Tierschutz Der Kuckuck funkt nach Hause

Von Roland Knauer 

In den vergangenen Jahren sind immer weniger Kuckucke gesichtet worden. Liegt das womöglich am Klimawandel? Um das herauszufinden, verfolgen Biologen nun die Flugrouten der Vögel. Interessierte können im Internet zuschauen.

Der Sender auf dem Rücken des Kuckucks wiegt keine fünf Gramm. Foto: Andreas von Lindeiner
Der Sender auf dem Rücken des Kuckucks wiegt keine fünf Gramm. Foto: Andreas von Lindeiner

Stuttgart - „Kuckuck, Kuckuck“ ruft es in Europa immer seltener aus dem Wald. In England nahmen die Bestände in den vergangenen 30 Jahren um fast 60 Prozent ab, in Deutschland steht der Kuckuck auf der Vorwarnliste der gefährdeten Arten. Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg schätzen einen Rückgang von 20 bis 30 Prozent in nur zehn Jahren, besser sieht es nur im Nordosten Deutschlands und im Alpenvorland aus. Auch andere Länder vermuten sinkende Bestände, selbst Weißrussland sorgt sich um den Kuckuck.

Die Ursachen dieses Rückgangs liegen im Dunklen. „Der Kuckuck lebt ja nur drei Monate in Europa, den Rest des Jahres ist er im Süden“, erklärt der Ornithologe Andreas von Lindeiner vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) in Bayern. Um ein wenig Licht in das Leben des Kuckucks zu werfen, verfolgen die Artenschützer seine Wege daher seit einem Jahr über Satellitenfunk. Dazu haben die LBV-Biologin Friederike Herzog und der Ornithologe Norbert Schäffer vom britischen Vogelschutzverband RSPB im Landkreis Regensburg und in den Pripjat-Sümpfen in Weißrussland Kuckucke mit kleinen Sendern ausgerüstet, die keine fünf Gramm wiegen.

Gemeinsam mit ihren Kollegen vom LBV und Birdlife Weißrussland (ABP) haben sie die Vögel mit Lautsprecherrufen und Tierattappen angelockt und sie in feinen, weichen Netzen gefangen. Den unverletzten Vögeln haben die Forscher mit Schlaufen um die Flügel einen kleinen Sender auf den Rücken gebunden. Um die Tiere nicht zu behindern, wurden so nur kräftige Exemplare ausgerüstet, die deutlich mehr als 100 Gramm wiegen. Auf diesem Minirucksack laden Solarzellen 48 Stunden lang kleine Batterien auf, weitere zehn Stunden kann das Gerät dann Kontakt zu den sechs Satelliten der US-amerikanischen Wetterbehörde NOAA aufnehmen. Aus diesen Funksignalen ortet ein Computerprogramm die Vögel meist auf weniger als fünf Kilometer genau.

Der Kuckuck Heinz ging als erster verloren

Im Landkreis Regensburg haben die Forscher um Friederike Herzog im Frühjahr 2013 neun Kuckucke mit Sendern fliegen lassen, fünf weitere Tiere ließen Mitarbeiter des British Trust for Ornithology (BTO) in Weißrussland starten. Im April dieses Jahres kommen noch einmal zehn Weißrussen und ein bayerischer Vogel dazu. Finanziert wird das dreijährige Forschungsprogramm vor allem von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und von privaten Sponsoren, die auch Namen für die Kuckucke aussuchen dürfen.

Schon am 10. Mai 2013 meldete sein Sender, dass die Körpertemperatur von Heinz plötzlich stark abgefallen war – vermutlich war der Kuckuck in den Fängen eines Greifvogels verendet. Zu drei weiteren Vögeln verloren die Forscher ebenfalls bald den Kontakt, noch einmal zwei haben sich seit dem Jahreswechsel 2013 auf 2014 nicht mehr gemeldet. Von den acht anderen Kuckucken aber trägt Friederike Herzog laufend die Daten in eine Landkarte ein, die Interessierte unter www.lbv.de/kuckuck beobachten können.

Am Anfang blieben die Vögel in Europa. „Die Weibchen legen ihre Eier dann in die Nester anderer Vogelarten und kümmern sich nicht mehr um den Nachwuchs“, erklärt Friederike Herzog. Normalerweise suchen die Kuckucke sich dazu die Gelege genau der Art, die sie selbst einst großgezogen hat. Das können zum Beispiel Amseln sein. Häufig sind die Wirtseltern aber Rohrsänger, Grasmücken, Zaunkönige oder Rotkehlchen – also erheblich kleiner als der Kuckuck. Kaum geschlüpft, bugsiert das Kuckucksküken seine Stiefgeschwister mit einer gewaltigen Kraftanstrengung aus dem Nest. Die Stiefeltern füttern das Riesenbaby trotzdem eifrig weiter, auch wenn es bald um einiges größer als sie selbst ist.

Durch die Sahara in zwei Tagen

Mit dem Klimawandel beginnt oft das Frühjahr eher. Auch manche Wirtsvögel brüten daher entsprechend früher. Passt der Kuckuck sich dieser Verschiebung nicht an, kommt er zu spät und findet keine Nester mehr, in denen er seine Eier unterschieben kann. Machen sich die Kuckucke also früher auf den Weg nach Europa? Wo verbringen die Tiere überhaupt die Zeit von Juli bis Mitte April? Diese Fragen soll der Satellitenfunk klären.

Erste Ergebnisse entlarven die Vögel als Individualisten. So ziehen einige schnurstracks von Bayern oder Weißrussland in gerade einmal einer Woche bis ins tropische Afrika südlich der Sahara. Andere dagegen legen in Italien oder auf dem Balkan erst einmal einige Tage oder auch Wochen eine längere Rast ein. Dann geht es aber doch flott weiter, mehr als zwei Tage hat noch keiner der Kuckucke mit Sender zum Überqueren der Sahara gebraucht.

Zwei Vögel aus Weißrussland flogen bis in die Savannen rund um den Krüger-Nationalpark in Südafrika an der Grenze zu Mosambik. Im Januar brachen Pavel und Juliane dann aber wieder nach Sambia auf, von dort ging es nach Westen bis nach Angola. Dorthin hatte sich aus Bayern auch Kucki auf den Weg gemacht. Als in Europa der Winter auf dem Kalender stand, hielten sich ohnehin einige der Kuckucke mit Sender im Gebiet von Angola über die Demokratische Republik Kongo bis zur Zentralafrikanischen Republik auf. Auf seinem Rückweg nach Europa erreichte Reinhard am 17. März 2014 sogar die Elfenbeinküste im Westen des Kontinents. Am weitesten östlich hielt sich Pavel auf, als er im Juli 2013 über Saudi-Arabien bis zur Grenze zwischen Eritrea und Äthiopien flog. Dazwischen beginnen sich weitere Routen herauszukristallisieren, auf denen die Kuckucke unterwegs sind. Langsam bringen die Satellitensender also ein wenig Licht in den bisher unbekannten Alltag eines Vogels, dessen markante Stimme die meisten Mitteleuropäer kennen.