Wie näherten sich deutsche Künstler im 20. Jahrhundert dem Phänomen Bauernkrieg? Wie unterschied sich die Rezeption der Aufstände in Ost und West? Mit diesen Fragen beschäftigt sich eine neue Ausstellung im Böblinger Bauernkriegsmuseum.
Im Jahr 1970 hat der damalige Bundespräsident Gustav Heinemann in Bremen eine viel beachtete Rede gehalten. Darin sprach er über Traditionen von Demokratie und Widerständigkeit in Deutschland und erwähnte in diesem Zusammenhang auch den Bauernkrieg von 1525. Dadurch erfuhren die Aufstände gegen die Obrigkeit wieder eine positive Wertung - nachdem sie in der deutschen Geschichtsschreibung lange Zeit bestenfalls ignoriert worden waren.
In der Ausstellung zu sehen ist beispielsweise ein monumentaler Holzschnitt des lange in Reutlingen lebenden Künstlers HAP Grieshaber. Wie viele andere Werke in der Ausstellung hat es die Form eines Triptychons, erinnert mit seiner Mitteltafel und seinen Seitenflügeln also an ein kirchliches Altarbild. Grieshabers Werk zeigt die Vierteilung von Jerg Ratgeb. In der Stuttgarter Region ist Ratgeb vor allem als Renaissancekünstler bekannt, dessen berühmtestes Werk der 1521 fertig gestellte Herrenberger Altar ist (heute hängt es in der Stuttgarter Staatsgalerie). Ratgeb engagierte sich allerdings auch politisch. 1525 wurde er von den rebellierenden Bauern in Stuttgart zum "Kanzler" gewählt. Nach der Niederschlagung der Aufstände wurde der kritische Geist Ratgeb deshalb zum Tode verurteilt und 1526 in Pforzheim von vier Pferden auseinandergerissen.
"Die Gestalt des Jerg Ratgeb hat viele Künstler beschäftigt, weil er einer von ihnen war, der aber weiter gegangen ist", erklärt Cornelia Wenzel, die Leiterin des Böblinger Bauernkriegsmuseums und Mitkuratorin der Ausstellung. HAP Grieshaber lebte im Westen, hatte sich aber mit der Teilung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg nie abgefunden. Der Bauernkrieg mit seinen Schauplätzen in Thüringen, Bayern und Baden-Württemberg war für ihn auch das Symbol für die enge Zusammengehörigkeit von Ost und West.
Zum Titelbild haben die Ausstellungsmacher allerdings das Werk eines ostdeutschen Künstlers gewählt: Das Ölgemälde "Der Trommler im Frühling" malte Heinz Zander 1980 im Auftrag des staatlichen Bauernkriegsmuseums in Mühlhausen. "Es ist die Gestalt eines Botschafters, der den Anbruch einer neuen Zeit verkündet", erklärt der Kunstwissenschaftler Rolf Luhn, der als Kulturförderer bei der Sparkassen-Versicherung Ideengeber der Ausstellung war. Der schmelzende Schnee und die sich nähernden Gestalten symbolisieren ebenfalls einen Aufbruch.
Das lässt sich auch auf die DDR übertragen: Während die Erinnerung an den Bauernkrieg dort in den 1950er Jahren zur Legitimation des "Arbeiter- und Bauernstaates" genutzt wurde, wurden in den 1970er Jahren die Deutungsspielräume erweitert, erklärt der renommierte Kunstwissenschaftler Rolf Luhn: "Da wehte keine rote Fahne mehr im Hintergrund."
Die Künstler in Ostdeutschland nutzten die Darstellung des Bauernkrieges aber in der Regel nicht, um versteckte Kritik an den Verhältnissen in der DDR zu äußern. "Sie beschäftigten sich eher mit zeitlosen Fragen, wie den Möglichkeiten des Individuums, Veränderungen herbeizuführen", sagt Luhn.
Aktuelle politische Bezüge charakterisieren eher die Werke der westdeutschen Künstler. Beim Jerg-Ratgeb-Triptychon von HAP Grieshaber beispielsweise zeigen die beiden Seitenflügel die Zerstörung Pforzheims (wo Ratgeb gevierteilt wurde) im Zweiten Weltkrieg. Luhn kennt sogar Werke westdeutscher Künstler, wo Proteste gegen eine neue Mercedes-Teststrecke oder Atomkraftwerke mit Bezug auf den Bauernkrieg ausgedrückt wurden.
Die Ausstellung lädt deshalb auch dazu ein, Klischees in Bezug auf Kunst aus Ost- und Westdeutschland zu überdenken.
