Umwelt Das Geld liegt in Ghanas Gassen

Von Wenke Böhm 

Er beleidigt die Augen und schadet Mensch und Tier: Plastikmüll ist im afrikanischen Ghana ein ganz großes Problem. Doch Junggründer Manuel Schulze schaut anders auf die Kunststoffberge.

Teilnehmer des Recycling-Projekts lernen, wie man Müll wiederverwertbar machen kann Foto: StN
Teilnehmer des Recycling-Projekts lernen, wie man Müll wiederverwertbar machen kann Foto: StN

Stuttgart - Vielleicht war es sein schwäbischer Ordnungssinn. Auf jeden Fall hat sich Manuel Schulze das Großreinemachen auf die Fahnen geschrieben. Nicht irgendwo, sondern in Ghana. Sein Ziel: Plastik-Putzete und anschließendes Recycling des Mülls in dem knapp 5000 Kilometer entfernten afrikanischen Staat. Die Gründeridee überzeugte unlängst die Jury des „Elevator Pitch BW – Eine Welt Cup“ in Stuttgart. Der Wettbewerb richtet sich an Gründungsteams und Jungunternehmen mit einem Bezug zur Entwicklungszusammenarbeit. Das Finale findet im Sommer 2016 statt.

Eigentlich war es Schulzes Mannheimer Studienkumpel Torben Fischer, der Ghana bei der Suche nach Ideen für einen Wettbewerb ins Spiel brachte. „Er hatte beobachtet, dass Plastikmüll dort ein riesiges Problem ist.“ Aufgewachsen und sozialisiert mit der deutschen Mülltrennungs-Perfektion sehen die beiden Studenten sofort die Synergie-Effekte – und haben eine Gründungsidee. Recycle Up! Ghana ist geboren.

Schüler lernen Recycling im Camp

Schnell machen der 28-Jährige und sein Freund drei Hauptgründe für die Plastikvermüllung Ghanas aus. Problem Eins: das fehlende Bewusstsein. Vielen Afrikanern ist nicht klar, wie schädlich der Kunststoffmüll ist. Problem Zwei: Die Infrastruktur fehlt, es gibt so gut wie keine öffentlichen Mülleimer. Problem Drei: Auch Recyclingfirmen sind Mangelware.

An das erste Problem wagt sich das Projekt zum ersten Mal 2014 mit einem Recycle Up! Sommercamp. Dort lernen 30 afrikanische Schüler zunächst theoretisch, was Plastikmüll mit Landschaft und Natur macht und warum er schädlich ist. Anschließend fahren sie mit Bussen in die Slums, wo sie sich selbst ein Bild von der Lage machen. Am Ende sollen sie selbst Lösungen erarbeiten. Die besten beiden werden prämiert.

Neue Mülltonnen für die Plastikmassen

Um das Problem Infrastruktur kümmern sich die Jugendlichen mit ihren Coaches direkt an den Schulen. Hier stellen sie Tonnen für den Plastikmüll auf. Recycle Up! Your School nennen Schulze, Fischer und ihr Team diese Phase. Die Kinder, die meist Ganztagsschüler sind, trinken Wasser aus kleinen Plastikbeuteln – rund sechs bis sieben am Tag. Bei 1500 Schülern macht das rund 10 000 Plastikbeutel täglich. Die zuvor geschulten sogenannten Schüler-Umweltscouts sammeln diesen Plastikmüll ein und verkaufen ihn an Recyclingfirmen.

Die Idee zieht schnell Kreise. 2015 gibt es bereits zwei Camps, in diesem Jahr sind es drei – in Cape Coast, Kumasi und in der Hauptstadt Accra. Die Startfinanzierung von 10 000 Euro hat Schulze bei einem weiteren Wettbewerb, der Google-Impact-Challange, gewonnen und durch Crowdfunding, also Massenmitfinanzierung, und andere Spenden verdoppelt. Jetzt sollen Projekt und Finanzierung professionalisiert werden.

Hunderttausende Euro auf den Straßen

Die Dritte Phase startet dann 2017. Beim Recycle Up! Startup sollen ghanaische und deutsche Firmen den Plastikmüll sammeln, schreddern und zu kleinen Granulat-Pellets schmelzen, die leicht zu transportieren sind und aus denen später Möbel, Spielwaren oder andere Produkte hergestellt werden können, erklärt der Gründer. Dann fängt er an zu rechnen: Ein Kilo Plastikmüll bringe 20 Cent. Pro Tag würden etwa 2000 Tonnen Plastikmüll in Ghana anfallen. 70 Prozent davon würden auf der Straße und in der Natur landen, sprich 1400 Tonnen. Das entspricht 1 400 000 Kilo – oder auch 280 000 Euro. „Das Projekt kann sich damit locker selbst tragen“, sagt Schulze.

In den ersten zwei Startjahren hätten sie rund vier Tonnen eingesammelten und knapp 1000 Euro Gewinn gemacht, die wieder in das Projekt fließen. Die Schulen würden auf Gewinn beteiligt. Ziel sei, dass am Ende vor allem ghanaische Firmen und damit die Menschen dort von dem Recycling-Geschäft profitieren können. Das ist erst der Anfang, schließlich ist Plastikmüll in fast allen Entwicklungsländern ein Problem. Denkbar wäre, sagt Schulze, dass sie eines Tages ihr Wissen an Firmen verkaufen aber: „Bei Recycle Up! Ghana wird es nie um den Profit gehen.“

Am 17. Juni zieht Schulze als „Eine-Welt-Cup-Gewinner“ ins Finale des Elevator Pitch ein. Dort hat er neben dem Recycling-Projekt noch ein zweites Projekt am Start. Seine Internet-Stadt-App „hoomn“ gewann in einem zweiten Wettbewerb den Publikumspreis und streitet folglich mit um den Sieg.