ExklusivTomTom-Verkehrsanalyse für Stuttgart Staus sind donnerstags besonders lang

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Der 18. Juni 2015, als auch Helene Fischer in der Mercedes-Benz-Arena auftrat, gilt als der verkehrsreichste Tag des vorigen Jahres in Stuttgart. Weitere Ergebnisse des Verkehrsindexes von TomTom geben Autofahrern wertvolle Hinweise.

Am Donnerstag, 18. Juni, als  auch Helene Fischer im Stadion auftrat, gab es voriges Jahr in  der Landeshauptstadt die meisten Staus. Foto: dpa
Am Donnerstag, 18. Juni, als auch Helene Fischer im Stadion auftrat, gab es voriges Jahr in der Landeshauptstadt die meisten Staus.Foto: dpa

Stuttgart - Stuttgart ist auch nach Erkenntnissen des weltweit tätigen Navigationsgeräteherstellers und Verkehrslage-Dienstleisters TomTom die Stadt mit den längsten Staus in Deutschland. Das geht aus dem neuesten weltweiten Verkehrsindex hervor, den das Unternehmen am Dienstag veröffentlicht und der der Stuttgarter Zeitung vorab exklusiv vorliegt. Danach rangiert im bundesweiten Ranking Stuttgart vor Hamburg, Köln und München. In einer Erhebung des Datendienstleisters Inrix, die vor einer Woche publiziert worden war, ist Stuttgart vor Köln und Karlsruhe die Stau-Hauptstadt der Republik. Danach standen die Autos 2015 im Schnitt 73 Stunden im Stau – eine Zunahme von achteinhalb Stunden gegenüber 2014.

TomTom verwendet für seine Analyse Daten, die automatisch aus den Navigationsgeräten an die Firmenzentrale gesendet werden. Das Unternehmen bilanziert – anders als Inrix – daraus keine Gesamtstauzeit, sondern berechnet, wie viel länger der Autofahrer für die Strecke braucht im Vergleich zur staufreien Verkehrslage. Daraus wird die Zeit ermittelt, die der Autofahrer durchschnittlich mehr benötigt, wenn er ohne Verkehrsbehinderungen eine Stunde unterwegs wäre.

In Stuttgart beträgt diese zusätzliche Fahrtzeit im Tagesdurchschnitt 19 Minuten und 48 Sekunden. Das ist der Spitzenwert in Deutschland. In Hamburg und Köln sind es 18 Minuten, in München 17 Minuten und 24 Sekunden und in Berlin 16 Minuten und 48 Sekunden. Noch dahinter rangieren Frankfurt, Düsseldorf, das Ruhrgebiet und Bremen, wo man „nur“ elf Minuten und 24 Sekunden länger unterwegs ist. Im internationalen Vergleich – Spitzenreiter ist Mexiko-Stadt (35 Minuten und 24 Sekunden) liegt Stuttgart damit offenbar in den Top 50.

Was die Auswertung von TomTom so interessant macht, ist aber, dass „es uns eigentlich nicht darum geht, einer Stadt schlagzeilenträchtig den Titel Stauhauptstadt aufzudrücken, sondern wir wollen in unseren Analysen tiefer gehen und den Städten Hinweise geben, was zu tun sein könnte“, sagt Thomas Hüffer von der Tom-Tom-Deutschlandzentrale im bayerischen Ismaning. Deshalb haben Vertreter des Unternehmens bereits am Freitag die wichtigsten Werte im Rathaus präsentiert.

Die langen Staus gibt es vor allem im Berufsverkehr, dann sind die meisten Menschen mit Autos unterwegs. Die zusätzliche Fahrtzeit in den Hauptverkehrszeiten ist daher höher als im Tagesdurchschnitt. In Stuttgart liegt sie bei einer normalerweise einstündigen Fahrt morgens während des Berufsverkehrs bei einer halben Stunde, in den Spitzenstunden nachmittags sind es 37 Minuten und zwölf Sekunden. Letzteres ist der absolute Spitzenwert in Deutschland. Nur München und Köln mit zusätzlichen Fahrtzeiten jenseits der 30-Minuten-Marke halten noch einigermaßen mit.

Auffallend für die Experten ist, dass die verkehrsreichste Zeit im morgendlichen Berufsverkehr von Montag bis Donnerstag die Stunde von 8 bis 9 Uhr ist. Hier müssen die Autofahrer damit rechnen, dass sie rund 50 Prozent mehr Zeit für ihre Strecke benötigen als ohne Verkehrsbehinderungen. Der Spitzentag ist aber nicht der Montag (plus 51 Prozent), sondern der Dienstag mit 54 Prozent höherem Zeitaufwand. Am Freitag liegt die Spitzenstunde im übrigen zwischen 7 und 8 Uhr, die zusätzliche Fahrtzeit beträgt „nur“ 37 Prozent. „Die Leute fangen freitags früher an, weil sie schon am Nachmittag nach Hause gehen“, glaubt Hüffer. Daher liegt die Spitzenstunde im abendlichen Berufsverkehr am Freitag auch zwischen 16 und 17 Uhr, während sie an den anderen Wochentagen von 17 bis 18 ist. Am meisten Verkehr herrscht dabei am Donnerstagnachmittag, wo durchschnittlich mit einer rekordverdächtigen zusätzlichen Fahrzeit von 76 Prozent gerechnet werden muss – statt 60 als gut 105 Minuten.

Die hohe Belastung am Donnerstag und die geringe am Freitag (morgens plus 37 Prozent, nachmittags plus 59 Prozent) erklärt sich Hüffer damit, dass Wochenendpendler am Donnerstag nach Hause führen und am Freitag Homeoffice machten und zudem Teilzeitkräfte bevorzugt am Freitag und mit Abstrichen am Montag frei hätten, um ein langes Wochenende zu haben. Aus letzterem resultiere auch, dass der Montag sowohl im morgendlichen wie im abendlichen Berufsverkehr (je plus 51 Prozent Fahrtzeit) ein starker, aber nicht der stärkste Tag der Woche sei. Im übrigen ist die Belastung im abendlichen Berufsverkehr an allen Wochentagen in Stuttgart am höchsten – in den anderen Großstädten Deutschlands liegen die Werte teilweise deutlich niedriger. Im morgendlichen Berufsverkehr rangiert Stuttgart nur am Freitag vorn, an den anderen Tagen sind es München und Frankfurt.

In dieser Kategorie kommt TomTom zu ähnlichen Ergebnisse wie Inrix. Die B 27 im Bereich des Pragsattels und weiter auf der Heilbronner Straße gehört genauso wie die B 10 zwischen Pragsattel und Gaisburger Brücke zu den stauträchtigen Strecken. Auch die B 14 im Teilbereich Hauptstätter Straße bis Kaltental und die B 27 zwischen Charlottenplatz und Degerloch ist stark belastet, hinzu kommen die Wagenburgstraße im Stuttgarter Osten und die Schillerstraße direkt vor dem Hauptbahnhof.

Nach den Berechnungen von TomTom steht ein Pendler, der normalerweise 30 Minuten für die Fahrt zwischen seinem Wohnort und dem Arbeitsplatz braucht, damit pro Jahr fast 16,5 Arbeitstage im Stau. Das seien mehr als drei Arbeitswochen, die der durchschnittliche Berufstätige im Auto verbringe. „Das ist enorm viel Freizeit“, sagt Hütter, zumal Pendler oft durch die Stausituation gestresst seien.

Für den TomTom-Manager sollten diese Zahlen Anlass genug sein, dass sich die Politik und die Wirtschaft intensiver mit dem Problem beschäftigen – nicht zuletzt, weil Stuttgart wie München als starker Wirtschaftsstandort in der Zukunft eher mit mehr als mit weniger Verkehr rechnen müsse. Da der Ausbau der Infrastruktur – also mehr Straßen und mehr Schienen – platzmäßig und finanziell an Grenzen stoße, müsse die vorhandene Kapazität sinnvoller genutzt werden – „beispielsweise indem es Berufstätigen ermöglicht wird, die Spitzenzeiten zu vermeiden“, sagt Hüffer. Er rät den Autofahrern, flexibler zu sein – sowohl in der Streckenauswahl als auch in den Zeiten, zu denen man fährt.

Ermittelt wird auch der verkehrsreichste Tag des Jahres 2015. In Stuttgart war das der 18. Juni – der Tag, an dem 40 000 das Farbenspiel-Konzert von Helene Fischer in der Mercedes-Benz-Arena besuchten und an dem es kalt und regnerisch war, was prinzipiell die Gefahr von Staus erhöht.