Umfrage Viele erwägen Kirchenaustritt

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Jeder vierte Katholik in Württemberg hat ernsthaft überlegt, aus der Kirche auszutreten. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart hat deshalb Gläubige befragt, um Strategien gegen die Abwanderung von Mitgliedern zu entwickeln. Den meisten wünschen sich Offenheit und Transparenz.

Landesbischof Gebhard Fürst ist einerseits alarmiert von den Ergebnissen der Umfrage unter Gläubigen, sieht aber auch  Chancen für den Erneuerungs- und Dialogprozess, Foto: dpa
Landesbischof Gebhard Fürst ist einerseits alarmiert von den Ergebnissen der Umfrage unter Gläubigen, sieht aber auch Chancen für den Erneuerungs- und Dialogprozess,Foto: dpa

Stuttgart - Fast 25 Prozent der katholischen Christen in Württemberg haben schon ernsthaft überlegt, aus der Kirche auszutreten. Das zeigt eine am Mittwoch vorgestellte Studie des Pragma-Instituts für die Diözese Rottenburg-Stuttgart. Organisationstheoretisch könne man hier von einem hohen „Risikopotenzial“ sprechen, sagte der Rottenburger Bischof Gebhard Fürst bei der Präsentation der Zahlen. „Menschlich und pastoral gesprochen ist das ein Trauerspiel.“

Die Diözese hatte die Untersuchung in Auftrag gegeben, um die Gründe für die seit zwanzig Jahren anhaltende Abwanderung von Kirchenmitgliedern besser kennen zu lernen und Gegenstrategien zu entwickeln. Seit 1990 kehrten durchschnittlich pro Jahr rund 10 650 Menschen der Diözese den Rücken. Das bedeutet im Mittel ein Minus von 0,5 Prozent. Einen Rekord gab es allerdings im Jahr 2010, als das Bistum um 15 650 Gläubige schrumpfte, nachdem zahlreiche, meist länger zurückliegende Missbrauchsfälle in der Öffentlichkeit bekannt geworden waren.

„Entfremdung“ ist das häufigste Motiv für einen Austritt

Zwar sind die individuellen Motive für einen Austrittswillen ganz unterschiedlich. An erster Stelle rangiert laut der Studie aber die „Entfremdung“ von der Religionsgemeinschaft. 35 Prozent der Interviewten nannten dieses Motiv. „Die Kirche hat sich von vielen Menschen entfernt“, schließt Bischof Fürst aus dem Wert. Finanzielle Gründe für eine Austrittsbereitschaft geben dagegen nur 15 Prozent an. Danach folgt mit 14 Prozent die Moral- und Sittenlehre der katholischen Kirche sowie mit zwölf Prozent der Missbrauch. Rund 4000 Personen wurden für die Untersuchung befragt, und die meisten wünschen sich einen Erneuerungsprozess. So befürworten 87 Prozent, dass die Kirche sich weniger „abgehoben“ ausdrückt. 93 Prozent mahnen mehr Offenheit und die Bereitschaft zum Zuhören an. „Die Menschen erwarten von uns eine ehrliche Dialogbereitschaft“, sagt Fürst dazu.

Der Theologe streicht aber auch die aus seiner Sicht positiven Resultate der Studie heraus. So sei die Kirchenbindung trotz allem ziemlich stabil geblieben. Dreiviertel der Befragten haben nämlich noch nie einen Kirchenaustritt erwogen. Viele nennen zudem den Glauben, etwa neben der Tradition und der Gemeinschaft, als einen Grund für ihre Verbundenheit.

Die „konservativen Aktivisten“ als schwache Minderheit

Hoffnung für die Zukunft macht Fürst auch, dass laut der Studie ein jüngeres Milieu zumindest in geringerem Umfang in den Gemeinden vertreten ist. Dahingegen sind zumindest in der Diözese Rottenburg-Stuttgart „konservative Aktivisten“ nur eine schwache Minderheit. Damit im Einklang steht, dass die Befragten „Offenheit und Toleranz“ als wichtigsten Wert einstufen, dass sie sich eine gesellschaftlich aktive Kirche wünschen und vom Christentum Orientierung in ethischen Fragen erwarten. Fast 90 Prozent verlangen auch, dass die Kirche stärker mit anderen gesellschaftlichen Akteuren zusammenarbeitet. Der Weg in ein selbst gewähltes Getto verbiete sich also, schlussfolgert Gebhard Fürst.

Der Bischof sieht durch die Untersuchung den von ihm eingeleiteten Erneuerungs- und Dialogprozess zwar bestätigt. Er will aber Konsequenzen aus der Expertise ziehen. Die Kirche müsse sich noch mehr einmischen, sie müsse stärker die Nähe zu den Menschen suchen, sagt er. So dürften ihre „Seelsorgeeinheiten nicht zu anonymen Großorganisationen werden“. Außerdem solle sie ihre Kommunikation verbessern. Wie man diese guten Vorsätze nun konkret umsetzt, möchte Fürst freilich erst in den Gremien diskutieren lassen: „Wir können nicht alles auf einmal machen, sondern müssen Schritt für Schritt vorangehen.“

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10 KommentareKommentar schreiben

Eine zweite Reformation ist längst überfällig.: Die Reformation liegt nun bald 500 Jahre zurück und die katholische Kirche tritt in entscheidenden Punkten immer noch auf der Stelle. Könnte sie nicht das Jahr 2017 für grundlegende Reformen wie die Abschaffung des Pflichtzölibats für Priester, die Zulassung aller, auch geschiedener Christen zur Eucharistie, die Gleichberechtigung von Mann und Frau auch im Priesteramt, toleranter Umgang mit der Homosexualität, Demokratisierung nach dem Vorbild der evangelischen Kirchen und weiteres mehr zum Anlass nehmen? Oder ist dies alles nur Zeitgeistdenken? Diejenigen Traditionen, mit denen die katholische Kirche heute noch und gewiss auch noch in Zukunft viele Menschen in Europa erreichen kann, könnten dann viel stärker und segensreicher in den Vordergrund treten. Dem Bischof Fürst sieht man buchstäblich an, dass er gerne wollte, wenn er nur dürfte. Und mit ihm viele aufgeschlossene Priester, die ihr Ohr ganz nah an den Ängsten, Sorgen und Hoffnungen der Menschen innerhalb und außerhalb ihrer Gemeinden haben.

Wer seine Kröten besser einsetzten will,: der tritt aus und spendet sie attac -die tun was!

Die Kirche erfüllt ihre Pflichten nicht!: Die Kirche muss sich einmischen, sie muss Stellung beziehen zur aktuellen Tagespolitik aber sie schweigt lieber! Das was gerade weltweit passiert müsste Wellen der Empörung in der Kirche auslösen, sie hat auch eine politische Verantwortung! Ich bin letztes Jahr ausgetreten, meine 800€ Kirchensteuer setzte ich geziehlt durch Spenden da ein, wo ich am meisten erreichen kann -die Kirche bringts nicht!

@hbf: Sie würden sich wundern, wieviel Steuergeld von Nicht-Kirchenleuten auch in Deutschland bei der Kirche landet... Oder glauben Sie, dass durch die wenigen Schäfchen so ein übertriebener (nicht arbeitender) Hierarchieapparat finanziert werden kann.

Harald Berner!!: >>>bietet die Kirche einen Rückhalt gegen die immer Rücksichtsloser werdende Arbeitswelt!>>> Können sie mir einmal erläutern wo und wie die 'Kirche' das bewerkstelligt? Etwa mit den so genannten 'Christlichen Gewerkschaften' die 'Tarifverträge' unterzeichnen die gutmöglichst und schon verbrecherisch den Beschäftigten in gewissen Branchen Arbeitsbedingungen aufbürdet die unter allem laufen was Gesetzlich und Moralisch tragbar wäre??

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