Umstrittene Bewertungsportale
Schulnoten für den Hausarzt
Tanja Wolf,
19.01.2010 15:05 Uhr
Ist der Patient unzufrieden mit seinem Arzt, kann er dies in einem Arztbewertungsportal im Internet kundtun. Ärztepranger oder Transparenz? Foto: dpa
Hamburg - Können Patienten die Leistung ihres Arztes fachlich einschätzen? "Ich fand diese Ärztin unmöglich", schreibt zum Beispiel ein Betroffener über seine Dermatologin im Internet. Sie habe die Entfernung eines Muttermals "mehr als schlampig durchgeführt". Der Patient genießt dabei den Schutz der Anonymität - die Ärztin nicht. Bei solchen Bewertungen, wie sie inzwischen auf verschiedenen Onlineportalen möglich sind, geht es um eine Gratwanderung zwischen Meinungsfreiheit und Rufschädigung.
So wie Lehrer, Krankenhäuser und Hotels bewertet werden, können Patienten auch Ärzte öffentlich loben und kritisieren. Für die einen ist das ein Weg zu mehr Transparenz, für andere ein digitaler Ärztepranger. DocInsider, CheckTheDoc, Healthpool oder Imedo heißen die Arztbewertungsportale im Internet. Patienten können Punkte oder Schulnoten vergeben - für die Wartezeiten, das Beratungsgespräch, das Vertrauensverhältnis, die Praxisorganisation oder die fachliche Kompetenz.
Der Hamburger Rechtsanwalt Philipp von Mettenheim warnt Patienten davor, sich bei der Bewertung zu allzu emotionalen Einträgen hinreißen zu lassen. "Das ist eine Quelle für eine massive Schädigung des betroffenen Arztes, zum Beispiel durch Patientenschwund. Letztlich ist der Verfasser rechtlich für seinen Eintrag verantwortlich", erläutert der Jurist, "und er könnte auch auf Schadenersatz verklagt werden."
Beleidigungen dürften nicht sein, Meinungsäußerungen schon, sagt deshalb der Gründer und Geschäftsführer von DocInsider, Ingo Horak. Für ihn geht es "um bessere Match-Chancen" des Patienten. "Die zentrale Frage für jeden ist doch: Wie finde ich den besten Arzt?", sagt Horak. "Und bisher bekommt der Patient dazu fast überhaupt keine Information."
In der Tat suchen viele Patienten Gesundheitsinformationen im Internet, und eben auch Hinweise zur Qualität der Ärzte. Doch es ist wie bei Grippe, Krebs oder Allergien: im weltweiten Netz findet man alles und nichts, gute und schlechte Ärzte, richtige und falsche Informationen.
Mit der AOK steigt nun ein Schwergewicht in den Ring. Der Krankenkassen-Marktführer mit knapp 24 Millionen Versicherten will im ersten Quartal 2010 seinen geplanten Arzt-Navigator offiziell vorstellen, das Portal soll im zweiten Quartal 2010 in zwei oder drei Pilotregionen starten. "Wir wollen einen hohen wissenschaftlichen Standard", sagt Kai Kolpatzik, Leiter der Abteilung Prävention beim AOK-Bundesverband. Deshalb arbeite man mit der Bertelsmann-Stiftung zusammen, die bereits den Krankenhausführer Weiße Liste entwickelt hat. Nach der Entwicklungsphase werde die AOK den Arzt-Navigator für alle Krankenkassen öffnen.
Um zu vermeiden, dass ein Arzt durch eine einzige Bewertung als gut oder schlecht gilt, soll beim AOK-Bertelsmann-Projekt eine Hürde von 20 bis 50 Bewertungen gelten, bevor eine Arztbewertung online gehe. Für Uwe Schwenk, Programmdirektor der Bertelsmann-Stiftung, geht es um Transparenz: "Der Patient wird im Gesundheitssystem immer mehr mit Wahlmöglichkeiten konfrontiert. Aber mündig werden Patienten nur durch Information."
Aber können Patienten eine ärztliche Leistung objektiv beurteilen? Kuno Winn, Vorsitzender des Ärzteverbandes Hartmannbund, bezweifelt das: "Patienten wissen, ob sie sich besser oder schlechter fühlen. Dieses Gefühl können sie aber nur selten mit einer bestimmten Leistung des Arztes in Verbindung bringen."
In Krankenhäusern wird die medizinische Qualität bereits bewertet, zum Beispiel mit Hilfe von Qualitätsberichten, welche die Zahl der Operationen und Komplikationen enthalten. Im ambulanten Bereich sei das aber kaum möglich, meint Peter Müller, Vorstand der Stiftung Gesundheit, obwohl Ärzte gesetzlich zu Qualitätsmanagement verpflichtet sind. Zu viele Faktoren könnten den Erfolg eines niedergelassenen Arztes beeinflussen - allein schon Kundenstamm und Einzugsgebiet.
Die Verbraucherzentrale (VZ) rät ohnehin, Arztbewertungsportale nur ergänzend zu nutzen. "Die meisten Angebote sind mit Vorsicht zu genießen", sagt Stefan Etgeton, Gesundheitsexperte beim VZ-Bundesverband. "Oft gibt es zu wenige Bewertungen pro Arzt und oft ist der Anlass für eine Bewertung ein negatives Erlebnis. So etwas ist nicht repräsentativ."
Und leicht manipulierbar sind die Portale auch: CheckTheDoc etwa hat seine Arztbewertung derzeit stillgelegt, weil Ärztevertreter vermuteten, dass Ärzte sich selbst lobten und Kollegen schlecht benoteten. Das Angebot werde überarbeitet, heißt es. DocInsider-Chef Horak dagegen schätzt das Problem des Missbrauchs als klein ein: "Bei 100.000 Freitextberichten haben wir bisher 500 Fälle von Missbrauch festgestellt."
Aber auch Positives wird gemeldet, denn nicht jeder Patient ist so erbost wie derjenige mit dem Muttermal. Ein anderer Patient der schlecht bewerteten Hautärztin schrieb über sie: die Dame sei sehr freundlich und gut organisiert - "als Hautarzt nur zu empfehlen".
Gefahr der Schädigung
So wie Lehrer, Krankenhäuser und Hotels bewertet werden, können Patienten auch Ärzte öffentlich loben und kritisieren. Für die einen ist das ein Weg zu mehr Transparenz, für andere ein digitaler Ärztepranger. DocInsider, CheckTheDoc, Healthpool oder Imedo heißen die Arztbewertungsportale im Internet. Patienten können Punkte oder Schulnoten vergeben - für die Wartezeiten, das Beratungsgespräch, das Vertrauensverhältnis, die Praxisorganisation oder die fachliche Kompetenz.
Der Hamburger Rechtsanwalt Philipp von Mettenheim warnt Patienten davor, sich bei der Bewertung zu allzu emotionalen Einträgen hinreißen zu lassen. "Das ist eine Quelle für eine massive Schädigung des betroffenen Arztes, zum Beispiel durch Patientenschwund. Letztlich ist der Verfasser rechtlich für seinen Eintrag verantwortlich", erläutert der Jurist, "und er könnte auch auf Schadenersatz verklagt werden."
Beleidigungen dürften nicht sein, Meinungsäußerungen schon, sagt deshalb der Gründer und Geschäftsführer von DocInsider, Ingo Horak. Für ihn geht es "um bessere Match-Chancen" des Patienten. "Die zentrale Frage für jeden ist doch: Wie finde ich den besten Arzt?", sagt Horak. "Und bisher bekommt der Patient dazu fast überhaupt keine Information."
Ein Arzt-Navigator soll helfen
In der Tat suchen viele Patienten Gesundheitsinformationen im Internet, und eben auch Hinweise zur Qualität der Ärzte. Doch es ist wie bei Grippe, Krebs oder Allergien: im weltweiten Netz findet man alles und nichts, gute und schlechte Ärzte, richtige und falsche Informationen.
Mit der AOK steigt nun ein Schwergewicht in den Ring. Der Krankenkassen-Marktführer mit knapp 24 Millionen Versicherten will im ersten Quartal 2010 seinen geplanten Arzt-Navigator offiziell vorstellen, das Portal soll im zweiten Quartal 2010 in zwei oder drei Pilotregionen starten. "Wir wollen einen hohen wissenschaftlichen Standard", sagt Kai Kolpatzik, Leiter der Abteilung Prävention beim AOK-Bundesverband. Deshalb arbeite man mit der Bertelsmann-Stiftung zusammen, die bereits den Krankenhausführer Weiße Liste entwickelt hat. Nach der Entwicklungsphase werde die AOK den Arzt-Navigator für alle Krankenkassen öffnen.
Um zu vermeiden, dass ein Arzt durch eine einzige Bewertung als gut oder schlecht gilt, soll beim AOK-Bertelsmann-Projekt eine Hürde von 20 bis 50 Bewertungen gelten, bevor eine Arztbewertung online gehe. Für Uwe Schwenk, Programmdirektor der Bertelsmann-Stiftung, geht es um Transparenz: "Der Patient wird im Gesundheitssystem immer mehr mit Wahlmöglichkeiten konfrontiert. Aber mündig werden Patienten nur durch Information."
Verbraucherzentrale warnt vor diesen Portalen
Aber können Patienten eine ärztliche Leistung objektiv beurteilen? Kuno Winn, Vorsitzender des Ärzteverbandes Hartmannbund, bezweifelt das: "Patienten wissen, ob sie sich besser oder schlechter fühlen. Dieses Gefühl können sie aber nur selten mit einer bestimmten Leistung des Arztes in Verbindung bringen."
In Krankenhäusern wird die medizinische Qualität bereits bewertet, zum Beispiel mit Hilfe von Qualitätsberichten, welche die Zahl der Operationen und Komplikationen enthalten. Im ambulanten Bereich sei das aber kaum möglich, meint Peter Müller, Vorstand der Stiftung Gesundheit, obwohl Ärzte gesetzlich zu Qualitätsmanagement verpflichtet sind. Zu viele Faktoren könnten den Erfolg eines niedergelassenen Arztes beeinflussen - allein schon Kundenstamm und Einzugsgebiet.
Die Verbraucherzentrale (VZ) rät ohnehin, Arztbewertungsportale nur ergänzend zu nutzen. "Die meisten Angebote sind mit Vorsicht zu genießen", sagt Stefan Etgeton, Gesundheitsexperte beim VZ-Bundesverband. "Oft gibt es zu wenige Bewertungen pro Arzt und oft ist der Anlass für eine Bewertung ein negatives Erlebnis. So etwas ist nicht repräsentativ."
Portale sind leicht manipulierbar
Und leicht manipulierbar sind die Portale auch: CheckTheDoc etwa hat seine Arztbewertung derzeit stillgelegt, weil Ärztevertreter vermuteten, dass Ärzte sich selbst lobten und Kollegen schlecht benoteten. Das Angebot werde überarbeitet, heißt es. DocInsider-Chef Horak dagegen schätzt das Problem des Missbrauchs als klein ein: "Bei 100.000 Freitextberichten haben wir bisher 500 Fälle von Missbrauch festgestellt."
Aber auch Positives wird gemeldet, denn nicht jeder Patient ist so erbost wie derjenige mit dem Muttermal. Ein anderer Patient der schlecht bewerteten Hautärztin schrieb über sie: die Dame sei sehr freundlich und gut organisiert - "als Hautarzt nur zu empfehlen".
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