Tote Hosen in der Schleyerhalle Ab durch die Mitte

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Mitsingen und mitfeiern: die Toten Hosen beglücken das Publikum bei ihrem Auftritt in der ausverkauften Stuttgarter Schleyerhalle.

  Foto: dpa-Zentralbild
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Stuttgart - Vier Bands, fünf Mark: so simpel lautete die Eintrittspreisgleichung Mitte der achtziger Jahre im Bremer Kulturzentrum Schlachthof. Nahezu jeden Freitag gaben sich dort im miefigen Magazinkeller Punkbands die Klinke in die Hand. Es ging außerordentlich lautstark zu, dreckig im wörtlichen wie im übertragenen Sinne, und angesichts der zweiten Gleichung – Bier eine Mark plus fünfzig Pfennig Pfand – auch sehr hopfenselig. Die (ab)gerissensten Gestalten brachten von daheim eine Plastiktüte mit Leergut mit, um sich mit dem umgemünzten Pfand erst einmal ihr Startkapital zu organisieren. Das war Punk!

Es begab sich zu jener Zeit, genauer gesagt zu Ostern 1982, dass genau in diesem Bremer Schlachthof die Toten Hosen ihr ­allererstes Konzert überhaupt gaben. Hervorgegangen waren sie aus der Düsseldorfer Band ZK, die anfangs beinharten Punkrock spielte, ehe sie sich stilistisch öffnete, was erwähnt werden soll, weil sich Geschichte bisweilen doch wiederholt.

Bombenstimmung in der Schleyerhalle

Dreißig Jahre später nämlich steht die gleiche Band auf der Bühne der Stuttgarter Schleyerhalle, in der alles andere als tote Hose herrscht. Die Arena ist mit 13 000 Besuchern gefüllt, und als die Band schon zwei Stunden nach der auf den Eintrittskarten angegebenen Einlasszeit mit ihrem Konzert beginnt, braucht sie keine halbe Stunde, keine zehn Minuten, keine Minute, sondern lediglich zehn Sekunden, um das Publikum auf ihrer Seite zu haben. Selten hat man in der Schleyerhalle ein so schnell und so gründlich enthusiasmiertes Publikum erlebt wie am Sonntagabend. Bombenstimmung in einer seit Wochen restlos ausverkauften Arena. So gesehen ist also ­alles bestens.

Es ist schließlich klar, dass bei einem Konzert der Toten Hosen keine filigran vorgebrachten instrumentalen Fertigkeiten in gediegener Atmosphäre zu erwarten sind, sondern dass die Lieder dieser Band auch und vor allem im Ballermann auf Mallorca, in den Bierzelten der Republik, im Main­streamradio und bei Sportgroßveranstaltungen laufen. Weil sie eben hinreichend eingängig und mitgrölfähig sind.

Dem könnten die Toten Hosen nun entgegentreten, indem sie Lieder mit rotzigerem Charme spielen würden, die sie bekanntlich sehr wohl im Repertoire haben – „Liebesspieler“ etwa oder „Opel Gang“. Letzteres war lange fester Teil ihrer Konzerte. Aber sie wählen ihre eingängigsten und massenkompatibelsten Nummern aus, von Bonnie & Clyde“ über „Alex“ bis hin zum Jägermeisterliedchen. Das ist zumindest eine vergebene Chance. Mit einer Punkrockattitüde hat es absolut nichts zu tun.

Zum Abschied ertönt „You never walk alone“

Gewürzt wird das Konzert mit der von den Toten Hosen sattsam bekannten Cover­version von „Hang on Sloopy“, zum Abschied ertönt „You never walk ­alone“, die einst nur im Liverpooler Stadion an der Anfield Road gesungene, mittlerweile aber in jeder deutschen Bezirkssportanlage gedudelte Fußballfanhymne; ein Ausweis sonderlicher Originalität ist diese Nummer jedenfalls nicht mehr.

Richtig verblüffend wird es jedoch genau zur Konzertmitte, als die Toten Hosen das Lied „Schrei nach Liebe“ interpretieren, eine der bekanntesten Nummern der Ärzte, jener zweiten deutschen Band, die mühelos von den kleinsten Schmuddelschuppen bis zu den größten Hallen der Republik durch die Institutionen marschiert ist. Wofür wird hier der Beleg geliefert? Für kumpelhaftes Einverständnis zwischen Ärzten und Hosen, für einen parallel gegangenen langen Weg in Richtung Massentauglichkeit, für die Austauschbarkeit der Inhalte womöglich?

Solche Fragen könnte man stellen an eine Band, die in Stuttgart ein Keyboard dabei hat, die im Verlauf des Auftritts tatsächlich Konfetti auf das Publikum regnen lässt, deren Vorsteher beteuert, was für ein feiner Kerl doch der einstige VfB-Trainer Markus Babbel sei und wie gerne man doch in Stuttgart sei, „weil man sich hier immer wieder hochzieht, wenn man auf der Fresse liegt“, wie Campino sagt. So, so.

Die Hosen musizieren satt über zwei Stunden

Aber man kann, darf und muss nichts gegen dieses Konzert sagen. Die Show ist in Ordnung, der Auftritt gerät zwar nicht so ausufernd wie hierzulande auch schon von den Toten Hosen erlebt, aber immerhin musizieren sie inklusive der erwartbaren Zugaben (sie sind in der Tat so erwartbar, dass niemand im Publikum sie einfordert, weil jedermann klar ist, dass sie kommen) satt über zwei Stunden. Geboten wird besonders in den Zugaben ein Querschnitt durch viele ihrer Hits, im regulären Teil des Konzerts liegt der Schwerpunkt auf dem aktuellen Album „Ballast der Republik“, von dem die Hälfte gespielt wird – und von dem am Ende vor den Zugaben selbstverständlich auch der aktuellste Gassenhauer „Tage wie diese“ erklingt.

Hier wird eine Erwartung erfüllt. Auch dies kann man der Band nicht zum Vorwurf machen, es ist nun mal (wie auch die kollektive, sich selbst in ihrem Partyanspruch vergewissernde Riesenstimmung) Ausdruck einer zunehmenden Eventkultur­fixierung unserer Gesellschaft.

Müßig daher zu spekulieren, ob die Toten Hosen auf dem Weg ab durch die Mitte gesellschaftliche Ideale einer Bewegung verraten haben. Denn dass sie ordentliche Mainstreamrockmusik machen, aber beim besten Willen schon weit vom Punkrock entfernt sind, werden vermutlich nicht einmal die Toten Hosen selber bestreiten.

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5 KommentareKommentar schreiben

War dieser Mann wirklich auf dem Konzert???: Ich finde es ziemlich merkwürdig, wenn man sich darüber beschwert, dass zum Beispiel Opelgang nicht gespielt wurde - dann war ich wahrscheinlich auf einem anderen Konzert, denn auf dem Hosen-Konzert, wo ich am Sonntag war, lief dieses Lied jedenfalls sehr wohl... Schrei nach Liebe ist auf dem neuen Album, also auch nicht sehr verwunderlich, dass es läuft! Insgesamt hätte ich mir als alter Hosen-Fan mit Konzertjubiläum von 20 Jahren dieses Jahr auch mehr ältere Lieder gewünscht (so wie 2008 in Stuttgart), aber insgesamt war dies wie immer ein sehr cooles Konzert, zu dem man besser einen Reporter geschickt hätte, der sich mit der Band vorher zumindest ein bisschen befasst hat... Und dass Punkmusik dieser Art inzwischen zum Mainstream gehört, haben wir wohl alle schon vorher gemerkt, sonst würde es auch nicht im Radio hoch und runter gespielt - wobei ich es vollkommen legitim finde, auf diesen Zug aufzuspringen, sofern die Möglichkeit besteht, denn in der heutigen Zeit kann man als Musiker wohl nur noch mit ausverkauften Hallen wirklich Kohle verdienen...

Das einzige was ich vermisst habe...: ... war am ersten Advent ein Weihnachtslied.

Hosen: Sehr geehrter Herr Welke, wenn sie sich vor dem Konzert 10 Minuten mit den Toten Hosen beschäftigt und auch das Album 'Die Geister die wir riefen' nur angeschaut (sie hätten es nicht einmal anhören müssen) hätten, wäre ihr Mittelteil des Artikels entfallen und die Frage zu dem kumpelhaften Einverständnis mit den Ärzten geklärt. Außerdem scheinen sie sich ja in der Vielzahl der deutschen Bezirkssportanlagen prima auszukennen. Gerade deshalb müsste ihnen eigentlich bekannt sein, dass das letzte Lied 'You'll never walk alone' und nicht anders heißt. Bei diesem Lied geht es Campino und Co. keinesfalls um die von ihnen angesprochenen Originalität, vielmehr ist es für die Toten Hosen selbst, als auch für die 12.999 Fans, der Klassiker zum Finale.

Opel Gang: Liebesspieler kam zwar nicht. Opel Gang haben die Hosen aber schon gespielt. Aber bei dem breiigen Sound konnte ich auch nicht immer alles erkennen ;).

Tote Hosen in der Schleyerhalle: „Lieder mit rotzigerem Charme“ wie das Lied von der Opel Gang wünschte sich Herr Welke vom Hosen-Konzert und beklagt die vergebene Chance. Na, die Chance hat offensichtlich er vergeben. Die Hosen spielten das Lied jedenfalls am Sonntag in der Schleyerhalle – zwischen „Strom“ und „All die ganzen Jahre“. Auch sonst kann man der Songauswahl nicht unbedingt Mainstream vorwerfen, immerhin waren mit „Reisefieber“ (aus dem ersten Album von 1982!) und „Mädchen aus Rottweil“ eher selten gespielte Stücke dabei. Daraus, dass eine Band ansonsten ihre größten Hits spielt, sollte man ihr auch keinen Vorwurf machen, genauso wenig wie man Stücke wie „Bonny & Clyde“ oder „Alex“ dem Ballermann zuordnen kann. Es ist halt Segen und Fluch mit „Tagen wie diesen“ den Zeitgeist getroffen zu haben und den von Herrn Welke zu Recht ausgemachten kollektiven Partyanspruch zu bedienen. Campino selbst wollte den Titel ursprünglich ja auch nicht auf dem neuen Album veröffentlichen und wird sich nun zuweilen vorkommen wie der Zauberlehrling, der die Geister nicht mehr los wird, die er dadurch gerufen hat. Was die Spekulation um den Verrat gesellschaftlicher Ideale einer Bewegung angeht – dazu haben die Toten Hosen selbst bereits im Jahr 1999 die treffende Antwort im Song „Helden und Diebe“ gegeben. Anhören muss man sich den allerdings wohl von der Konserve; mit 6 Minuten inclusive einem langen instrumentalen Intro passt er heute kaum noch in ein Livekonzert, das schnell geschnitten sein muss. Verblüffender als der „Schrei nach Liebe“ – von den Hosen schon des öfteren dargeboten – war, dass zu Hannes Waders „Heute hier, morgen dort“ gepogt wurde. Den Song hatte man bisher doch eher mit Lagerfeuerromantik verbunden. Erstaunlich auch die Textsicherheit von vielen sehr jungen Konzertbesuchern selbst bei alten Stücken. Da wurden offensichtlich 30 Jahre DTH großflächig aufgearbeitet – und allein das rechtfertigt doch schon, dass die Konzerte zwar immer noch gut, aber doch ein gutes Stück weit Massenware geworden sind.

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