Überraschung nach Urwahl Göring-Eckardt und Trittin sind Grünen-Spitzenduo

dpa, 10.11.2012 12:56 Uhr

Berlin - Die Grünen haben überraschend Bundestags-Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt und Fraktionschef Jürgen Trittin zu ihrem Bundestagswahl-Spitzenduo gewählt. Das ist das klare Ergebnis der Urwahl, wie Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke am Samstag in Berlin bekanntgab. Einen schweren Dämpfer erteilte die Basis Parteichefin Claudia Roth. Die SPD wertete das Resultat als gute Basis für das Ziel einer rot-grünen Regierungsübernahme.

Der Parteilinke Trittin erreichte 71,9 Prozent der abgegebenen gültigen 35 065 Stimmen, die Realo-Vertreterin Göring-Eckardt 47,3 Prozent. Die Parteivorsitzende Roth, die im Frühjahr als erste ihren Hut für eine Kandidatur in den Ring geworfen hatte, erhielt nur 26,2 Prozent, Renate Künast 38,6 Prozent. Göring-Eckardt waren im Vorfeld vorwiegend Außenseiterchancen eingeräumt worden. Rund 62 Prozent der knapp 60 000 Mitglieder hatten sich beteiligt. Sie konnten bis zu zwei Stimmen abgeben.

Roth teilte im sozialen Netzwerk Facebook mit: „Ich gratuliere von Herzen Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt. Das ist Demokratie!“ Lemke konnte nicht sagen, ob Roth beim Parteitag in einer Woche in Hannover nun wie geplant erneut als Parteichefin antreten wird. Auch Parteichef Cem Özdemir, der zur Urwahl nicht angetreten war, will dort bestätigt werden.

Beworben hatten sich 15 Kandidaten. Auch elf zuvor unbekannte Grünen-Mitglieder hatten sich zur Wahl gestellt. Sie erhielten zwischen 0,3 und 2,4 Prozent. Es war das erste Mal, dass eine Partei in Deutschland ihre Spitzenkandidaten per Urwahl bestimmte.

Lemke sagte: „Mit diesem Ergebnis hat die grüne Basis Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt den politischen Auftrag zur Ablösung der Regierung Merkel erteilt.“ Das Duo werde nun gemeinsam mit dem Bundesvorstand und der ganzen Partei für das beste grüne Wahlergebnis 2013 kämpfen.

Lemke wertete den Sieg der 46-Jährigen und des 58-Jährigen als kluge Entscheidung. „Die Basis hat sich mit dieser Entscheidung für eine weise Balance zwischen Kontinuität und Erneuerung entschieden.“ Der ehemalige Umweltminister stehe für das ökologische Profil der Partei. Göring-Eckardt habe sich als Anwältin der Ärmsten in der Gesellschaft und als Kämpferin für soziale Gerechtigkeit einen Namen gemacht. Das Duo bilde das inhaltliche Profil der Partei ab.

Geschlossen in den Wahlkampf

Trittin bedankte sich im Kurznachrichtendienst Twitter mit den Worten: „Vielen herzlichen Dank allen, die mich bei der Urwahl gewählt haben und Glückwunsch an meine Partnerin im Duo.“ Fraktionsvize Ekin Deligöz twitterte: „Wir hatten 3 gute Kandidatinnen und eine hat gewonnen!“ Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck rief zur Geschlossenheit auf: „Jetzt versammeln wir uns hinter kge und jtrittin und kämpfen gemeinsam für starke Grüne.“ Die NRW-Vizeregierungschefin Sylvia Löhrmann sagte: „Klar ist auch, dass die gesamte Partei geschlossen in den Wahlkampf zieht.“

Lemke sagte, sie sei selbst überrascht gewesen. „Das Wahlergebnis war nicht das, was ich als wahrscheinlichstes vermutet hatte.“ Intern hatten die Varianten Trittin/Roth und Trittin/Künast als recht wahrscheinlich gegolten. Göring-Eckardt hatte im Sommer monatelang abgewartet, ob sie überhaupt bei einer Urwahl antreten würde. Göring-Eckardt kündigte an, dass sie ihr Amt als Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bis zum Ende des Bundestagswahlkampfes im Herbst 2013 ruhen lassen werde.

Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Thomas Oppermann, sprach von einer guten Wahl. Göring-Eckardt und Trittin seien klasse Redner und gute Wahlkämpfer. „Damit sind wir der Ablösung von Schwarz-Gelb einen großen Schritt näher gekommen“, so Oppermann. „Heute ist ein guter Tag für Rot-Grün.“

Überparteilichkeit notwendig

Die stellvertretende FDP-Vorsitzende Birgit Homburger forderte Göring-Eckardt auf, ihr Amt als Vizepräsidentin des Bundestags niederzulegen: „Das ist ein Gebot der notwendigen Überparteilichkeit bei der Sitzungsleitung im Parlament.“

Lemke wertete die Urwahl als vollen Erfolg und empfahl sie anderen Parteien zur Nachahmung. „Grün macht Demokratie lebendig - und Demokratie macht auch Grün lebendig.“ Hinterzimmerpolitik habe es fortan sehr schwierig.

Grünen-Chef Cem Özdemir hatte im Vorfeld keinen Karriereknick bei den Verlierern erwartet. „Ich glaube, niemand geht beschädigt aus der Urwahl davor“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur.