Trainerwechsel in Wolfsburg Wolfsburger Sinneswandel

Frank Hellmann, 23.12.2012 13:43 Uhr

Wolfsburg - Klaus Allofs hat schon vorher gewusst, dass die Winterpause nicht zur besinnlichen Phase taugt. Doch der neue Geschäftsführer Sport des VfL Wolfsburg konnte kaum ahnen, dass seine erste Trainersuche sogar reihenweise Dauertelefonate aus seinem Weihnachtsurlaub am Lago Maggiore erforderlich machen würde. Letztlich hat der 56-Jährige kurz vor der Bescherung einen Aufsehen erregenden Blitzwechsel unter Dach und Fach gebracht und einen seiner Wunschkandidaten verpflichtet: Dieter Hecking vom 1. FC Nürnberg. „Er erhält einen Vertrag bis 2016“, bestätigte Allofs. Die Vorstellung soll nach den Weihnachtstagen erfolgen.

So wie Allofs im November aus seinem laufenden Kontrakt bei Werder Bremen ausstieg, scherte sich Hecking nicht um sein noch bis 2014 gültiges Arbeitspapier beim 1. FC Nürnberg. Erstaunlich, wie schnell diese beiden Protagonisten nun mit den Wölfen heulen, nachdem sie der Lockruf des generös alimentierten Werksvereins aus dem östlichen Niedersachsen ereilte. Am Donnerstag habe ihn Allofs angerufen, erklärte Hecking. „Ich habe dann hin und her überlegt, aber ich habe mir auch gesagt: ‚Dieter, jetzt musst du auch an dich denken!‘ Natürlich haben wirtschaftliche und familiäre Dinge eine Rolle gespielt.“

Hecking verdient doppelt so viel wie in Nürnberg

Zum einen dürfte der 48-jährige Fußballlehrer in Wolfsburg mutmaßlich fast das Doppelte seines bislang auf 900 000 Euro taxierten Jahresgehalts beziehen. Zum anderen ist die Ortsveränderung auch auf privater Ebene hilfreich: Seit seinem Amtsantritt am 22. Dezember 2009 in Nürnberg lebte er nämlich von seiner Frau Kerstin und den fünf Kindern weit entfernt, die stets im niedersächsischen Bad Nenndorf blieben. Bis an seine neue Dienststätte am Mittellandkanal ist es fortan lediglich eine gute Autostunde. Und sobald sich Hecking von den Folgen seiner Knieoperation erholt hat, kann er mitunter sogar wieder bei den Alten Herren der SG Bad Nenndorf/Riehe aushelfen.

Sein Weg in die Autostadt wurde nur frei, weil Bernd Schuster in die Sackgasse steuerte. Er hatte offenbar weitere Forderungen in Sachen Trainerstab und Prämienregelung nachgeschoben. Zudem konnten die Chefentscheider im Volkswagen-Konzern nicht negieren, dass Schuster ein Sturm der Entrüstung entgegenschlug. Und der VW-Kommunikationschef und Aufsichtsrat Stephan Grühsem hat für die künftige Wolfsburger Philosophie ja auch dies ausgegeben: „Wir müssen uns mit dem VfL erst einmal wieder etwas erarbeiten. Wir sind vor allem an Nachhaltigkeit und Langfristigkeit interessiert. Am liebsten möchte ich in ein paar Jahren Überschriften lesen über unsere tolle Jugendarbeit.“

Zum Auftakt geht es ins Trainingslager nach Belek

Unter diesen Prämissen passt der Talententwickler Hecking tatsächlich viel besser. Wenn der Fußballlehrer mit westfälischen Wurzeln am 3. Januar den überdimensionierten und überteuerten Wolfsburger Kader zum Trainingsauftakt empfängt und mit einem ausgesuchten Kreis noch am selben Tag ins Trainingslager an die türkische Riviera nach Belek reist, wird es darum gehen, Werte wie Bodenständigkeit und Glaubwürdigkeit zu vermitteln.

In Nürnberg macht sich Nachwuchscoach Wiesinger Hoffnungen

Gleichwohl hinterlässt der „Frankenversteher“ (Originalton Hecking) an alter Wirkungsstätte ein Fleckchen verbrannte Erde. Nürnbergs Manager Martin Bader macht gar keinen Hehl aus einer gewaltigen persönlichen Enttäuschung. „Es gab nie Indizien, dass es so enden könnte. Ich hätte mir gewünscht, dass man zumindest bis zum Sommer zusammenbleibt.“ Letztlich waren alle Überredungsversuche zwecklos, hatte Hecking doch eine Ausstiegsklausel in seinem Arbeitspapier verankert, die aus seinen Erfahrungen mit Alemannia Aachen rührte – dort musste ihn Hannover 96 im September 2006 freikaufen. Dem Vernehmen fließt eine Ablöse von knapp einer Million Euro „Ich versichere aber, dass ich lieber den Trainer Hecking behalten hätte“, sagte Bader, der nicht ausschließt, vorerst den Nachwuchscoach Michael Wiesinger zu befördern.

Der 39-Jährige ist als Ex-Profi mit den Gegebenheiten beim Club bestens vertraut und traut sich die Chefrolle zu. Gleichwohl wären die Fußstapfen gewaltig: Drei Jahre lang kultivierten Bader und Hecking eine fast vorbildliche Nachwuchsförderung – Nürnberg gäbe sogar ein Musterbeispiel für eine nachhaltige Entwicklung ab, wären nicht immer die besten Spieler von der Konkurrenz aufgekauft worden. Nun zieht es auch noch deren Ziehvater fort.