Tim K. Nebenkläger werfen Vater von Tim K. Mitschuld vor

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Auch die Anwälte der Angehörigen und die Nebenkläger fordern, den Vater von Tim K. wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung sowie Verstoßes gegen das Waffengesetz zu einer ­21-monatigen Haftstrafe zur Bewährung zu verurteilen.

Der Revisionsprozess gegen den Vater des Amokläufers von Winnenden und Wendlingen ist fortgesetzt worden. Foto: dpa
Der Revisionsprozess gegen den Vater des Amokläufers von Winnenden und Wendlingen ist fortgesetzt worden.Foto: dpa

Stuttgart - Im Revisionsprozess gegen den Vater des Amokläufers von Winnenden und Wendlingen am Landgericht in Stuttgart haben sich die Anwälte der Nebenkläger und die Angehörigen der Getöteten dem Strafantrag der Staatsanwaltschaft angeschlossen. Sie fordern ebenfalls, den ­54-Jährigen wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung sowie Verstoßes gegen das Waffengesetz zu einer ­21-monatigen Haftstrafe zur Bewährung zu verurteilen. Schließlich habe der Vater des Amokläufers die Tatwaffe und die Munition nicht ordnungsgemäß aufbewahrt. Tim K. hatte am 11. März 2009 mit der Pistole und mit Neun-Millimeter-Patronen des passionierten Sportschützen 15 Menschen getötet und 14 weitere verletzt.

Der Anwalt Jens Rabe von der Waiblinger Kanzlei Künzel und Partner, die fast 30 Mandanten vertritt, erklärte, dass es im zweiten Gerichtsverfahren gegen den Vater keine neuen Erkenntnisse gegeben habe, die ein anderes Urteil als im ersten Prozess rechtfertigen würden. „Es ist alles gesagt worden, nicht nur einmal, sondern mehrmals“, so Rabe.

Anwältin sieht Fehlverhalten des Vaters

Die Anwältin Michaela Spandau hob hervor, dass erst das Fehlverhalten des Vaters den Amoklauf ermöglicht habe. „Der Angeklagte hat von den Verhaltensauffälligkeiten seines Sohnes gewusst“, sagte Spandau mit Blick auf eine ambulante Behandlung von Tim K. im Jahr vor der Bluttat in der Klinik- und Jugendpsychiatrie Weinsberg. Dort hatte der 17-Jährige von „einem Hass auf die Welt“ und von Mordgedanken berichtet. Wenn der Vater die Tatwaffe und die Munition dazu wie vorgeschrieben verwahrt hätte, hätte das Blutbad nur in der Fantasie des Jungen stattfinden können, so Spandau.

Lediglich eine Anwältin eines Nebenklägers plädierte nicht für eine Verurteilung des Vaters, sondern für eine sogenannte Verwarnung mit Strafvorbehalt. Der Angeklagte und seine Anwälte seien während des Prozesses massiv angegangen worden. Im Blick darauf, dass der Vater zudem ebenfalls seinen Sohn verloren habe, er selbst wegen des Massakers körperlich und psychisch schwer erkrank sei, müsse der 54-Jährige nicht unbedingt verurteilt werden. Auf der übrigen Seite der Nebenkläger stieß dieses Plädoyer indes auf Unverständnis und löste Kopfschütteln aus.

Vater eines Opfers erwartet Urteil mit Signalwirkung

Auch Angehörige der Opfer des Amoklaufs kamen zu Wort – und einige von ihnen wandten sich sehr aufgewühlt direkt an den Angeklagten. Ein Vater einer getöteten Frau beklagte, dass der Mann durch sein hartnäckiges Schweigen während des Prozesses nicht dazu beigetragen habe, die Ursache des Massakers zu ergründen. Denn damit könnten möglicherweise künftige Amokläufe verhinder werden. Zudem warf der Mann dem Vater vor, dass er maßgeblich Schuld an der Tat trage. „Das Urteil muss ein Signal an alle Waffenbesitzer sein, ihrer Sorgfaltspflicht bei der Aufbewahrung nachzukommen“, so der Mann.

Eine Angehörige eines Opfers warf dem Angeklagten indirekt vor, bei der Erziehung versagt zu haben. „Meine getötete Tochter ging nicht zum Schießen, sondern zum Ballett und zum Tanzen“, sagte die Frau mit Blick darauf, dass der Vater den Jungen trotz dessen psychischer Probleme mit zum Schießstand genommen hatte.

Wegen eines Verfahrensfehlers war ein Revisionsprozess notwendig geworden. Er wird am kommenden Montag mit weiteren Plädoyers der Nebenkläger fortgesetzt. Zudem wird die Verteidigung ihren Antrag stellen.

Die Anwälte des Angeklagten haben in dem Prozess eine Mitverantwortung des Vaters abgestritten, weil Tim K. auf unbekannte Weise und ohne Wissen des Mannes an die Munition gelangt sei. Das Urteil wird für Freitag, 1. Februar, erwartet.

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4 KommentareKommentar schreiben

Bei Erziehung versagt: .....Meine getötete Tochter ging nicht zum Schießen, sondern zum Ballett und zum Tanzen“...... das entspricht eben auch mehr dem Hobby eines Mädchens. Bei aller Grausamkeit des Geschehens sollte man bedenken, daß man selten bzw. eigentlich gar nicht so ganz in das 'Innerste' eines anderen Menschen sehen kann. Wäre nicht uninteressant zu wissen, ob die Eltern der Getöteten alle Gedanken ihrer Kinder kannten. Ob sie Tim mobbten, weiß ich nicht, aber Hass kommt normalerweise nicht 'einfach so', sondern baut sich aufgrund verschiedener Erlebnisse auf. Und wenn sie jemand nur in sich reinfrißt und nicht abarbeiten kann, ist das u.U. nicht leicht erkennbar. Deshalb sollte beim Werfen von Steinen auf andere Vorsicht geboten sein.

Jörg K. ein Unschuldsengel?: Die ersten zwei Kommentare zeigen erneut, wie angeschlagen der ethische Blickwinkel in dieser Republik bereits ist. Vermutlich sind ihre Autoren nicht ganz im Bilde darüber, dass sie sich damit für die oft gerügte Kuscheljustiz starkmachen. Wenn ein Autofahrer infolge einer Unachtsamkeit anderen Menschen schadet, dann wird er rechtlich mit allen Konsequenzen zur Verantwortung gezogen. Der Vater von Tim K. hat jahrelang eine tödliche Waffe rechtswidrig, aber wissentlich und absichtlich im Kleiderschrank aufbewahrt und niemand der Aussenstehenden weiß wirklich, auf welche Weise sein Sohn davon erfuhr! Der Vater war sich durch sein Handeln des unter Umständen sehr unsportlichen Einsatzes als Einbrecher-Mannstopper seiner 9mm-Beretta bewusst! Und meine Quellen beschreiben (den Vater und) seinen Sohn keineswegs als wehrlose und eingeschüchterte Menschen mit mangelndem Selbstbewusstsein. Ich vermute doch eher, hier hat ein ehrgeiziger, unternehmerisch erfolgreicher Emporkömmling nicht nur in der Unternehmensführung, sondern auch in der Erziehung zu sehr auf das Anlegen von Ellenbogenschienen gesetzt. Versucht er nun nicht einfach zu retten, was für ihn zu retten ist? - Darunter versteht er nur den finanziellen Aspekt, dies allein hat nun für ihn Priorität. Vielleicht hätten die Psychologen, die seinen Sohn untersuchten, wirklich vorsichtiger sein müssen, doch mit welchem Recht können diese jemanden als potenziellen Straftäter behandeln, der zuvor noch nie durch Gewalttaten auffiel? Ich denke, es ist doch schlicht so, wie es leider kein Einzelfall ist: Rechtlich, moralisch und erzieherisch sind hier Leute aus der Vorzeige-Schicht ihrer Pflicht als Eltern nicht nachgekommen und nun erklären sich hier einige Vertreter oder Sympathisanten dieser Bessermenschenschicht mit ihnen solidarisch. Niemand weiß, ob Tim K. von einem der Opfer gekränkt wurde, absichtlich gekränkt wurde. Vielleicht fühlte er sich auch nur gekränkt. War das ein Grund, so zu handeln und dabei andere zu töten, die in die vermeintliche Ursache nicht involviert waren. Soll dieses rabiate Handeln so einfach entschuldigt werden? - Das ist eine zusätzliche Beleidigung für alle, die tagtäglich Kränkungen ertragen müssen - und trotzdem nicht so durchdrehen! Ich bin sicher, dass der Vater von Tim K. nun seine einstige Saat erntet. Das ist nun einmal bitter und das ist auch kein süßer Geschmack, für alle, die Ordonnanzwaffen und Sturmgewehre als Sportgerät betrachten.

Vater von Tim K. - ich bete für Dich: Solange Leute wie Hr. Näher aus Gablenberg als Schöffen im ersten Verfahren zugelassen werden - hilft von rechtsstaatlicher Seite nur noch beten. Amen.

Herr K. ist mit der Tatsache was angerichtet wurde genug bestraft!: Es ist ganz schlimm was da passiert ist. Es gibt aber auch eine andere Betrachtungsweise. Die Jugendlichen haben den Jungen jahrelang gemobbt? Kinder sind teilweise sehr grausam. Ich habe es in meiner Schulzeit sehr oft am eigenen Leib erfahren. Mir wurde an den Zöpfen gezogen und wenn ich mich nur leicht gewehrt habe gab es noch vom Lehrer eine Tracht Prügel, weil diejenigen, die mich gequält haben, waren ja die Lieblinge von dem Lehrer, die Eltern derer waren ja so Rechte Leute und ich war nur ein armes Arbeiterkind, die jüngste von acht Kindern. Und wenn ich mir das Bild dieses Jungen angesehen habe, kann ich mir sehr gut vorstellen, daß der Junge bis zum geht nicht mehr gepisakt wurde. Die Eltern der getöteten Kinder, vornehmlich Mädchen sollten mal ihre Erziehungsweise überdenken statt sich an Herrn K. abzuarbeiten, die Familie hat auch ein Kind verloren und das ganze Leben ist zerstört.

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