Toleranz in der Schule Warum Homosexualität immer noch ein Tabuthema ist

Akiko Lachenmann, 05.12.2012 16:00 Uhr

Stuttgart - Er geht gern zur Arbeit. Morgens wählt er seine Garderobe so, wie es sich für einen Schulleiter geziemt: Hemd, Schuhe aus Leder und, wenn es der Anlass erfordert, auch mal ein Jackett. Dass er gerne Ohrringe, pinkfarbene Hemden und mit Nieten besetzte Gürtel trägt, dass sein schwarz-lockiges Haar bis auf die Schultern fällt, gehört für ihn zum Ausdruck seiner persönlicher Freiheit. Der 39-jährige Holger Henzler-Hübner ist schwul. Bei seiner Einstellungsfeier vor einem Jahr stellte er auch gleich seine Familie vor: den Ehepartner und den adoptierten Sohn.

Henzler-Hübner ist die Ausnahme, der Exot, der Ausreißer in der Statistik. Die Realität ist für homosexuelle Lehrer eine andere, eine kompliziertere, in der das Anderssein teilweise verschwiegen, teilweise angedeutet und nur, wenn die Umstände günstig sind, vereinzelt offenbart wird. Der Grund für die Scheu ist Angst. Die Schule, wo Kinder sich zu mündigen und toleranten Persönlichkeiten entwickeln sollen, gehört zu den homophoben Orten in der Gesellschaft. Klaus Wowereit, Elton John und das „Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz“ haben daran nichts geändert.

Fast zwei Drittel aller Schüler lehnen bundesweiten Umfragen zufolge Homosexualität ab, finden sie „nicht gut“ oder „überhaupt nicht gut“. Auf Pausenhöfen sind Ausdrücke wie „voll schwul“ oder „Schwuchtel“ weit verbreitete Schimpfwörter. Sogar im Lehrerzimmer stoßen homosexuelle Lehrer auf Ressentiments, wie eine von dem Referendar Arne Müller initiierte Befragung von mehr als 1000 schwulen Kollegen ergab. Demnach geben 15 Prozent an, sich ausgegrenzt zu fühlen. Acht Prozent berichten von Beleidigungen durch ihre Kollegen. Hinzu kommen häufig Eltern mit sehr tradierten Vorstellungen von Familie. Wenn die Schule in einem auffallend religiös geprägten Landstrich liegt, ist die Furcht der schwulen Lehrer vor einer Diskriminierung am größten.

Den Schülern gegenüber lässt er sich nichts anmerken

In so einem Schulumfeld arbeitet zurzeit Christoph Bayer, ein Deutschlehrer an einem kleinen Gymnasium irgendwo zwischen Karlsruhe und Pforzheim. Genauer will er es nicht beschreiben, auch seinen richtigen Namen möchte er nicht preisgeben. Im Kollegium wussten bald alle Bescheid, eine lesbische Kollegin hatte den Weg geebnet. Den Schülern gegenüber lässt er sich aber immer noch nichts anmerken. Er fürchte vor allem die Reaktionen der Eltern, sagt er. Als Schüler den „Krabat“ von Otfried Preußler aufführen sollten, stellten sich einige der Eltern quer. Der Krabat sei ein Teufelswerk und „eine Gefahr für ungefestigte Kinderseelen“, hieß es. „Wenn bekannt wird, dass ich schwul bin, stelle ich für sie dann auch eine Gefahr dar?“, fragt sich Christoph Bayer. Was, wenn ihn Schüler fragen? Soll er schwindeln und damit zu verstehen geben, dass man über das Schwulsein nicht spricht? Welch ein Vorbild wäre er, vor allem für all jene Schüler, die so fühlen wie er? Laut Schätzung der Bundeszentrale für politische Bildung sind das zwei bis drei pro Klasse.

Der Junglehrer suchte Rat im Internet - und fand „Schwule Lehrer“, einen Arbeitskreis der Lehrergewerkschaft GEW. In Berlin tagt die Gruppe seit 1978. Baden-Württembergs GEW brauchte 30 Jahre länger. Seit März 2008 gibt es das Angebot für schwule Lehrer, sich an einem geschützten Ort auszutauschen. „Eine schwere Geburt“, erinnert sich der Vorsitzende Udo Fleige. Nach zwei Fehlstarts – zunächst erschienen eher therapiebedürftige Personen – kamen regelmäßig vier Lehrer zusammen. Seither hat sich vieles getan. Stolz zeigt Fleige einen Artikel über den Arbeitskreis, der vor wenigen Monaten in der Mitgliederzeitschrift der Gewerkschaft erschienen ist. „Mit Foto“, betont er. Zu sehen sind neun schüchtern bis fröhlich dreinblickende Männer. Für Fleige „ein Dokument von historischer Bedeutung“.

Anfang der 70er Jahre, als sich Homosexuelle in Deutschland gegen die Diskriminierung zu wehren begannen, verhüllten sie bei Demonstrationen ihre Gesichter unter weißen Kapuzen. „Unzucht“ unter Männern stand unter Strafe. An Schulen wurden Filme wie „Christian und sein Briefmarkenfreund“ gezeigt: Ein Lehrer lädt einen Schüler zu sich in die Wohnung ein und wird zudringlich. Es sollte ein Aufklärungsfilm sein, und nebenbei stigmatisierte er homosexuelle Lehrer. Bis heute hält sich bei vielen Eltern die Furcht, schwule Lehrer könnten sich an den Schülern vergehen. An einer Renninger Schule wollte eine Mutter ihren Sohn nicht mit dem Lehrer ins Schullandheim fahren lassen. Im Internet erzählen Lehrer, sie müssten sich Fragen gefallen lassen wie: „Gehen Sie auch allein aufs Zimmer der Kinder?“