Til Schweigers "Kokowääh" Dudelfunk im Kinosaal
Ulrich Kriest, 05.02.2011 09:26 Uhr
Diese Perspektive kennt man aus der Werbung: Til und Emma Schweiger. Foto: Verleih
Diese Perspektive kennt man aus der Werbung: Til und Emma Schweiger. Foto: Verleih
Stuttgart - In jedem Film des Regisseurs Til Schweiger gibt es zuverlässig eine sehr gelungene Szene, die für unzählige nicht oder nur halb gelungene Szenen entschädigt. In "Keinohrhasen" war dies jener Moment, in dem Jürgen Vogel seinen operativ runderneuerten Body herzeigte. Und in "Kokowääh" spielt der großartige Misel Maticevic ("Im Angesicht des Verbrechens") einen erfolgreichen Arthaus-Filmemacher, der Helmut Dietl nachgezeichnet ist. Mit großer Geste schwärmt dieser überaus eitle Mensch davon, dass seine Filme Millionen Zuschauer gehabt hätten, worauf Till Schweiger trocken antwortet, diese Zahl schaffe "Bully" Herbig mit zwei Filmen. Worauf der Regisseur keck antwortet, Herbig mache pure Unterhaltung, er aber mache Filme mit Anspruch, da zähle jeder Zuschauer doppelt.

Das ist lustig über Bande gespielt, weil es ja Schweiger selbst ist, der mit seinen Filmen mal sechs ("Keinohrhasen"), mal viereinhalb ("Zweiohrküken") Millionen Zuschauer ins Kino lockt, gerade, weil er keine Kunst, sondern flotte Unterhaltung macht. Und den Kritikern, die seine Filme klischeehaft bis trivial finden, eine Nase dreht. Gemeinsam mit seinem Publikum.

Drehbuchpapier ist geduldig


Im neuen Film - Schweiger fungiert erneut als Regisseur, Koautor, Produzent und Hauptdarsteller - wird der wenig erfolgreiche Drehbuchautor und Hallodri Henry (Schweiger) unvermittelt Vater einer achtjährigen Tochter Magdalena (gespielt von Schweigers leiblicher Tochter Emma). Die ist das Resultat eines einmaligen Ausrutschers mit der einst besten Freundin Charlotte. Dass Henry Vater ist, hat Charlotte weder ihm noch ihrem Partner Tristan verraten. Als es herauskommt, setzt Tristan Charlotte, auf die in den USA ein dubioser Prozess wartet, vor die Tür. Drum schickt Charlotte das Kind zu seinem Erzeuger.

Drehbuchpapier ist geduldig. Weshalb es auch nicht weiter überrascht, dass Henry just zu diesem Zeitpunkt den Auftrag bekommt, das Drehbuch für die Verfilmung des Bestsellers seiner Ex Katharina zu schreiben. Die sich seinerzeit ein Kind von Henry wünschte. Ein enervierend aufgekratztes Kuckuckskind, ein Neu-Vater, der keine Kinder leiden kann, ein Ex-Vater, der ohne die Tochter nicht mag - und eine gescheiterte Beziehung, die problemlos aufgewärmt wird. Und so weiter, alles wie gehabt.

Das schludrige Drehbuch mutet dem Zuschauer Oberflächlichstes zu; die Darstellerleistungen schwanken zwischen charmant (Samuel Finzi), auf die Dauer anstrengend (Emma Schweiger) bis bodenlos (Jasmin Gerat und Schweiger selbst). Damit man dem Film seine Mühsamkeit nicht anmerkt, hat man Teile des tief sentimentalen Werks (Vater sein ist schwer!) gleich als Videoclip montiert und ohne Rücksicht auf Inhalt und Atmosphäre aktuelle Popsongs von Hurts oder One Republik unter die Bilder gelegt. Dudelfunk im Kinosaal!

Kokwääh. Deutschland 2010. Regie: Til Schweiger. Mit Emma Schweiger, Til Schweiger, Samuel Finzi. Ab 6 Jahren. Cinemaxx SI-Centrum und Bosch-Areal, Ufa, Metropol
Kommentare (5)
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FEB
07
Freddy56, 20:38 Uhr

Schweiger-Interview

Da hilft Nachdenken leider nichts mehr wenn das Verbrechen schon verübt wurde und diese Schweine gehören dann eben weggespert für immer. Vorbeugende Massnahmen sind natürlich wichtig , aber sinnlos in Fällen wo das Ungück schon seinen Lauf genommen hat.

FEB
07
carlo, 11:37 Uhr

Erst nachdenken, dann schwätzen!

Gell, es ist schon sehr, sehr schwierig, sich vorzustellen, dass es Möglichkeiten gäbe, Straftaten durch Prävention zu verhindern. Aber das ist möglich! Das ganze Problem besteht eigentlich darin, dass es noch nicht in die entscheidenden Köpfe eingedrungen ist – eben, weil Sachkompetenz und ein klein wenig Nachdenken nötig wäre. Und so wird immer weiter und immer weiter mal mehr, mal weniger wütend das Wegsperren gefordert. Hinterher. Wenn es schon ein Opfer gegeben hat. Als sei das erste Opfer eine Bagatelle. Als seien erst die nächsten potentiellen Opfer schützenswürdig. Was für eine gefährliche Ignoranz! Oder ist es gar Opportunismus, wenn Prominente sich so äußern? Ich würde Til Schweiger Recht gegeben haben, wenn er ruhig und sachlich zuerst die Prävention und dann, wenn nötig, eine Verwahrung aus Sicherheitsgründen gefordert hätte. Mit solch einer folgerichtigen Vorgehensweise wäre vielfach auch dem ersten Opfer geholfen, weil es vielleicht gar nicht zum Opfer werden musste. Aber die unreflektierte Äußerung von Til Schweiger - leider mit gefährlicher Wirkkraft, weil die bessere Methode verdrängend - lassen mich annehmen, dass auch sein Schaffen in der Filmbranche von Oberflächlichkeit bestimmt ist. Was meinen Sie, weshalb bringt man Kindern etwas bei? Denken Sie einmal über „das Lernen im Kindesalter“ nach! Lernen - auch wenn es derzeit en vogue ist - heißt nicht Wissen eintrichtern, sondern peu à peu mit allen Sinnen sich auf die Herausforderungen des Lebens vorbereiten. Was bei diesen Straftätern schief gegangen ist. Zum Schaden der Opfer! Aber das passte nicht mehr in den aufgeregten Herrn Schweiger. Dabei saß der Fachmann direkt neben ihm und hatte es klar und deutlich erklärt. Schade, die Gesellschaft bräuchte eigentlich mehr Prominente, die nachdenken, bevor sie sich äußern. Von den anderen haben wir mehr, als genug!

FEB
05
Ulrich Kriest, 20:28 Uhr

"Dudelfunk im Kinosaal"

Uns hat der Film 2 Stunden lang verzaubert und tief berührt... Es ist erstaunlich, dass Sie von " oberflächlich" sogar im Superlativ sprechen. Dieses Adjektiv passt so gar nicht zu Til Schweiger-Filmen. Es ist gerade seine Kunst, aus einem relativ einfach gestrickten Drehbuch einen Film zu machen, der wunderbar unterhält und gleichzeitig berührt, und eben dabei keineswegs an der Oberfläche bleibt... Darf ich eine Vermutung anstellen? Sie haben vielleicht keine Kinder... aber auch ohne Kinder kann einen der Film eigentlich nicht kalt lassen...

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