Tote Hosen in der Schleyerhalle Ab durch die Mitte

Jan Ulrich Welke, 03.12.2012 19:14 Uhr

Stuttgart - Vier Bands, fünf Mark: so simpel lautete die Eintrittspreisgleichung Mitte der achtziger Jahre im Bremer Kulturzentrum Schlachthof. Nahezu jeden Freitag gaben sich dort im miefigen Magazinkeller Punkbands die Klinke in die Hand. Es ging außerordentlich lautstark zu, dreckig im wörtlichen wie im übertragenen Sinne, und angesichts der zweiten Gleichung – Bier eine Mark plus fünfzig Pfennig Pfand – auch sehr hopfenselig. Die (ab)gerissensten Gestalten brachten von daheim eine Plastiktüte mit Leergut mit, um sich mit dem umgemünzten Pfand erst einmal ihr Startkapital zu organisieren. Das war Punk!

Es begab sich zu jener Zeit, genauer gesagt zu Ostern 1982, dass genau in diesem Bremer Schlachthof die Toten Hosen ihr ­allererstes Konzert überhaupt gaben. Hervorgegangen waren sie aus der Düsseldorfer Band ZK, die anfangs beinharten Punkrock spielte, ehe sie sich stilistisch öffnete, was erwähnt werden soll, weil sich Geschichte bisweilen doch wiederholt.

Bombenstimmung in der Schleyerhalle

Dreißig Jahre später nämlich steht die gleiche Band auf der Bühne der Stuttgarter Schleyerhalle, in der alles andere als tote Hose herrscht. Die Arena ist mit 13 000 Besuchern gefüllt, und als die Band schon zwei Stunden nach der auf den Eintrittskarten angegebenen Einlasszeit mit ihrem Konzert beginnt, braucht sie keine halbe Stunde, keine zehn Minuten, keine Minute, sondern lediglich zehn Sekunden, um das Publikum auf ihrer Seite zu haben. Selten hat man in der Schleyerhalle ein so schnell und so gründlich enthusiasmiertes Publikum erlebt wie am Sonntagabend. Bombenstimmung in einer seit Wochen restlos ausverkauften Arena. So gesehen ist also ­alles bestens.

Es ist schließlich klar, dass bei einem Konzert der Toten Hosen keine filigran vorgebrachten instrumentalen Fertigkeiten in gediegener Atmosphäre zu erwarten sind, sondern dass die Lieder dieser Band auch und vor allem im Ballermann auf Mallorca, in den Bierzelten der Republik, im Main­streamradio und bei Sportgroßveranstaltungen laufen. Weil sie eben hinreichend eingängig und mitgrölfähig sind.

Dem könnten die Toten Hosen nun entgegentreten, indem sie Lieder mit rotzigerem Charme spielen würden, die sie bekanntlich sehr wohl im Repertoire haben – „Liebesspieler“ etwa oder „Opel Gang“. Letzteres war lange fester Teil ihrer Konzerte. Aber sie wählen ihre eingängigsten und massenkompatibelsten Nummern aus, von Bonnie & Clyde“ über „Alex“ bis hin zum Jägermeisterliedchen. Das ist zumindest eine vergebene Chance. Mit einer Punkrockattitüde hat es absolut nichts zu tun.

Zum Abschied ertönt „You never walk alone“

Gewürzt wird das Konzert mit der von den Toten Hosen sattsam bekannten Cover­version von „Hang on Sloopy“, zum Abschied ertönt „You never walk ­alone“, die einst nur im Liverpooler Stadion an der Anfield Road gesungene, mittlerweile aber in jeder deutschen Bezirkssportanlage gedudelte Fußballfanhymne; ein Ausweis sonderlicher Originalität ist diese Nummer jedenfalls nicht mehr.

Richtig verblüffend wird es jedoch genau zur Konzertmitte, als die Toten Hosen das Lied „Schrei nach Liebe“ interpretieren, eine der bekanntesten Nummern der Ärzte, jener zweiten deutschen Band, die mühelos von den kleinsten Schmuddelschuppen bis zu den größten Hallen der Republik durch die Institutionen marschiert ist. Wofür wird hier der Beleg geliefert? Für kumpelhaftes Einverständnis zwischen Ärzten und Hosen, für einen parallel gegangenen langen Weg in Richtung Massentauglichkeit, für die Austauschbarkeit der Inhalte womöglich?

Solche Fragen könnte man stellen an eine Band, die in Stuttgart ein Keyboard dabei hat, die im Verlauf des Auftritts tatsächlich Konfetti auf das Publikum regnen lässt, deren Vorsteher beteuert, was für ein feiner Kerl doch der einstige VfB-Trainer Markus Babbel sei und wie gerne man doch in Stuttgart sei, „weil man sich hier immer wieder hochzieht, wenn man auf der Fresse liegt“, wie Campino sagt. So, so.

Die Hosen musizieren satt über zwei Stunden

Aber man kann, darf und muss nichts gegen dieses Konzert sagen. Die Show ist in Ordnung, der Auftritt gerät zwar nicht so ausufernd wie hierzulande auch schon von den Toten Hosen erlebt, aber immerhin musizieren sie inklusive der erwartbaren Zugaben (sie sind in der Tat so erwartbar, dass niemand im Publikum sie einfordert, weil jedermann klar ist, dass sie kommen) satt über zwei Stunden. Geboten wird besonders in den Zugaben ein Querschnitt durch viele ihrer Hits, im regulären Teil des Konzerts liegt der Schwerpunkt auf dem aktuellen Album „Ballast der Republik“, von dem die Hälfte gespielt wird – und von dem am Ende vor den Zugaben selbstverständlich auch der aktuellste Gassenhauer „Tage wie diese“ erklingt.

Hier wird eine Erwartung erfüllt. Auch dies kann man der Band nicht zum Vorwurf machen, es ist nun mal (wie auch die kollektive, sich selbst in ihrem Partyanspruch vergewissernde Riesenstimmung) Ausdruck einer zunehmenden Eventkultur­fixierung unserer Gesellschaft.

Müßig daher zu spekulieren, ob die Toten Hosen auf dem Weg ab durch die Mitte gesellschaftliche Ideale einer Bewegung verraten haben. Denn dass sie ordentliche Mainstreamrockmusik machen, aber beim besten Willen schon weit vom Punkrock entfernt sind, werden vermutlich nicht einmal die Toten Hosen selber bestreiten.