InterviewUnbegleitete minderjährige Flüchtlinge Porträt: Angekommen in einer neuen Zukunft

Von Franziska Meißner 

Korntal-Münchingen - Mahdi hat es geschafft. Einen Monat und 25 Tage war der 16-Jährige unterwegs, zu Fuß in Wäldern und Bergregionen und mit dem Auto auf der sogenannten Balkanroute. Jetzt ist der Afghane angekommen. Angekommen in einer neuen Heimat in einer Wohngruppe der Korntaler Jugendhilfe, in der alles anders ist als zuhause in einer Provinz unweit von Kabul. In der er zwar das Essen anfangs nicht runterbekommen hat, aber in der er sich sicher fühlt und willkommen.

Mahdi, der eigentlich anders heißt, wollte nicht weg von seiner Familie. „Niemand will das“, sagt der 16-Jährige. Aber die Taliban und die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) rückten immer näher. Die Jungen, sagt Mahdi, werden rekrutiert. Es war der Vater, der über seinen Kopf hinweg entschied. Er zahlte den Schlepper, den Mahdi noch nie zuvor gesehen hatte und mit dem er doch mitging, abends, heimlich. Niemand außer seiner Familie weiß, dass er geflohen ist. Und Mahdi wusste selbst lange nicht, wohin er überhaupt geht.

Angst vor „hasserfüllten“ Polizisten

Fast zwei Monate hat es gedauert vom Aufbruch in Afghanistan bis zur Ankunft in Stuttgart im September, wo die Polizisten ihn mit Respekt behandelt haben. Nicht so wie in Bulgarien, wo die Polizei den Flüchtlingstrupp aufgriff, einige schlug und alle zurück in die Türkei schickte. „Hasserfüllt“ seien die meisten Polizisten auf der Route gewesen. „Jeder hatte Angst vor ihnen.“

Jetzt, sagt Mahdi, läuft eigentlich alles gut. „Ich fühle mich besser.“ Besser, das bedeutet, dass das Heimweh nicht mehr so schlimm ist wie am Anfang. Alle zwei Wochen spricht er mit seiner Familie, mit den Eltern, dem kleinen Bruder und der kleinen Schwester. Dass sie je wieder zusammenleben, daran glaubt er nicht. „Impossible“ nennt er es. Genauso „impossible“ ist die Vorstellung, selbst irgendwann wieder zurück nach Hause zu können. In die Heimat, in der er aufgewachsen ist, zur Schule ging, wo er Freunde hatte. „Es war gut“, sagt Mahdi, „und dann nicht mehr.“ Nachts, erzählt er, hätten sie die Feuersalven gehört, als Taliban oder der IS und die Polizei sich bekämpften. „Einen Tag ist man am Leben, am nächsten wird man getötet.“ Die Gefahr wurde zur Normalität.

Alte und neue Berufswünsche

In Korntal hört Mahdi keine Schüsse mehr. Er geht in die Vorbereitungsklasse, lernt Deutsch, was er schwierig findet, aber schon gut spricht. Er hat neue Hobbys, zum Beispiel Schwimmen und Taekwondo. Mahdis Augen leuchten, wenn er davon erzählt. Und Fußball spielt er auch gerne.

Gerade wird die Zukunft des 16-Jährigen etwas klarer: Er möchte auf eine normale Schule gehen und dann eine Ausbildung zum Elektromechaniker machen. Eigentlich wollte er immer Journalist werden. „Jetzt ist das schwierig“, sagt er. Mahdi hat Freunde gefunden, darunter ein Afghane aus seiner Wohngruppe. Sie kochen oft zusammen. Mahdi lacht viel, und es ist klar, dass er froh ist, hier zu sein. Nur nachts, da liegt er oft wach und denkt an seine Familie.