Hohenheim - Die Delegierte Frankreichs wippt nervös mit den Füßen. Dann erhebt sie sich und tritt ans Rednerpult. Vor ihr knapp 50 Vertreter weiterer UN-Mitgliedsstaaten, die darauf warten die Position Frankreichs in der Frage transnationales organisiertes Verbrechen zu hören. Ort des Geschehens ist jedoch nicht das UN-Hauptquartier in New York, sondern – immerhin – der prunkvolle Balkonsaal des Hohenheimer Schlosses, die Rednerin keine französische Diplomatin, sondern eine Stuttgarter Studentin.
Es ist die Generalprobe des Club of Hohenheim für die National Model United Nations Konferenz (NMUN), der größten studentischen UN-Simulation der Welt, die Anfang April in New York stattfinden wird. Dort kommen in jedem Jahr Studenten aus aller Welt zusammen, um in die Rolle von UN-Diplomaten zu schlüpfen. Die Stuttgarter und Hohenheimer stehen dann nicht mehr vor 50, sondern vor bis zu 5000 Studenten – das will geübt sein.
Bei der am Samstag simulierten UN-Vollversammlung zumindest hat die französische Abgesandte Erfolg. Die Vertreterin des Irans bittet um eine Pause für informelle Gespräche mit dem Land. Daraufhin löst sich die Versammlung auf, um sich in kleinen Gruppen wieder zusammenzufinden. In allen Ecken des Saales und davor werden jetzt Gesetzesvorlagen diskutiert und formuliert. Für diese gilt es dann später Werbung zu machen, schließlich ist das Ziel am Samstag wie in einigen Monaten in New York eine Resolution. Und dafür braucht es eine Mehrheit. „Ein Diplomat ist ein Lobbyist seines Landes“, fasst Daniel Melter, der stellvertretende Vorsitzende des Club of Hohenheim, zusammen.
Hohenheimer Studenten vertreten den Kongo
Bei der Generalprobe soll aber nicht nur am diplomatischen Geschick, sondern nicht zuletzt am englischen Ausdrucksvermögen der Studenten gefeilt werden. Denn gesprochen wird nur Englisch, in den Sitzungen wie außerhalb. Auch andere Regeln werden heute professionalisiert: So wird nach gelungenen Reden keinesfalls geklatscht. Da ist man streng, die Regeln der UN gelten und werden unter Aufsicht des Vorsitzenden strikt eingehalten.
Die Hohenheimer und Stuttgarter Studenten vertreten in diesem Jahr die Demokratische Republik Kongo. Sechs Monate intensiver Vorbereitungen liegen hinter ihnen. Sechs Monate, in denen viel Freizeit geopfert wurde, um sich die aktuelle politische und wirtschaftliche Lage des Landes einzuprägen, deren Vertreter man gerade geworden ist. Das ist bei einem Land wie dem Kongo ganz besonders schwer, weiß Beatrice Messmer zu berichten. Der Kongo sei im Internet wenig präsent, sagt die 22-jährige Studentin der Wirtschaftswissenschaften, die Position des Landes undurchsichtig. Deshalb musste sie andere Wege gehen und unter anderem 200-seitige Redeprotokolle aus UNO-Sitzungen auswerten, um sich einigermaßen in die Situation des Landes hineinversetzen zu können. „Das ist schwer, wenn man aus einem europäischen Land kommt“, sagt ihr Kollege Jens Obermann, der in Hohenheim International Business studiert.
Auch in einer anderen Frage sind sich beide einig: Nach dem Studium selbst bei den Vereinten Nationen arbeiten? „Nein“, sagen sie. Zu hoch sei die Frustrationstoleranz, die man mitbringen müsse. Doch ist das Planspiel ein Stück wertvolle Lebenserfahrung, ist sich Obermann sicher: „Man wird kompromissbereiter und sieht, wie viel man dann zusammen erreichen kann.“


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