es das Duo - ein dritter Täter wurde bereits verurteilt- auf Werkzeuge abgesehen. Winkel- und Dreieckschleifer, Motorsägen und Freischneider, Handstaubsauger, Stromaggregate, Satellitenreceiver und Kleinwerkzeuge vom Beil über den Geißfuß bis hin zu etlichen Wasserwaagen ließen die Täter mitgehen.

In Scheunen, aufgebrochenen Transportern und immer wieder Wochenendhäusern erbeuteten sie bis zum Januar 2011 aber auch andere Objekte. Insgesamt ein halbes Dutzend Luftgewehre und eine Luftpistole sowie etliche ausgestopfte Tiere etwa. Einmal schleppten Alessandro A. und Michele M. gar eine Biertischgarnitur davon und stahlen später die dazu passenden Getränke. Selbst ein Damenanorak war vor den nächtlichen Besuchern nicht sicher.

Insgesamt lag der Wert des Diebesguts ebenso im fünfstelligen Bereich wie der angerichtete Sachschaden. Allein im Fall einer Weinstädter Firma entstand an drei aufgebrochenen Transportern 2000 Euro Schaden, und es fehlten Werkzeuge für 7000 Euro. Bei einem Einbruch in Fellbacher Gartenlauben hatte das Diebesgut gerade einmal einen Wert von 50 Euro; weil Alessandro A. und Michele M. dabei aber einen Verteilerkasten zerstörten, richteten sie weitere 800 Euro Schaden an.

Als die Polizei Alessandro A. schließlich auf die Schliche gekommen war, entdeckten die Ermittler bei einer Wohnungsdurchsuchung in Weinstadt jedoch nicht nur einen Teil des Diebesguts und eine ganze Sammlung von Luftgewehren. Die Beamten fanden außerdem Zeugnisse einer besonders perfiden Art der Beutejagd. 49 tote Tiere hatte der 28-Jährige in seiner Tiefkühltruhe liegen.

Die passenden Fanggeräte - mehrere Schlag- und Bogenfallen - stellten die Beamten bei dem Gerüstbauer ebenfalls sicher. Unter anderem hatte Alessandro A. etliche Blau- und Kohlmeisen, einen Kleiber, einen Kleinspecht, eine Singdrossel und sogar ein Eichhörnchen getötet. In sieben Fällen konnte ihm eine Gutachterin nachweisen, dass er eine Bogenfalle, also ein besonders grausames Fanggerät, (siehe Hintergrund) verwendet hatte.

Dem Duo alle 87 Einbrüche nachzuweisen - 13 davon endeten im Versuchsstadium - hätte zu einem Mammutprozess geführt. Deshalb verhandelten das Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Kärcher, die Verteidiger und der Staatsanwalt gut eine Stunde lang unter Ausschluss der Öffentlichkeit über einen so genannten Deal. Diese durchaus gängige Vorgehensweise führte zu einem umfänglichen Geständnis der Angeklagten. Im Gegenzug wurden ein Teil der angeklagten Delikte eingestellt und eine Strafe von maximal drei Jahren für Alessandro A. beziehungsweise von zwei Jahren im Fall von Michele M. vereinbart. Der Staatsanwalt verwies in seinem Plädoyer auf den "ganz erheblichen Schaden", der jedem Opfer geblieben sei. Realistisch betrachtet haben die Bestohlenen kaum eine Chance, von den mittellosen Tätern Schadensersatz zu erhalten. Im Fall der getöteten Tiere seien den Vögeln "unsägliche Schmerzen" entstanden.

Alessandro A., der ebenso wie sein Komplize von Hartz IV lebt und dessen Ehe vor dem Ende steht ("Meine Frau ist sauer auf mich, und sie hat auch recht"), zeigte sich vor Gericht einsichtig: "Ich bereue schon ein bisschen. Ich habe es auch nicht böse gemeint", sagte der mehrfach, unter anderem wegen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz Vorbestrafte unter Tränen in seinem Schlusswort. Offenbar hatte bei beiden Angeklagten die seit Januar abgesessene Untersuchungshaft Wirkung gezeigt.

Die beiden Verteidiger von Alessandro A. und Michele M. verwiesen in ihren kurzen Plädoyers unter anderem auf die prozessökonomischen Aspekte der erfolgten Absprache. So habe man sich "eine Vielzahl an unerfreulichen Verhandlungstagen erspart", sagte der Verteidiger von Michele M. und forderte für seinen Mandanten eine Bewährungsstrafe.

Dem entsprachen auch Richter Kärcher und seine Laienrichter. Michele M. erhielt ein Jahr und elf Monate Freiheitsstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wurden, und verließ den Gerichtssaal als freier Mann. Weniger glimpflich kam Alessandro A. davon. Er muss zwei Jahre und zehn Monate ins Gefängnis und wurde von Waiblingen direkt nach Stammheim transportiert.

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