Umfrage unter Arbeitnehmern in Leinfelden-Echterdingen Pendler sehnen sich nach Bus und Bahn

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Die Befragung von Pendlern zu ihrem Mobilitätsverhalten fördert in Leinfelden-Echterdingen überraschende Erkennt-nisse zutage.

Viele Arbeitnehmer fahren jeden Tag mit dem Auto zu ihrem  Arbeit


splatz in L.-E. (im Bild der Pendler-Parkplatz beim Jugendhaus Areal in Leinfelden). Viele Beschäftigte wünschen sich laut einer Befragung aber einen attraktiveren öffentlichen Nahverkehr. Foto: Norbert J. Leven
Viele Arbeitnehmer fahren jeden Tag mit dem Auto zu ihrem Arbeit splatz in L.-E. (im Bild der Pendler-Parkplatz beim Jugendhaus Areal in Leinfelden). Viele Beschäftigte wünschen sich laut einer Befragung aber einen attraktiveren öffentlichen Nahverkehr.Foto: Norbert J. Leven

Leinfelden-Echterdingen - Die große Mehrheit der Auto fahrenden Pendler in Leinfelden-Echterdingen glaubt, dass in öffentlichen Verkehrsmitteln das größte Potenzial zur Verbesserung der angespannten Verkehrssituation in der Stadt steckt. Das ist die überraschende Erkenntnis aus einer Befragung von Arbeitnehmern, an der sich im vergangenen Jahr knapp 1500 Beschäftigte aus Unternehmen und Stadtverwaltung beteiligt haben. Sie stufen das Potenzial von Bus und Bahn deutlich höher ein als die im Jahr 2014 zu ihrem Mobilitätsverhalten befragten Einwohner der Großen Kreisstadt. Darauf hat am Dienstag im Technischen Ausschuss des Gemeinderats Philip Klein vom Büro Weeber und Partner bei der Vorstellung der Ergebnisse der Arbeitnehmerbefragung hingewiesen.

Die nicht repräsentativen Erkenntnisse fließen in das Mobilitätskonzept ein, an dem nun seit nahezu zwei Jahren gearbeitet wird und das nach Darstellung der Ersten Bürgermeisterin Eva Noller unentbehrlich ist: „Wir können unsere Baulandpolitik nur dann umsetzen, wenn wir die Mobilitätsprobleme in Griff bekommen“, verdeutlichte sie in der Sitzung die Bedeutung des Konzepts. Die OB-Stellvertreterin will die Beratungen über Maßnahmen für den Berufsverkehr in einer interdisziplinären Arbeitsgruppe fortführen. „Wenn nur einige Hundert umsteigen, haben wir Tausende Autofahrten weniger“, sagte sie.

Bessere Fahrpläne gewünscht

Auffallend, so Klein, sei die Einschätzung der Beschäftigten, dass sie trotz zahlreicher Staus ihren Arbeitsplatz mit dem Auto schneller erreichen als mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Das gelte unisono für weiter entfernt wohnende Arbeitnehmer ebenso wie auch für Bürger der Stadt. Ganz oben auf der Wunschliste für ein Mobilitätskonzept steht bei 87 Prozent der Pendler – mehr als 26 500 kommen täglich von außerhalb zur Arbeit in die Stadt – eine Verbesserung der Fahrpläne der Nahverkehrsmittel. Das rangiert weit vor dem Wunsch nach mehr Parkplätzen, mehr Radwegen, neuen Straßen oder etwa öffentlichen Ladesäulen für Elektroautos. „Arbeitnehmer räumen Alternativen zum Auto mehr Geltung ein als ihre Arbeitgeber“, verglich Klein in der Sitzung entsprechende im vergangenen Jahr erhobene Zahlen. Jobtickets hätten, so der Gutachter, „Potenzial bei den Beschäftigten“.

Weitere Zahlen aus der Untersuchung dürften beim Einzelhandel in der Stadt auf großes Interesse stoßen. 93 Prozent der sogenannten „Tagbevölkerung“ (Klein) habe in der Befragung angegeben, dass sie auch in Leinfelden-Echterdingen Einkäufe erledigen. 64 Prozent suchen demnach Apotheken auf. Mehr als die Hälfte der Pendler nutze Gaststätten.

Klage über hohe Fahrpreise in Bus und Bahn

Offen bleibe, so der SPD-Fraktionsvorsitzende Erich Klauser, woher die schlechten Werte für den öffentlichen Nahverkehr rühren – Defizite am Wohnort des Pendlers oder hier in L.-E. Er warnte deshalb vor „falschen Schlussfolgerungen“. Die CDU-Fraktionsvorsitzende Ilona Koch stufte die Untersuchung als „gute Arbeitsgrundlage“ ein und forderte, dass dringend Maßnahmen aus dem Mobilitätskonzept sichtbar werden müssten. Walter Vohl (Freie Wähler) regte „Verbesserungen für Busse durch einfache bauliche Maßnahmen“ an. Wolfgang Haug (LE-Bürger/FDP) erinnerte daran, dass die Stadt bei Veränderungen im öffentlichen Nahverkehr „auf den Kreis und die Region angewiesen“ sei. Claudia Moosmann (Filderpiraten) beklagte den zu hohen Fahrpreisen führenden Zonenplan im Verkehrsverbund. Störungen und Ausfälle bei den Bahnen nannte sie eine „Zumutung für die Pendler“. Ingrid Grischtschenko (Grüne) freute sich über das Interesse der Pendler an öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie plädierte für einzelne Bausteine zur Verbesserung des Angebots und dämpfte zu große Erwartungen: „Selbst wir sind uns im Klaren, dass nicht alle Pendler mit dem ÖPNV zur Arbeit fahren können.“

Fahrradverleih soll Anfang 2017 an den Start gehen

Erste Maßnahme
Der Technische Ausschuss des Gemeinderats von L.-E. hat am Dienstagabend mit großer Mehrheit einer ersten Maßnahme aus dem Mobilitätskonzept zugestimmt. Die Stadt beteiligt sich an einem regionsweiten Fahrradverleihsystem. Die dazu erforderliche europaweite Ausschreibung wird federführend von der Landeshauptstadt Stuttgart betreut.

Zwei Stationen
20 Räder, je zehn an den S-Bahn-Stationen in Leinfelden und Echterdingen, werden angeschafft. Vier dieser Räder sollen mit einem Elektromotor ausgerüstete Pedelecs sein. Die Stadt bezeichnet die zu ordernde Menge als Mindestgröße. Auch die Messe ist an einem Fahrradleihsystem interessiert. Ob sie sich der Ausschreibung anschließen wird, ließ die Stadt in der Ausschusssitzung offen.

Die Kosten
Die Fahrräder sollen vom 1. Januar 2017 an bereit stehen. Die Abrechnung erfolgt auf Minutenbasis oder nach Tagessatz. Die genauen Preise stehen noch nicht fest, wohl aber das Minus für die Stadtkasse. Das beträgt in vier Jahren 80 000 Euro oder: pro Rad und Jahr 1000 Euro.

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Danke: Vielen Dank für diesen Artikel! Er zeigt an einem Beispiel die Probleme der Region. Autofahrer sind nicht die "egoistischen" Dreckschleudern, wie sie gerne von Politik und der StZ dargestellt werden. Es fehlen meistens schlichtweg die Alternativen. Aber anstatt sich um den Ausbau der ÖPNV zu kümmern, wird auf Nichtszuständigkeiten verwiesen und stattdessen der nächste Fahrradverleih oder die nächste E-Tankstelle eröffnet, die beide keine wesentliche Rolle im Mobilitätsverhalten der Menschen in der Region und auch nie bzw. erst langfristig eine minimale Rolle spielen werden.

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