Brandenburg - In Brandenburg haben Wölfe aller Voraussicht nach erstmals seit ihrer Rückkehr nach Deutschland eine Rinderherde angegriffen und zwei Kälber gerissen. Zwar könne der Nachweis, ob es sich bei den Angreifern um Wölfe oder Hunde handele, labortechnisch nicht geführt werden, die Art der Tötung spreche jedoch dafür, dass die Kälber von Wölfen gerissen wurden, sagt Hans-Joachim Wersin-Sielaff, Pressesprecher des Landesumweltministeriums Brandenburg.
Nach Angaben des brandenburgischen Landesbauernverbands hatten Wölfe Anfang Mai in Proschim im Landkreis Spree-Neiße bei zwei nächtlichen Angriffen auf eine Herde von 200 Mutterkühen zwei Kälber getötet, von zwei weiteren Jungtieren fehle noch jede Spur. Die Weideflächen der Rinderherde liegen im Jagdrevier eines Wolfsrudels, das rund um den Tagebau Welzow lebt. Der Bauernverband fordert nun Konsequenzen. "Eine in Panik geratene Rinderherde ist eine Gefahr für Straßen- und Bahnverkehr und damit für Leib und Leben", sagt deren Pressesprecher Holger Brantsch. Die Landwirte fordern vor allem den Fang von Wolfshybriden, also Mischlingen von Wolf und Hund. Brantsch: "Diese Bastarde haben die scharfen Sinne der Wölfe, sind aber wie Hunde ohne Scheu vor dem Menschen und großen Tieren." Das mache Hybriden, von denen der Bauernverband einige Exemplare in freier Wildbahn vermutet, unberechenbar.
Keine Hinweise auf Mischlinge
Experten wie Jana Schellenberg vom Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz halten die Forderung der Landwirte für abwegig. "Es gibt derzeit keine Hinweise auf Hybriden", sagt Schellenberg. Zwar brachte 2003 eine Wölfin neun Wolfs-Hund-Mischlinge im sächsischen Teil der Lausitz zur Welt, doch von denen verschwanden sieben im ersten Lebensjahr. "Weil sich die Jungtiere noch nicht selber ernähren konnten, gehen wir davon aus, dass sie tot sind", sagt Schellenberg. Die restlichen zwei wurden im Februar 2004 gefangen. Auch das genetische Monitoring, bei dem seit Jahren Darmzellen im Kot der Wölfe untersucht werden, und Videodokumentationen hätten eindeutig ergeben, dass es keine Mischlinge mehr gibt. Das bestätigt auch das Brandenburger Umweltministerium.
Dass Wölfe nun eine Rinderherde angegriffen haben, erstaunt den Wildtierbiologen Felix Knauer von der Veterinärmedizinischen Universität Wien kaum. "In Kanada beispielsweise gehören Bisons zum normalen Beutespektrum der Wölfe", sagt der deutsche Wissenschaftler. Unvorsichtige kleine Kälber, zumal wenn sie noch schlecht geschützt sind, könnten immer wieder zur Beute eines Wolfs werden. Deshalb, so empfiehlt Wolfsexpertin Schellenberg, sollten Landwirte darauf achten, dass Kälber nicht außerhalb der Weidekoppel gelangen können. "Unseren Beobachtungen zufolge sind Kälber in der Mutterkuhherde gut geschützt. Da traut sich normalerweise kein Wolf heran", sagt Schellenberg.
Eine streng geschützte Tierart
Auch in anderen Bundesländern kocht die Diskussion um den Wolf derzeit wieder hoch. In Sachsen novelliert Umweltminister Frank Kupfer (CDU) das Landesjagdrecht und rührt dabei an einem Tabu: Kupfer will den Wolf, ähnlich wie Luchs und Fischotter, unters Jagdrecht stellen. Am Schutz des Wolfs soll sich nichts ändern: "Der Wolf ist und bleibt eine streng geschützte Tierart", versichert der Minister. Vielmehr hofft Kupfer, dass sich die Jäger künftig stärker für den Wolf engagieren. Sie sollen Wolfsichtungen für das wissenschaftliche Monitoring melden und getötete Tiere begutachten, die möglicherweise von den Raubtieren gerissen wurden. Naturschutzverbände wie der BUND und der Nabu kritisieren Kupfers Pläne: "Der Wolf soll in Sachsen zum Abschuss freigegeben werden, und da ist die Aufnahme ins Sächsische Jagdgesetz der erste Schritt dazu", sagt Wolfgang Riether, Landesgeschäftsführer BUND Sachsen. Wahrscheinlich, so unken die Naturschützer, gehe es dem Umweltminister mehr ums Finanzielle. Denn Kupfer will einen noch näher zu bestimmenden Teil der Jagdabgabe, die die Waidmänner für das Ausüben der Jagd bezahlen, in Maßnahmen für den Wolf investieren.
Damit, so folgert der Nabu-Landesvorsitzende Bernd Heinitz, könnte Kupfer sein Ministerium von Kosten für Schadenausgleiche für von Wölfen getötete Schafe, Ziegen und Rinder entlasten. Wirbel um den Wolf gibt es auch in Bayern. Weil bei Bayrischzell im Landkreis Miesbach Mitte Mai vier tote Schafe gefunden wurden, vermutet das Bayerische Landesamt für Umweltschutz einen Wolf in Bayern. Momentan lässt das Landesamt noch Speichelproben auswerten, so dass eine endgültige Bestätigung erst für Mitte Juni zu erwarten ist. Im Verdacht hat die Behörde einen Wolf aus den Südalpen, der sich bereits um die Jahreswende in Bayern aufgehalten hat.
Weil diese Vermutung schon länger unter Bauern und Viehhaltern kursiert, übt die Gesellschaft zum Schutz der Wölfe scharfe Kritik am bayerischen Umweltministerium. "Es wurde versäumt, die Bevölkerung rechtzeitig, also vor den ersten Schäden an Nutztieren, rückhaltlos zu informieren", erklärt der Verein. Man könne nur hoffen, dass das Tier nicht als "Problemwolf" ende. Im Jahr 2006 erlegte ein Jäger einen im gleichen Landkreis eingewanderten Braunbären, den der ehemalige Ministerpräsident Edmund Stoiber als "Problembären" bezeichnet hatte.
Informationen des Kontaktbüros: www.wolfsregion-lausitz.de »