Umzug nach Vaihingen Geteiltes Echo auf Pläne für Allianz-City

Von Jörg Nauke 

Die Nachricht vom Umzug der Allianz Deutschland AG und der Allianz Lebensversicherungs AG mit 4000 Mitarbeitern aus der Innenstadt nach Vaihingen hat unter den Ratsfraktionen eine kontroverse Debatte ausgelöst.

Das Allianz-Gebäude an der Uhlandstraße wird auch 2020 frei. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Das Allianz-Gebäude an der Uhlandstraße wird auch 2020 frei.Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Die Nachricht vom Umzug der Allianz Deutschland AG und der Allianz Lebensversicherungs AG mit 4000 Mitarbeitern aus der Innenstadt nach Vaihingen (die StZ berichtete) hat unter den Ratsfraktionen eine kontroverse Debatte ausgelöst: Die einen sind froh, dass der Konzern in Stuttgart bleibt und womöglich wertvollen Raum für Wohnungsbau freimacht. Andere verweisen auf die ökologische Bedeutsamkeit des zur Bebauung vorgesehenen Grünzugs.

OB Fritz Kuhn (Grüne) freut sich, dass es gelungen sei, so viele Arbeitsplätze in Stuttgart halten zu können. Es seien alternative Standorte geprüft worden, man wollte aber nicht zu verdichtet bauen. Stolz ist der OB auf seine Idee, Allianz die Begrünung von zwei Dritteln des Aurelis-Geländes am Vaihinger Bahnhof aufzuerlegen. Die Stadt kaufe das Areal – finanziert werde es durch den Planungsgewinn, den der Konzern durch die Umwandlung der Sport- in Gewerbefläche erziele.

Über Folgenutzung kann OB noch nichts sagen

Über die Nutzung der frei werdenden Gebäude an der Uhlandstraße (54 000 Quadratmeter Miet- und Nutzfläche) sowie an der Reinsburgstraße (90 000 Quadratmeter) konnte der OB noch nichts sagen. Er habe mit der Vermieterin, der IVG Immobilien AG, bislang keinen Kontakt gehabt. Wenn es nach dem für 2020 geplanten Umzug dort die Chance auf Wohnungsbau gebe, solle es ihm recht sein. Natürlich sei es vorstellbar, dort einen Anteil Wohnen umzusetzen, sagt Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne). Ob als Neubau oder Umnutzung sei zu prüfen. Auch welche Konsequenzen solche Nutzungen hätten, etwa eine Planungsänderung oder mehr Verkehr, müsse untersucht werden. „Dazu braucht es aber noch Gespräche mit dem Eigentümer“, sagt Pätzold.

Die hat die IVG ebenfalls avisiert. Unternehmenssprecher Jürgen Herres kündigte an, alle künftigen Planungen eng mit der Stadtverwaltung abstimmen zu wollen. Das Unternehmen sei nach Ablauf der Mietverträge 2020 „offen für alles“, es gebe keine Denkverbote. Es sei dem Unternehmen klar, dass es für Grundstücke in so exponierten Lagen vielfältige Optionen gebe. Die IVG sei zwar spezialisiert auf Bürogebäude, damit sei die Idee, dort Wohnungen zu bauen, „aber nicht von vornherein ausgeschlossen“. Man wisse schließlich, dass in den sieben Toplagen in Deutschland großen Wert auf gemischte Quartiere und Urbanisierung gelegt werde.

Zumindest Teile der Liegenschaften als Wohnraum nutzen

Dass zumindest in Teilen der frei werdenden Liegenschaften oder an deren Stelle auch Wohnen möglich und sinnvoll sei, darin ist sich CDU-Fraktionschef Alexander Kotz sicher. Er ist „froh und dankbar dass die Allianz auf Stuttgarter Gemarkung bauen will und damit ein klares Bekenntnis zu Stuttgart auch für die Zukunft abgibt“. Dies sei wichtig „für die Sicherheit der Arbeitsplätze, das Image des Banken- und Finanzstandorts Stuttgart und nicht zuletzt für die Gewerbesteuer unserer Stadt“. Er möchte im Ausschuss für Umwelt und Technik rasch Pläne zu sehen bekommen.

Auch die Grünen begrüßen, „dass die Allianz der Stadt die Treue hält“. Der Wunsch nach Konzentration angesichts des enormen Sanierungsbedarfs an den derzeitigen Standorten sei nachvollziehbar. Mit dem Umzug nach Vaihingen würde die Wahl auf einen auch durch den künftigen Regionalbahnhalt bestens öffentlich angeschlossenen Standort fallen. Nicht vergessen hat man aber im Stadtbezirk, dass es die Grünen gewesen sind, die in der Debatte um den Wiederaufbau der abgebrannten Sportinsel im Sportgebiet wegen ökologischer Bedenken Nein gesagt hatten.

Grüne sehen Notwendigkeit für Alternativangebote

Da die Allianz zwar auf ihrem Gelände bauen will, dieses aber vom TSV Georgii Allianz als Sportanlage genutzt wird, sehen die Grünen die Notwendigkeit für Alternativangebote. In diesem Zusammenhang hat Jürgen Sauer, CDU-Stadtrat und Vorsitzender des benachbarten SV Vaihingen, gegenüber der StZ angekündigt, mit dem TSV-Vorstand und den Kollegen in der Nachbarschaft über Hilfsangebote sprechen zu wollen, sobald abzusehen sei, wohin die Reise gehe.

Grünen-Fraktionschefin Anna Deparnay-Grunenberg sieht es wie ihr OB: Ein Planungsgewinn müsste gewinnbringend für den Stadtbezirk Vaihingen eingesetzt werden durch die Neuordnung des Areals am Vaihinger Bahnhof. „Wir sollten jetzt die Chance nutzen, das starke Gewerbegebiet mit dem Zentrum Vaihingens tatsächlich und erlebbar zu verbinden. Der bisher unerfüllt gebliebene Wunsch der Bürger, die Unterführungen zu optimieren und mehr Grün in diesem Bereich zu schaffen, sei jetzt möglich.

Das Hochhaus könnte einer Wohnbebauung weichen

Ihr Kollege Andreas Winter meint, „auch für den Westen und die angrenzenden Quartiere sehen wir durch den Auszug der Allianz eine Chance für ein urbanes Miteinander von Wohnen und Arbeiten“. Das Hochhaus könnte einer Wohnbebauung weichen, „die mit ihrer Lage direkt an der Karlshöhe sicher eine hervorragende Lebensqualität bieten würde“. Eine „sehr attraktive Wohnlage“, meint auch Jürgen Zeeb (Freie Wähler). „Hoffentlich sagt das Stadtplanungsamt den Investoren nicht wieder, sie hätten keine Zeit für eine Bebauungsplanänderung.“

Sehr kritisch sieht SPD-Chef Martin Körner das Projekt: „Das Grundstück ist sicherlich nicht ideal.“ Deshalb wolle man wissen, ob es nicht noch bessere Alternativen gibt, etwa das Aurelis-Gelände, auf dem ein Bürobau grundsätzlich viel sinnvoller wäre als mitten in einem Grünzug. Vielleicht müsste man hier auch über einen höheren Bürobau nachdenken.

Unklar ist, wie der Verkehr bewältigt werden soll

Unklar sei auch, wie der zusätzliche Verkehr vor Ort bewältigt werden solle. Und schließlich müsse Transparenz bei den Finanzen her. Es sei nicht unproblematisch, wenn die Stadt Allianz mit einem neuen Baurecht mal eben 40 bis 50 Millionen Euro schenke, und der gleiche Konzern noch vor wenigen Jahren seine Innenstadt-Grundstücke gut verkauft habe. „Einen Teil dieser Konzerngewinne muss der Allgemeinheit zugutekommen“, so Körner.

Für Hannes Rockenbauch (SÖS-Linke-Plus) ist es „eine krasse Nummer“, dass ausgerechnet die grüne Rathausspitze den letzten Grünzug im Quartier zubetonieren lassen wolle. Das hätte er eher von CDU-Bürgermeister Michael Föll erwartet. Er habe erhebliche Zweifel, dass dies klimatisch gut für die Stadt sein könne. Wie üblich, sei bereits alles festgezurrt, wenn das Thema im Gemeinderat besprochen werde. Die Begrünung der Aurelis-Fläche sei kein adäquater Ausgleich für 100 000 Quadratmeter Bürofläche, die auf dem 4,5 Hektar großen Sportgelände entstehen sollen. Mit den frei werdenden Arealen könnten zwar nicht die Wohnungsprobleme der ganzen Stadt gelöst werden, der Abriss des Hochhauses wäre aber ökologisch sinnvoll; womöglich könne man es übergangsweise für Studentenwohnungen nutzen. Die Stadt müsse für das künftige Baurecht jedenfalls möglichst viel herausholen.