""Vielleicht schaffen wir ein Ergebnis, bei dem die Fußballwelt aufhorcht."
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Jens Lehmann über die Chancen beim FC Barcelona
Stuttgart - Damit sich das kickende Personal rechtzeitig an internationales Ambiente gewöhnt, hat der VfB-Zeugwart Michael Meusch zum Training schon mal die Champions-League-Bälle aus dem Netz gelassen. Und so bot sich auch Jens Lehmann reichlich Gelegenheit, sich nicht wie sonst nach Puma-Bällen zu hechten, sondern nach dem Leder aus dem Hause Adidas mit violetten Sternen und der Aufschrift "Finale 2009 - Roma" zu greifen. Immerhin ließ der VfB-Trainer Christian Gross die drei Torhüter Lehmann, Alexander Stolz und Timo Hammel sowie die 18 Feldspieler rekordverdächtige zwei Stunden und 25 Minuten trainieren.
Gegen Ende der Übungseinheit stand letztlich auch ein Elfmeterschießen auf dem Trainingsplan. Schließlich ist der 55-jährige Gross ein akribischer Arbeiter - und sagt vor dem Rückspiel im Achtelfinale der Champions League beim FC Barcelona, wo es ein 1:1 aus dem Hinspiel auszubauen gilt: "Wir wollen uns später nicht den Vorwurf machen, nicht an jedes Detail gedacht zu haben."
Zur Puzzlearbeit des gebürtigen Zürichers auf dem Trainingsplatz gehörte es zum Abschluss der 145-minütigen Einheit auch, das Gespräch unter vier Augen mit seinem Torwartroutinier Lehmann zu suchen. Dabei ging es Gross und Lehmann um die Barça-Freistoßschützen. "Egal ob Lionel Messi, Andrés Iniesta oder Xavi - alle sind gut", sagt Christian Gross, "und Jens weiß das. Er hat ja schon in so vielen großen Fußballkathedralen gespielt."
"Das Camp Nou fehlt mir noch"
Im Camp Nou, der im Ligabetrieb 99.000 Zuschauer fassenden Arena des amtierenden Club-Weltmeisters, Champions-League-Titelträgers, spanischen Meisters und Pokalsiegers FC Barcelona hat Jens Lehmann in seiner 19 Jahre währenden und 73 Champions-League-Spiele umfassenden Karriere allerdings noch nie seine Visitenkarte abgegeben. "Das Camp Nou fehlt mir noch", sagt der 40 Jahre junge Keeper, "das sind die Partien auf absolutem Weltklasseniveau, von denen jeder Profifußballer träumt."
Geht es allerdings nach den Analysten des Wettanbieters Oddset, dann dürfte die Premiere des VfB-Torhüters im Camp Nou bereits mit dessen Abschied vom internationalen Parkett einhergehen. Lediglich zwölf Euro zahlen die Buchmacher für zehn eingesetzte Euro im Falle eines Barça-Sieges - der VfB Stuttgart ist in der Runde der letzten 16 Teams des europäischen Fußballoberhauses also "der krasse Außenseiter", für den ihn selbst Christian Gross und Horst Heldt halten.
Der zuweilen kapriziöse Jens Lehmann hat sich über die lange Distanz seiner erfolgreichen Fußballerlaufbahn aber stets seine eigene Sicht der Dinge bewahrt. Und so macht der Goalie mit der Erfahrung von 386 Bundesligaspielen und 147 Einsätzen in der englischen Premier League seinen VfB-Kollegen Mut, indem er sagt: "Vielleicht schaffen wir ja ein Ergebnis, bei dem die gesamte Fußballwelt aufhorcht." Dann schiebt Lehmann noch tapfer nach: "Wir sind nicht der Favorit, aber wir haben mehr als eine Nullchance."
60.000 Euro Sonderprämie pro Spieler
Es wird nicht zuletzt von dem Torhüter selbst abhängen, wie teuer sich der VfB verkauft. "Es kommt nicht nur auf Jens an", sagt Horst Heldt, "aber auch auf ihn. Je länger er das zu null halten kann, umso größer werden unsere Möglichkeiten."
Ohnehin hat Lehmann mit Barça noch ein Hühnchen zu rupfen. Schließlich war er im Champions-League-Finale von 2006 im Dress des FC Arsenal nach einem Foul an Barcelonas Samuel Eto'o in der 18. Minute mit Rot vom Platz geflogen. Arsenal verlor damals mit 1:2.
Am Mittwoch geht es für den Torwart und seine Mitspieler zwar nicht um den Gesamtsieg, aber neben den sportlichen Meriten auch um einen stattlichen Nebenverdienst: Auf 60.000 Euro pro Kopf beläuft sich die Sonderprämie, die Ulrich Ruf ausschüttet, sollte dem VfB die Sensation gelingen, indem er Barça aus dem Wettbewerb schmeißt. Der Finanzchef kann sich diese großzügige Geste erlauben: Der Einzug ins Viertelfinale würde den Stuttgartern eine weitere Einnahme in Höhe von mindestens fünf Millionen Euro garantieren.
Noch acht Spiele in der Bundesliga
Jens Lehmann dürfte es aber gar nicht so sehr um die Extraeinnahmen gehen. Der 40-Jährige rechnet längst in einer anderen Währung. "Acht Spiele sind es noch in der Bundesliga - da kann man schon ein wenig wehmütig werden", sagte er nach dem Spiel auf Schalke, wo er 1991 in der Bundesliga debütierte. Ein Triumph über Barcelona würde seine Verweildauer auf der großen europäischen Bühne verlängern.
Was nach Saisonende kommt, ist noch nicht entschieden. Klar ist, dass Jens Lehmann den VfB verlassen wird. Auch ein Verbleib in der Bundesliga ist äußerst unwahrscheinlich. "Meine Frau und ich diskutieren noch", sagt der Torwart derweil zu einem möglichen Engagement in der US-Major-League Soccer. Dort sind Red Bull New York sowie der FC Dallas an einem guten Torhüter interessiert. In den USA würde Jens Lehmann auf alte Bekannte treffen: Er dürfte sich wie bei Arsenal nach Bällen der Firma Nike hechten.