Ulrike Folkerts im Mannheimer Nationaltheater Showdown mit dem Stehaufweibchen

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Burkhard Kosminski, Stuttgarts künftiger Schauspiel-Intendant, hat in Mannheim die „Tatort“-Kommissarin Ulrike Folkerts auf die Bühne geholt: als Hauptfigur in der Untergangskomödie „Für immer schön“ des US-Dramatikers Noah Haidle.

Am Ende wird sie  blind und zieht ihre tote Tochter hinter sich her: Ulrike Folkerts als obdachlose Cookie  und Celina Rongen als an Drogen zugrunde gegangene Dawn. Foto: Theater
Am Ende wird sie blind und zieht ihre tote Tochter hinter sich her: Ulrike Folkerts als obdachlose Cookie und Celina Rongen als an Drogen zugrunde gegangene Dawn. Foto: Theater

Stuttgart - Bei Noah Haidle werden starke Frauen schwach. Kaum winkt der 1978 geborene US-Dramatiker mit einem neuen Stück, verlegen taffe Fernseh-Kommissarinnen ihren „Tatort“ ins Theater. Im Frühjahr spielte Maria Furtwängler in der Berliner Komödie am Kurfürstendamm in „Alles muss glänzen“ die Übermutter Rebecca, die unbeirrt an ihrem Familienbild festhält, auch wenn diese Familie mitsamt der Welt drumherum gerade in der Sintflut untergeht. Jetzt tut es ihr eine andere, nicht minder populäre Ermittlerin nach und wühlt sich ebenfalls durch eine HaidleKomödie: Ulrike Folkerts, fürs Fernsehen in Ludwigshafen auf Schurkenjagd, ist über den Rhein gegangen und hat sich im Mannheimer Nationaltheater der Kosmetikverkäuferin Cookie angenommen, der Hauptfigur in „Für immer schön“.

Cookie, Anfang vierzig, zieht mit Beauty-Produkten von Haus zu Haus. Ihre Klinkenputzerei betrachtet sie als Gottesdienst, denn Gott, sagt Cookie, hat uns nach seinem Ebenbild geschaffen – und ihre Cremes und Rouges, ihre Wimperntuschen und Lippenstifte verdecken nichts, sondern bringen Gottes Meisterwerk getreu zum Vorschein. Doch statt Produkte zu verkaufen, latscht die „Königin der Straße“ nur ihre Schuhe mit den von ihrer Mutter beschrifteten Sohlen ab: „Geboren werden hat seine Zeit. Lieben hat seine Zeit. Alles hat seine Zeit“ – doch was nützt Salomos Gleichmut, wenn ausgerechnet für den Verkaufserfolg der Schönheitsmissionarin keine Zeit vorgesehen ist?

Heiterer Apokalyptiker

„Für immer schön“ ist eine Verliererkomödie und das erste größere Theaterengagement für Ulrike Folkerts, seit sie vor mehr als zehn Jahren im Salzburger „Jedermann“ als Tod zu sehen war. Das verschafft der Mannheimer Premiere erhöhte Aufmerksamkeit – wobei hinzu kommt, dass die beiden Männer, die mit Folkerts maßgeblich an der Sache beteiligt sind, in der nächsten Saison am Stuttgarter Schauspiel das Sagen haben werden. Das ist neben Burkhard Kosminski, der im Sommer die Nachfolge von Armin Petras antritt und jetzt die Haidle-Uraufführung besorgt hat, auch Haidle selbst, der als heiterer Apokalyptiker fürs Staatstheater ein Stück schreiben wird – oder auch mehrere.

Bis dahin aber wird Ulrike Folkerts auf der Mannheimer Bühne noch viele Klinken putzen müssen. „It’s Showtime!“ ruft ihre Cookie unverdrossen Tag für Tag, bevor sie wieder an einer Tür klingelt. Der Lebensinhalt der Beauty-Missionarin: Selbstoptimierung. Deshalb steht sie zu Beginn wie eine aufgeputschte Motivationstrainerin an der Rampe und spricht direkt und geradewegs ins Publikum. Klare Ansagen, selbst bei Niederlagen: „Bloß nicht in Selbstmitleid zerfließen. Niemand kommt und wischt dich auf.“

Cookie im Albtraum des Neoliberalismus

So weit Cookies unkaputtbares Credo, so flach und geheimnislos auch das Stehaufweibchen, das Folkerts gibt. Dass sie auch anders kann, zeigt sich in den wenigen subtilen Szenen, die ihr der Regisseur gönnt: Kaum hat ihre Cookie die Visitenkarte aus der Tasche ihrer Verkaufsuniform gezogen, knallt vor ihrer Nase die Tür wieder zu. Aber diese Abfuhr kann man auf der türlosen Bühne nicht hören und sehen, diese Abfuhr spiegelt sich allein in Gesicht und Gestik der Vertreterin: Zögernd, mit blitzschnell aufflackernder, blitzschnell unterdrückter Enttäuschung, schiebt Folkerts das Kärtchen zurück ins Kostüm, bevor sie zwangsoptimistisch zur nächsten Tür eilt – fein austarierte, kostbare Bühnenmomente, die ihrer immerzu kontrolliert aufspielenden Kollegin Maria Furtwängler vermutlich nicht gelungen wären.

Trotzdem: Für Haidles Untergangsfarce, in der sich der amerikanische Traum in den Albtraum des Neoliberalismus verwandelt, hätte man sich einen beherzteren Zugriff gewünscht – vor allem von Kosminski selbst, der das Stück handwerklich routiniert als grellen, in den Ensembleszenen auch witzigen Comic ausleuchtet, die Abgründe aber übersieht. Anders und wohlwollend gesagt: Mit radikalen Deutungen hält sich Kosminski, kein Freund des Zertrümmerungstheaters, sehr zurück, erst recht bei einer Uraufführung. Da ist für ihn das vom Autor geschriebene Wort heilig. So viel steht fest: Unter seiner Intendanz wird das Stuttgarter Schauspiel radikal anders aussehen als in den Petras-Jahren zuvor, egal ob mit oder ohne „Tatort“.