Tragikomödie in der ARD „Simon sagt auf Wiedersehen zu seiner Vorhaut“

Von Tilmann Gangloff 

Leider mit einem viel zu späten Sendetermin nach Mitternacht: „Simon sagt auf Wiedersehen zu seiner Vorhaut“ ist eine sehenswerte Tragikomödie über einen pfiffigen jüdischen Jungen kurz vor der Pubertät, dessen Leben gewaltig aus den Fugen gerät.

Jugend forscht (von links): Ben (Yuri Völsch), Simon (Maximilian Ehrenreich) und Clemens (Tristan Göbel) Foto: WDR
Jugend forscht (von links): Ben (Yuri Völsch), Simon (Maximilian Ehrenreich) und Clemens (Tristan Göbel) Foto: WDR

Stuttgart - Der ungewöhnliche Titel ist ein Signal: Dieser Film will anders sein als die üblichen Fernsehkomödien. Das komische Drama ist für die Debütreihe des Norddeutschen Rundfunks entstanden und erlebt seine ARD-Premiere leider erst weit nach Mitternacht. Dabei spricht „Simon sagt auf Wiedersehen zu seiner Vorhaut“ ein breites Publikum an, schließlich erzählt der Autor Georg Lippert eine heitere Romanze, die Viviane Andereggen erstaunlich unangestrengt umgesetzt hat. Das größte Kompliment gebührt ihr für die Führung des Hauptdarstellers: Der junge Maximilian Ehrenreich erweist sich als Naturtalent. Mit seinen gerade mal zwölf Jahren trägt er diesen Film wie ein Großer. Dabei sind seine Dialoge, in die immer wieder Talmud-Zitate einfließen, intellektuell nicht einfach, doch er besteht selbst Herausforderungen meisterlich, an der sogar prominente Schauspieler scheitern: Simon führt als Erzähler durch die Handlung, aber seine Off-Texte klingen nie vorgelesen oder auswendig gelernt.

Ehrenreich spielt einen pfiffigen Jungen kurz vor der Pubertät, dessen Leben aus den Fugen gerät: Simons Mutter Hannah (Lavinia Wilson) hat ihn und seinen Vater Frank (Florian Stetter) verlassen. Während Frank noch hofft, die Trennung sei nur vorübergehend, hat sich Hannah als Autorin erotischer Romane neu erfunden. Die Familie ist jüdischen Glaubens, was bislang aber keine große Rolle gespielt hat. Nun jedoch besinnt sich Frank der Traditionen und beginnt, ein konsequent religiöses Leben zu führen. Dazu gehört auch, dass sein bislang unbeschnittener zwölfjähriger Sohn rechtzeitig zur Bar Mitzwah seine Vorhaut verlieren soll. Schon allein beim Gedanken daran wird Simon ganz mulmig. Aber dann tritt eine Frau in sein Leben, die sämtliche Sorgen erst mal auslöscht. Die jüdische Gemeinde hat einen neuen Rabbiner, und als Simon den Seelsorger zum ersten Mal sieht, ist es umgehend um ihn geschehen: Rebecca Grünberg ist eine attraktive Frau um die dreißig, die prompt auch Frank verzaubert: Die Kanadierin Catherine De Léan („Schlussmacher“) ist als Traum der schlaflosen Nächte von Vater und Sohn neben Ehrenreich der zweite Glücksgriff des Films.

Im Rausch der Frühlingsfarben

Reduziert man Lipperts Drehbuch auf seinen Kern, handelt es von einer jugendlichen Schwärmerei, aber die Ansiedlung im jüdischen Milieu gibt der Geschichte ein spezielles Vorzeichen. Es ist beeindruckend, wie unverkrampft Buch und Regie mit der Religion umgehen. In Simons Leben hat der Glaube ja keine große Rolle gespielt, bis sein Vater gewisse orthodoxe Züge entwickelte. Entsprechend groß ist jetzt der Unwillen des Jungen, sich von seiner Vorhaut zu verabschieden. Als er jedoch mitbekommt, dass Rebecca das Ritual befürwortet, will er die Sache gleich selbst in die Hand nehmen, was buchstäblich in die Hose geht. Mindestens so sympathisch wie Simons Versuche, der Rabbinerin seine Liebe zu beweisen, ist Lipperts ironischer Umgang mit Franks religiösem Übereifer und den jüdischen Klischees. Und während Autoren anderswo genötigt werden, Fachbegriffe wie Bar Mitzwah umständlich zu erläutern, werden die Erklärungen hier kurzerhand als Fußnote eingeblendet. Andere Ideen entsprechen dem Genre, sind aber trotzdem überraschend und kurzweilig.

Für viel Trubel sorgt beispielsweise Simons älterer Freund Ben, gespielt vom ebenfalls famos geführten Yuri Völsch. Um eine Strategie zu entwerfen, wie Simon seine große Liebe erobern kann, hat er Rebeccas Lebenswandel auf einer Pinnwand dokumentiert. Dummerweise wird die im Keller versteckte Sammlung von Fotos und persönlichen Gegenständen, die jedem Stalker zur Ehre gereichen würde, von einem Mitglied der Gemeinde entdeckt, was nicht ohne Folgen für Franks bis dahin tadellosen Leumund bleibt. Einfach, aber wirkungsvoll ist auch das ästhetische Konzept: In der ersten Hälfte schwelgen die Bilder der Kamerafrau Judith Kaufmann im Rausch der Frühlingsfarben, aber weil die Handlung im weiteren Verlauf auch nachdenkliche Züge annimmt, verliert der Film nach und nach seine unbeschwerte Farbenfreude. Der Film ist definitiv zu schade, um in der Nacht versendet zu werden – wenigstens steht er noch eine Weile in der ARD-Mediathek zur Verfügung.

ARD, 21.6., 0.35 Uhr