Tschernobyl "Unser Medikament heißt Lebensmut"

Von Wolfgang Schulz-Braunschmidt 

Seit mehr als 20 Jahren engagieren sich Menschen aus der Region Stuttgart für die vielen Opfer der Reaktorexplosion in Weißrussland.  

Eine deutsch-russische Transportbrigade bringt Hilfe in einen Kindergarten. Foto: Achim Zweygarth
Eine deutsch-russische Transportbrigade bringt Hilfe in einen Kindergarten. Foto: Achim Zweygarth

Tschernobyl - Wo ist die Schildkröte?" Maschas Augen schweifen suchend über den Tisch, ihr blonder Pferdeschwanz fliegt. "Da!" Die Vierjährige schnappt das noch fehlende Teil und lächelt. Wieder ein Puzzle fertig. Mascha Sedorenko ist ein aufgewecktes, ein fröhliches Kind. Die Vierjährige ist aber auch ein blasses, ein schwer krankes Kind. Im Spielzimmer des Radiologischen Zentrums der weißrussischen Halbmillionenstadt Gomel fühlt sich das an Leukämie erkrankte Mädchen wohl. "Hier ist es wie zu Hause", sagt Mascha.

Das Spielzimmer ist ein wichtiges Element des Modellprojekts "Kinderpsychologie Gomel", das vor einigen Jahren von Stuttgart aus auf den Weg gebracht worden ist. Seitdem finanzieren die Freunde der Kinder von Tschernobyl, ein Verein unter dem Dach des Evangelischen Männerwerks Württemberg, auch die Gehälter der beiden Kinderpsychologinnen Victoria Khoukhlantsewa und Elena Malachowa. Davor waren die kranken Kinder und ihre verzweifelten Eltern völlig auf sich allein gestellt. Es gab Tabletten, Spritzen und Infusionen gegen die wuchernden Krebszellen - aber nichts gegen die lähmende Angst, nichts gegen die große psychische Not.

Humanitäre Hilfe aus Stuttgart hat Tradition

"Heute sind Victoria und Elena für die Kinder so wichtig wie Ärzte und Krankenschwestern", sagt Irina Romaschewskaja, die Leiterin der Leukämiestation. Vor einigen Monaten hat die staatliche Klinikverwaltung mit Victoria Khoukhlantsewa eine der beiden Psychologinnen fest angestellt. Das Gehalt für Elena kommt weiterhin aus Stuttgart. Aber der Vertrag mit der Klinik sieht auch ihre spätere Übernahme vor.

Die humanitäre Hilfe aus Stuttgart hat Tradition. Vor gut 20 Jahren, im Dezember 1990, startet der erste Hilfskonvoi der StZ-Aktion "Stuttgart hilft Retschiza". Mit neun Fahrzeugen transportieren die 22Helfer mehrere Tausend Lebensmittelpakete nach Retschiza, in eine 50 Kilometer westlich von Gomel gelegene Kreisstadt. Dort sind Tausende aus der Sperrzone um den explodierten Atomreaktor evakuierte Familien provisorisch untergebracht. Die erste Fahrt nach Weißrussland gerät zum Abenteuer, zur Fahrt ins völlig Unbekannte. Hinter Warschau gibt es kaum noch eine Tankstelle.

Die Zeit der großen Konvois ist vorbei

Geschlafen und gegessen wird unterwegs im Lastwagen. Esbitkocher erwärmen die Notfallrationen aus Bundeswehrbeständen - etwa das "italienische Nudelgericht Nummer vier". In Retschiza sind drei Tage später alle Strapazen vergessen. Bei der Übergabe der Pakete in Waisenhäusern und Kindergärten haben alle - Helfer und Empfänger - Tränen in den Augen. Am 23. Dezember 1990 empfangen Familien und Freunde die "Retschizafahrer" auf dem Wasen, das Polizeimusikkorps spielt weihnachtliche Melodien. Bis Ende März 1991 bringen weitere Hilfskonvois mehr als 20.000 Lebensmittelpakete in die Tschernobyl-Zone. Zuvor haben viele freiwillige Helfer die Rationen in den Messehallen auf dem Killesberg verpackt. Die StZ-Leser spenden unermüdlich - bis Ende 1992 mehr als vier Millionen Mark.

Die nächsten Konvois liefern weißrussischen Kliniken dringend benötigte medizinische Geräte und Medikamente. Zudem bringen die Helfer mehr als 200 Tonnen Milchpulver in den nordöstlich von Gomel gelegenen Landkreis Wetka. Die Trockenware wird direkt an Schulen und Kindergärten verteilt. In dem stark verstrahlten Landkreis gibt es keine unbelastete Milch mehr. Als die Helfer die Säcke abgeladen haben, bringen ihnen die Einheimischen Blumen. Es ist für alle ein bewegender Moment.

Heute ist die Zeit der großen Konvois vorbei. Der aus den Reihen der "Retschizafahrer" hervorgegangene Verein Freunde der Kinder von Tschernobyl leistet seit 1993 vor allem medizinische Unterstützung und setzt auf die Hilfe zur Selbsthilfe. Viele Kirchengemeinden im Land unterstützen den Verein, die regelmäßigen Spenden von mehr als 2000 Bürgern ermöglichen auch 25 Jahre nach dem GAU eine wirksame Hilfe. Seit 1993 hat die private Aktion mehr als 3,6 Millionen Euro an Geld- und Sachspenden erhalten und 35weitere Transporte in die Region Gomel auf die Räder gestellt - trotz immer höherer bürokratischer Hürden des autoritären weißrussischen Staatsapparates.