Trauerfeier für Lothar Späth Für viele ist er schlicht ein Vorbild

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850 Ehrengäste nehmen beim Trauergottesdienst in Stuttgart Abschied von dem verstorbenen früheren Ministerpräsidenten des Landes, Lothar Späth. Die Beisetzung findet im engsten Familienkreis statt.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann würdigt Lothar Späth: „So viel Aufbruch war nie in Baden-Württemberg.“ Foto: dpa (2),  Lichtgut/Leif Piechowski (2) 13 Bilder
Ministerpräsident Winfried Kretschmann würdigt Lothar Späth: „So viel Aufbruch war nie in Baden-Württemberg.“Foto: dpa (2), Lichtgut/Leif Piechowski (2)

Stuttgart - Er muss ihn gut gekannt haben; sein damaliger Pfarrer den jungen Lothar. Wie sonst hätte er dem Konfirmanden einen solchen Spruch aussuchen können? „Nicht dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.“ 1951 war das, in Ilsfeld. Lothar Späth ist da konfirmiert worden. So erzählt es der evangelische Landesbischof Frank Otfried July. Das Nachjagen ist eine charakteristische Eigenschaft Späths geblieben. „So viel Aufbruch war nie in Baden-Württemberg seit der Gründung des Landes“, würdigt der heutige Chef der Landesregierung, Winfried Kretschmann, die Leistung seines Vorgängers im Amte.

Baden-Württemberg nimmt Abschied von einem ganz Großen. 850 Menschen sind zum Gottesdienst und zum Staatsakt in die Stiftskirche nach Stuttgart geladen. Die Feier wird übertragen – in die Domkirche St. Eberhard und im Fernsehen.

Die Kanzlerin Angela Merkel hat einen Kranz geschickt. Er steht gleich neben dem Foto des Verstorbenen und seinen zahlreichen Orden. Die derzeitige Landesregierung hat sich bei ihrem Kranz für gelbe Gerbera entschieden, der Landtagspräsident für gelbe Rosen. Auch der Vorstand des VfB Stuttgart ist mit einem letzten Gruß präsent und auch der Ulmer Oberbürgermeister.

Sie alle haben Lothar Späth etwas zu verdanken. Anne-Sophie Mutter drückt ihre Gefühle anders aus. Lothar Späth hat auf seine hemdsärmelige Art höchstpersönlich dafür gesorgt, dass das hochbegabte Mädchen aus Südbaden seine Talente an einer richtigen Stradivari formvollenden kann. Mutter ist lange zur Starviolinistin gereift. Mit Späth verband sie aber noch weit mehr, etwa die gemeinsame Stiftungsarbeit für künstlerisch tätige Menschen mit Behinderung. Mit Stipendiaten ihrer eigenen Stiftung – Mutter’s Virtuosi – sowie dem Bach-Collegium und der Gächinger Kantorei umrahmt Mutter Trauergottesdienst und Staatsakt.

Viele seiner Weggefährten sind gekommen

Bodo Ramelow ist auch in die Stiftskirche nach Stuttgart gekommen, um Späth die letzte Ehre zu erweisen. Der Linke-Politiker ist Ministerpräsident in Thüringen, dort, wo Späth seine Karriere nach der Karriere gemacht hat, bei Jenoptik in Jena. Als Bernhard Vogel Regierungschef in Thüringen war – auch der ist gekommen.

Natürlich sind auch einige von Späths politischen Weggefährten da. Erwin Vetter, der erste Umweltminister des Landes, zu dem ihn Späth nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl gemacht hatte; Roman Herzog, der zuerst Kultus- dann Innenminister in Stuttgart war, bevor er Verfassungsrichter und dann Bundespräsident wurde. Viele von Späths Ministerinnen und Ministern leben freilich schon nicht mehr.

Der Landesbischof erzählt nicht nur von Späths Konfirmationsspruch, sondern auch davon, dass der junge Lothar fromm erzogen wurde und in der Kinderkirche engagiert war. „Er hat seinen Denkspruch nicht beiseitegelegt“, so July. Vielmehr habe er „überlegt, Missionar zu werden“. Es scheint fast, als bedauere July, dass er es nicht geworden ist. Wie viel hätte Späth „mit seiner äußeren und inneren Bereitschaft, neugierig zu sein und Impulse zu geben“, auf diesem Feld bewegen können? Es ist anders gekommen, doch die Verbindung zu den frühen Erfahrungen mit der Kirche blieben bis zuletzt. „In den letzten Jahren ist Lothar Späth ins Land des Vergessens geführt worden, aber nicht in das des Vergessenwerdens“, sagt July – Späth war an Demenz erkrankt und lebte zuletzt in einem Pflegeheim. „Am Ende der Erinnerung sang er die geistlichen Lieder seiner Jugend“, so July.