TV-Sender BR Alpha Eine Nische mit viel Platz für Denkzeit

Von Markus Reiter 

Bei BR-Alpha kann man im Fernsehen noch etwas lernen. Dieser Bildungssender ist sozusagen das Arte und 3Sat des Bayerischen Rundfunks.

Astrophysiker Harald Lesch berichtet darüber, was Wissenschaftler über das Weltall wissen. Foto: dpa
Astrophysiker Harald Lesch berichtet darüber, was Wissenschaftler über das Weltall wissen.Foto: dpa

Stuttgart - Als Werner Reuß, der Chef des Fernsehkanals BR-Alpha, sein Auto nach der Reparatur aus einer Werkstatt am Rande Münchens abholen wollte, fragte ihn der ölverschmierte KfZ-Mechaniker: „Kann es sein, dass ich Sie aus dem Fernsehen kenne?“ Reuß blickte den jungen Mann an. Der Mechaniker sah nicht gerade aus, wie er sich den typischen Zuschauer seiner Sendung vorstellte. Der bemerkte das Zögern und fügte hinzu: „Sie moderieren doch hin und wieder das Alpha-Forum? Das ist die einzige Talkshow, die ich mir im Fernsehen anschaue!“ In jenem Alpha Forum unterhalten sich jeden Abend ein wohlvorbereiteter Journalist und ein Gast eine dreiviertel Stunde lang intensiv und ernsthaft vor der Kamera, ohne Geschrei, ohne Provokation, oftmals über Themen abseits des Malstroms der Aktualität.

Viel zu oft, zog Werner Reuß aus der Episode seine Lehre, unterschätzen wir unsere Mitmenschen und deren Hunger nach Bildung. Würden allerdings all jene Fernsehzuschauer, die bei jeder Gelegenheit wortreich das schrecklich niedrige Niveau des öffentlich-rechtlichen Fernsehens beklagen, plötzlich auf intelligente Programme umschalten, dann stiege der unscheinbare Sender aus München mit einem Mal zum Quotenkönig auf. BR-Alpha nennt sich ganz altmodisch einen Bildungskanal. Er ist sozusagen das Arte und 3Sat des Bayerischen Rundfunks, denn als einziger Sender der ARD leistet sich der BR seit 1998 neben dem Dritten ein weiteres Vollprogramm, wenngleich mit einem bescheidenen Budget. Die zehn Millionen Euro, über die BR-Alpha im ganzen Jahr verfügt, verschleuderte das ZDF kürzlich allein für den Fernsehdreiteiler über das Hotel Adlon. Noch ein Vergleich: Zehnmal so viel gibt die ARD einem Bericht des „Stern“ zufolge dafür aus, Bundesligaberichte in der „Sportschau“ zeigen zu dürfen – pro Saison.

Im Fernsehen etwas lernen

Bei BR-Alpha kann man im Fernsehen noch etwas lernen. Mit dem Telekolleg zum Beispiel, das vormittags läuft, haben in den vergangenen 14 Jahren rund 62 000 Menschen die Fachhochschulreife erworben. Nach und nach wurden die alten Sendungen mit dem bärtigen Englischlehrer aus den siebziger Jahren und dem Mathe-Lehrer vor der Kreidetafel durch multimediale Lerneinheiten ersetzt, die mit einem Internetangebot verschränkt sind. Das Programm fußt auf bundesweit gültigen Bildungsstandards, nicht nur auf dem bayerischen Lehrplan. Wer nicht gleich einen Schulabschluss nachholen will, kann sich in einer Reihe namens „Grips“ Themen zur Weiterbildung herauspicken, etwa wenn der Satz des Pythagoras nicht mehr ganz präsent ist.

Wenn Senderchef Reuß, dessen offizieller Titel „Programmbeauftragter BR-Alpha“ lautet, beginnt, über den Bildungsauftrag des Fernsehens zu sprechen, gerät er ins Schwärmen. Dann fallen Sätze wie: „Bildung ist nicht Hochmut, sondern Demut“, „Bei einem unserer Berichte über benachteiligte Jugendliche, denen durch Bildung eine neue Chance gegeben wurde, kamen mir die Tränen“ und kurz darauf fragt er: „Wussten Sie eigentlich, dass die Bayerische Verfassung auch eine Bildung von ‚Herz und Charakter‘ vorsieht?“. Jedenfalls nimmt man Reuß sein Engagement ab, wenn man ins das Programm seines Bildungskanals blickt. Dazu gehören neunzigminütige historische Dokumentarspiele, zum Beispiel über den Prozess gegen Hitler nach seinem Putschversuch 1923, Dokumentationen über den Homöopathie-Erfinder Samuel Hahnemann und Fernsehspiele mit Titeln wie „Inklusion“ und „Empathie“, die gesellschaftliche Phänomene mit einer Spielhandlung verknüpfen. Letztgenannte liefen auch in den dritten Programmen der ARD. Deren Redakteure, erzählt Reuß, hätten ihn angefleht, diesen Filmen doch um Himmels Willen anschaulichere Titel zu geben. Vergeblich. „Darum geht es – und deshalb heißen sie so“, habe er geantwortet.

Einer solchen Verweigerung von angeblichen Notwendigkeiten der Fernsehwelt haftet etwas rührend Altertümliches an. Dieser Charme wird noch deutlicher in den „Akademischen Viertelstunden“. Das sind 15-minütige Sendungen, in denen kluge Menschen ohne Chichi und Animationen vor der Kamera kluge Dinge sagen. So erklärt der Neurowissenschaftler Manfred Spitzer das Gehirn, der Astrophysiker Harald Lesch berichtet darüber, was Wissenschaftler über das Weltall wissen, und der Schriftsteller Tilman Spengler erzählt Geschichten über Bücher der Weltliteratur. Noch so etwas Fernseh-Unzeitgemäßes aus dem Programm: Einmal in der Woche dokumentiert BR-Alpha Vorträge, Symposien, Podiumsdiskussionen oder Lesungen vorwiegend aus Bayern, etwa der Evangelischen Akademie Tutzing oder des BR selbst. Da diskutierten kürzlich zum Beispiel der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen und Redakteure von Spiegel Online und der Abendzeitung mit dem ehemaligen bayerischen Ministerpräsident Günther Beckstein über die Frage: „Wie erreichen Journalisten heute ihr Publikum?“ Die Sendereihe, jeden Samstag um 22.30 Uhr, heißt „Denkzeit“. Das ist ein schöner Titel, den man dem ganzen Bildungskanal verleihen könnte.

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1 KommentarKommentar schreiben

So muss das sein: Das wäre ein Vorschlag für den Heimatsender SWR, der ja ohne Sinn und Verstand spart (Orchester). Es gibt offensichtlich einen Bedarf an Bildungsprogrammen, die dem Auftrag der Öffentlich Rechtlichen gerrecht werden. Ich vermisse das - gibt es beim SWR denn keine Redakteure, die sich hier betätigen könnten - Universitäten haben wir in BW ja.

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