Tokio rüstet sich für die Spiele 2020 Erst die Bausünde, dann Olympia

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Tokio ändert laufend sein Gesicht – besonders jetzt, da die Stadt sich auf die Olympischen Spiele 2020 vorbereitet. Anwohner müssen umziehen, selbst legendäre Gebäude werden abgerissen. Und wofür? Viele finden die neue Architektur maßlos und hässlich.

Der Entwurf des Olympiastadions: die einen finden ihn dynamisch-futuristisch, die anderen beschimpfen ihn als  protzigen Fahrradhelm. Foto: AP 4 Bilder
Der Entwurf des Olympiastadions: die einen finden ihn dynamisch-futuristisch, die anderen beschimpfen ihn als protzigen Fahrradhelm.Foto: AP

Tokio - Wer in Tokio sein Lieblingsrestaurant nicht mehr findet, braucht nicht an seinem Geisteszustand zu zweifeln. Das ist normal. Wenn man wenige Monate nicht in einem bestimmten Viertel war, erkennt man es kaum wieder. Denn der japanischen Baubranche geht es sehr gut. 30 Jahre alt sind die Häuser in dem Land im Schnitt. Zum Vergleich: in den USA sind es 50, in Europa 70.

Mit dem Zuschlag für die Olympischen und die Paralympischen Spiele 2020 in Tokio freut sich die Bauindustrie auf einen Bauboom. Vieles muss neu gebaut, manche Gebäude müssen abgerissen werden. Hinzu kommt, dass die städtische Infrastruktur unabhängig von den Spielen dringend eine Renovierung braucht. Teile der Tokioter Stadtautobahn wurden schon für die erste Olympiade in Tokio 1964 gebaut. Entsprechend ist ihr Zustand.

Bei anderen Projekten scheiden sich jedoch die Geister. Eines davon ist das neue Nationalstadion für die Auftakt- und die Schlusszeremonie, entworfen von der preisgekrönten Architektin Zaha Mohammad Hadid. Der japanische Stararchitekt Tadao Ando, einer der Juroren, sagte dazu: „Ihr dynamisches und futuristisches Design verkörpert die Nachrichten, die Japan an den Rest der Welt senden will.“

Überdimensioniert? Geldverschwendung?

Andere waren weniger euphorisch. Sie verglichen die Arena mit einem übergroßen Fahrradhelm. Das Prahlerische daran erinnere an die Immobilienblase der Achtziger, sagte der Asienexperte Jeff Kingston. „Überdimensioniert“ und „Geldverschwendung“ skandierten Hunderte von Demonstranten, die im Juli mit roten Luftballons um das alte Stadion zogen. Bekannte Architekten wie Kengo Kuma und Toyo Ito riefen die Verantwortlichen zur Vernunft auf, das Olympische Komitee mahnte Tokio, mehr bestehende Sportstätten zu nutzen oder temporäre Tribünen zu bauen.

Ihr Protest fand Gehör, die Architektin änderte ihr Design: Mit 1,7 Milliarden US-Dollar soll das Stadion etwas mehr als halb so viel wie geplant kosten und „effizienter, nutzerfokussierter, adaptierbar und nachhaltiger“ sein. Vielen Kritikern gehen die Änderungen aber nicht weit genug.

Schon 1964, zur ersten Olympiade, brach das Baufieber aus

Doch vorher muss das alte Kasumigaoka National Stadium weichen, und mit ihm – wie schon vor 50 Jahren zur ersten Olympiade – Hunderte von Anwohnern. Das Ehepaar Jinno trifft es zum zweiten Mal. Der 80-jährige Kohei Jinno sagte gegenüber BBC und CNN, er habe keine Lust, sich die Spiele überhaupt anzusehen. Er wolle seinen kleinen Tabakladen nicht aufgeben, seine gewohnte Umgebung nicht verlassen. Sonst würde er die eingeschworene Gemeinschaft der Nachbarschaft verlieren – ein hoch geschätztes Gut in Japan.

Schon 1964, zur ersten Olympiade in Tokio nach dem Zweiten Weltkrieg, brach das Baufieber aus. Nur fehlte es an Platz. Deshalb wurde die neue Stadtautobahn kurzerhand über Flüsse gelegt; Kanäle wurden zugeschüttet. Das bekannteste Beispiel ist die Brücke Nihonbashi, früher das Symbol eines wichtigen Handelsviertels. Seither ist sie im Schatten einer achtspurigen Autobahn – eine Bausünde erster Güte.

Auch das legendäre Hotel Okura muss weichen

Die zweite Möglichkeit, Platz zu schaffen, sind künstliche Inseln. Durch das Vermischen von Schutt und Erde wird zugleich ein Abfallproblem gelöst. Auch das Olympische Dorf wächst auf künstlichem Inselboden, auf Harumi. 85 Prozent der Veranstaltungen sollen in einem Radius von acht Kilometern drumherum stattfinden. Mit dem Versprechen, sehr kompakte Spiele abzuhalten, setzte sich Tokio im September 2013 gegen Madrid und Istanbul durch. Vielleicht zu Unrecht. Denn um Kosten zu sparen, aber auch aus praktischen Gründen zieht Tokio nun auch weiter entfernte Veranstaltungsorte in Betracht. Weil die Strecke für die Segelregatta zu nahe am Flughafen Haneda liege, könnten Helikopter von Fernsehstationen womöglich den Flugbetrieb stören, heißt es.

Die Megametropole wird ihr Aussehen also noch häufiger als bisher ändern. Altes muss Neuem Platz machen, wie das Hotel Okura, eines der etabliertesten Japans. Es wird 2015 abgerissen und vier Jahre später in einem 38-stöckigen Glasturm wiedereröffnet. Seit 1962 lieben seine Fans es für die Mischung aus traditionellem japanischem Design und Modernismus der Sechziger. Viele Filme wie das James-Bond-Epos „Man lebt nur zweimal“ spielen dort.

Die Proteste der Anwohner verhallen

Auch der Abriss des alten Nationalstadions scheint trotz der Proteste und Terminverschiebungen besiegelt. Der langjährige Anwohner, der 80-jährige Jinno, schimpft: „Ich bin sehr ungehalten, weil sie viel Geld für das neue Stadion verwenden werden, nachdem sie jahrzehntelang Steuergelder in das alte Stadion gesteckt haben, um etwas zu erhalten, das nur ein paar Mal pro Jahr genutzt wird.“ Lieber sollten sie in den Wiederaufbau der vom Tsunami und von der Atomkatastrophe betroffenen Gebiete in Nordjapan investieren. Zwar wurde bei der Olympia-Bewerbung damit geworben, dass man den Menschen dort Mut machen wolle. Doch wer dieser Tage mit Betroffenen spricht, hört immer, dass schon jetzt die Preise für Baumaterialien explodierten, Handwerker seien kaum noch zu bekommen. Wer die vielen Baustellen in Tokio sieht, weiß, warum.