Ulms OB Gönner geht Kein Schicksal, nur ein Abschied

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Der Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner war der dienstälteste Rathauschef einer deutschen Großstadt. Am Sonntag ist er nach 24 Jahren feierlich aus seinem Amt verabschiedet worden.

Wein aus den Kellern des Landes vom Regierungschef Kretschmann an den scheidenden Ivo Gönner. Was sonst? Foto: dpa
Wein aus den Kellern des Landes vom Regierungschef Kretschmann an den scheidenden Ivo Gönner. Was sonst?Foto: dpa

Ulm - Sie sind einfach über seine ureigensten Gefühle drüber planiert, die Vertreterinnen und Vertreter der Ulmer Bürgergesellschaft. Launige Reden zum Abschied. Destillate und Zigarren. Applaus, Gesang und süße, flirrende Wünsche für die Zukunft. Ivo Gönner hat am Sonntag alles so tapfer ertragen, wie das seiner robusten Natur entspricht. Lieber gemeinnützige Spenden als Geschenke, hat er vor seiner feierlichen Verabschiedung gefleht. Wenn er gekonnt hätte, wer weiß: Vielleicht hätte er es gemacht wie der Vizekanzler Sigmar Gabriel, der sich am Samstag Abend kurzfristig bei den Ulmern grippekrank meldete und an seiner statt Ute Vogt, stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, vorschickte, die bereits vorformulierte Lobrede im Münster zu verlesen.

Um eine paar Flaschen roten Württemberger ist „der Ivo“, wie so viele Ulmer den OB stets nannten, dann doch nicht rumgekommen. Er sah nicht aus, als könne er das nicht verschmerzen. Überhaupt ist es nicht so, dass Gönner nicht stolz auf die Wirkung seiner Politik wäre, die bald ein Vierteljahrhundert die Geschicke der Stadt an der Donau bestimmte. Kein Rathauschef einer deutschen Großstadt hat bisher länger amtiert. Einen Platz in den Historienbüchern: auf jeden Fall. Eine Feier aber mit ihm im Mittelpunkt: lieber nicht. „Mit den Lobreden ist’s jetzt rum“, befahl er am Ende seiner eigenen letzten großen Ansprache an sein Wahlvolk, das ihm bei den letzten beiden OB-Wahlen Ergebnisse weit oberhalb der 80 Prozent beschert hatte.

Die unergründete Person

Nicht wenige haben versucht, dem Wesen dieses Mannes in Reden und Artikeln auf die Spur zu kommen, ja, das Geheimnis seiner Wirkung auf Menschen zu ergründen. Und da kamen auch schöne Sachen heraus: Gönner, der Europapolitiker, der die Donaustrategie des Landes Baden-Württemberg verkörperte. Oder Gönner, der Mann von nebenan, der für jeden ein freundliches Wort hatte. Oder der Revoluzzer vom Jesuitenkolleg Sankt Blasien, der dort einst den ersten Schülerstreik überhaupt angezettelt hatte. „Wir sind ja beide geprägt durch eine katholische Erziehung im Internat. Und wir beide standen damals etwas weiter links als heute“, sagte am Sonntag auch der Grußredner Winfried Kretschmann.

Wer aber immer versuchte, Ivo Gönner in großem Öl zu malen, der geriet in Gefahr, dass ihm dabei die Farben verliefen. Es gibt Bereiche, die entzog er dem Zugriff seines Umfeldes. Blitzte davon versehentlich doch etwas durch, drückte er sogleich einen Deckel drauf. So erzählte er einmal, zu vorgerückter Stunde, dass sein Vater mit 62 Jahren während der Arbeit in der familieneigenen Apotheke in Laupheim starb. Und der Großvater ebenso – mit 62 in der Apotheke. Als er selber seinen 63. Geburtstag feierte, berichtete Ivo Gönner, sei das für ihn wie eine Befreiung gewesen. Dann wechselte er schnell das Thema.

Von der wirklichen Stärke

Der immer freundliche, empathische, vermittelnde und manchmal brillant-sarkastische Gönner hat also im Hinterkopf den Gedanken an ein unheilvolles Familienerbe mit sich herumgeschleppt, so lange, bis sich die Scheinprophezeiung von selber widerlegte. Wäre es völlig falsch, seinen Entschluss, im 64. Lebensjahr als OB aufzuhören, mit dem Überwinden dieser heimlichen Last in Verbindung zu bringen? Und umgekehrt: Wäre es möglich, dass der katholisch erzogene Rathauschef einen Teil seiner Rastlosigkeit der Idee verdankte, unablässige Arbeit und christliche Demut müssten ihn vor dem Schicksal der Vorväter bewahren? Spekulation, gewiss. Aber auch das hat er nach dem Krebstod eines engen Mitarbeiters mal gesagt: Der Tod, wenn er anklopft, lässt sich nicht abwimmeln, auch nicht von der Hochleistungsmedizin.

Greifbarer scheint ja doch, dass Gönner einen Freiheitsbegriff lebt, wie ihn der langjährige frühere Leiter der – übrigens ebenfalls katholisch grundierten – Schule Schloss Salem in seinem Buch „Lob der Disziplin“ beschrieb. Von der Disziplin zur Selbstdisziplin zur Freiheit, so lautet Bernhard Buebs Erziehungsformel. Soll heißen: nur wer von klein auf über Jahre hinweg gelernt hat, seine eigenen Interessen zunächst vorgegebenen, schließlich aber selbst gefassten, höheren Regeln und Zielen zu Gunsten der Gemeinschaft unterzuordnen, besitzt wirkliche Unabhängigkeit und Stärke.

Abends ohne Apfelsaft

Kommt die Weisheit noch oben drauf? In Ivo Gönners Vita gibt es Szenen, die darauf hindeuten. Einmal besuchte er, wie er das nie versäumte, eine Bürgerin zum 100. Geburtstag. Er fragte nach dem Geheimnis ihres Alters und die Frau erklärte, sie trinke immer mittags und abends ein Glas Apfelsaft, gemischt mit Rotwein. Der Gratulant überlegte und sagte dann: „Mädle, obends tät i d’r Apfelsaft weglasse.“

Wie meistens wusste Gönner genau, wovon er sprach.