Mülllaster kippt in Nagold auf Auto Zwei kleine Kinder unter den Toten

Tragischer Unfall in Nagold: beim Abbiegen auf einer abschüssigen Straße fällt ein Müllwagen auf ein Auto mit fünf Insassen, darunter ein Säugling. Alle sind sofort tot. Die Polizei hält einen technischen Defekt für möglich.

Die Feuerwehr hat die Unglücksstelle bei Nagold mit einem Sichtschutz verhängt. Beim ­Abbiegen fiel der Mülllaster auf ein Auto. Fünf Menschen starben. Foto: dpa 12 Bilder
Die Feuerwehr hat die Unglücksstelle bei Nagold mit einem Sichtschutz verhängt. Beim ­Abbiegen fiel der Mülllaster auf ein Auto. Fünf Menschen starben. Foto: dpa

Nagold - Zwei Rettungshubschrauber stehen am Straßenrand der Landesstraße 361 zwischen Nagold und Mötzingen (Kreis Calw). Ein paar Meter weiter spannt sich Flatterband über die Fahrbahn. Der ganze Autobahnzubringer ist weiträumig abgesperrt. Dann setzen sich die Rotoren in Bewegung, beide Hubschrauber fliegen nacheinander davon. Verletzte haben sie nicht an Bord. Stattdessen fahren zwei ­Leichenwagen vor.

Beim landesweit bisher schlimmsten Unfall des Jahres sind am Freitagmittag fünf Menschen ums Leben gekommen. Der Fahrer eines Müllwagens hatte gegen 12.45 Uhr aus dem Industriegebiet Wolfsberg nach rechts auf die Landesstraße in Richtung Autobahn abbiegen wollen. Dabei war das 26 Tonnen schwere Fahrzeug auf der abschüssigen Straße zu schnell unterwegs und kippte auf die Gegenspur der Landesstraße. Mit voller Wucht fiel es auf ein entgegenkommendes Auto und zerquetschte es. Am Steuer saß eine 25-jährige Frau, neben ihr ihr 22-jähriger Lebensgefährte. Außerdem ­waren die zwei Jahre alte Tochter, der nur wenige Wochen alte Sohn des Paares sowie die 17 Jahre alte Schwester der Fahrerin im Auto. Die Familie stamme aus Singen im Kreis Konstanz, sagte ein Polizeisprecher. Alle fünf konnten nur tot geborgen werden. Die Einsatzkräfte hatten zunächst nicht einmal das Automodell bestimmen können. „Es war wohl ein VW Golf.“

Als die ersten Helfer am Unfallort eintrafen, sei das ganze Ausmaß des Unglücks noch nicht absehbar gewesen, sagte der Polizeisprecher. Es dauerte bis 14.20 Uhr, dann erst gelang es der Feuerwehr zusammen mit einem Spezialunternehmen und dessen Autokran, den orangefarbenen Müllwagen anzuheben und wieder auf ­seine Räder zu stellen. Erst jetzt wurde klar, dass das Auto voll besetzt gewesen war. „Den Rettungskräften bot sich ein Bild des Grauens“, sagte der Polizeisprecher. „Sie mussten feststellen, dass alle fünf Insassen ums Leben gekommen waren.“

Möglicherweise habe ein technischer Defekt am Mülllaster das Gefährt erst ab­gebremst und dann beschleunigt, sagte ein Sprecher der Polizei in Karlsruhe. Angeblich habe der Fahrer noch versucht, das Steuer herumzureißen, als der Laster von der Graf-Zeppelin-Straße im Industriegebiet Wolfsberg nach rechts auf die L 361 einbog und zur Seite kippte. All dies untersucht nun ein Unfallsachverständiger. Die beiden Männer im Müllwagen erlitten schwere Schocks und wurden im Rettungswagen in die Klinik gebracht.

„Ein Bild des Grauens“

Um mögliche Gaffer abzuhalten, baute die Feuerwehr rund um den Unglücksort einen improvisierten Sichtschutz auf. Sie spannte Seile und verhängte die Unfallstelle mit Decken. Der Polizeisprecher vor Ort zeigte sich schockiert von dem Unfall: „So etwas haben wir seit Jahren nicht mehr gehabt, was für ein schreckliches Unglück.“

Der Laster gehört zum Fuhrpark eines Transportunternehmens aus Bad Liebenzell, er war am Freitag unterwegs, um Altholz einzusammeln. „Die zwei Fahrer hätten nur noch drei Stationen anfahren müssen, dann wäre Feierabend gewesen“, sagte Ekkehard Häberle, der Chef der mittelständischen Firma mit rund 40 Fahrzeugen. So ein Drama habe es in seinem seit 116 Jahren bestehenden Familienunternehmen noch nie gegeben. Die beiden 54 und 26 Jahre ­alten Fahrer des Unglückslasters seien ­verlässliche Mitarbeiter, der Ältere haben den Jüngeren auf der Fahrt eingelernt. Am Steuer saß nach Informationen des Firmenchefs der 54-Jährige. Er sei seit mehr als 25 Jahren in Mülllastern auf den ­Straßen im Südwesten unterwegs, ein erfahrener Mann, urteilt Häberle.

Auch die Fahrzeugflotte sei technisch bestens in Schuss und werde in Vertragswerkstätten gewartet, versicherte Häberle. Jedes halbe Jahr würden die Lastwagen in den vorgeschriebenen Haupt- und Sonderuntersuchungen überprüft. Der verunglückte Lastwagen werde seit fünfeinhalb Jahren eingesetzt. Am Aufbau sei vor ­Kurzem eine Reparatur erledigt worden, ein verschlissenes Blech habe in der Wanne ersetzt werden müssen, eine Schweißarbeit. Probleme habe es mit dem Gefährt aber nicht gegeben.

Der Nagolder Oberbürgermeister Jürgen Großmann (CDU) gab sich schockiert. Alle Gedanken gelten der Familie der ­Opfer, sagte er. „Wir sind geschockt. Das ist eine Katastrophe.“ Auch um die Helfer müsse man sich jetzt kümmern. Der Calwer Landrat Helmut Riegger (CDU) sprach ebenfalls von einem „ganz schlimmen und tragischen Unglück“.

Für den Branchenkenner Jürgen Kowalke von der Firma Zöller Kipper in Mainz, die sich auf Kippsysteme für Entsorgungsfahrzeuge spezialisiert hat, ist der Unfall einzigartig. „Ich habe noch nie gehört, dass ein Müllwagen auf der Straße umkippt“, sagte der Vertriebsleiter.