Unbeliebte Achtbeiner Sechs Mythen über Spinnen

Von Carolin Klinger 

Sie krabbeln uns in den Mund, wenn wir schlafen, sie sind giftig und womöglich können sie ihre Eier unter der menschlichen Haut ablegen: Es gibt zahlreiche Mythen, die sich um Spinnen ranken. Manche davon sind wahr, andere jedoch gehören ins Reich der Horrorfilme.

Die Spinne in ihrem Netz ist gefährlich – allerdings nur für ihre Beutetiere. Foto: dpa
Die Spinne in ihrem Netz ist gefährlich – allerdings nur für ihre Beutetiere. Foto: dpa

Stuttgart - Sie sind faszinierend, aber auch beängstigend: Kaum ein anderes Tier löst bei Menschen so starke Gefühle aus wie die Spinne. Dabei sind die Achtbeiner größtenteils für den Menschen völlig ungefährlich. Doch wenn die Temperaturen im September sinken und die Luftfeuchtigkeit steigt, suchen einige Spinnenarten wie zum Beispiel die Zitterspinne oder auch die Hauswinkelspinne in Wohnungen und Kellern Schutz. Lautlos und schnell krabbeln sie dann plötzlich durch das Zimmer und können dem Menschen dabei sehr nahe kommen, ohne bemerkt zu werden. Für viele Menschen sind diese Eigenschaften schon Grund genug, Abscheu für die Tiere zu empfinden.

Teilweise mag das daran liegen, dass sich zahlreiche Mythen um die unbeliebten Krabbeltiere ranken, die diese diffusen Ängste noch steigern. Doch nicht alle Gerüchte sind wahr. Wir sind den Mythen auf den Grund gegangen.

Mythos 1: Wir verschlucken durchschnittlich sieben Spinnen pro Jahr im Schlaf

Diese urbane Legende hält sich hartnäckig und wird immer wieder gerne mit Grauen erzählt. Tatsächlich stimmt die Geschichte aber nicht. Zum einen kann man sich fragen, wie man überhaupt auf diese Durchschnittszahl kommt und wie dies getestet wurde. Eine Quelle für die Behauptung gibt es jedenfalls nicht. So variiert die Zahl auch zwischen sieben und acht Spinnen pro Jahr, manchmal ist auch von 50 Spinnen die Rede, die man im Laufe des Lebens verschluckt. Doch Spinnen-Experten halten dagegen: Die Tiere haben an den Beinen Haare, mit denen sie jede noch so kleine Erschütterung spüren können. Schon die menschliche Atmung reicht aus, dass sich die Spinne aus dem Staub macht. Denn die Achtbeiner meiden alles, was über den Schwellenreiz eines Beutetiers hinaus geht. Zu Menschen – auch wenn sie schlafen – wird die Spinne also Abstand halten.

Mythos 2: Das Gift der Spinnen kann Menschen töten

Dieser Mythos stimmt teilweise. Tatsächlich sind 99 Prozent der bekannten Spinnenarten giftig – jedoch meistens nur für ihre Beutetiere. Weniger als 100 Spinnenarten produzieren ein für den Menschen gefährliches Gift und nur bei etwa 30 Arten kann der Biss tödlich enden. Und selbst diese Arten müssen sich extrem bedroht fühlen, um einen Menschen zu beißen. Von den etwa 1000 verschiedenen Spinnenarten, die in Deutschland leben, ist keine für den Menschen gefährlich. Die wenigsten Spinnen sind überhaupt in der Lage, mit ihrem Mundwerkzeug die Haut des Menschen zu durchdringen.

Mythos 3: Spinnen sind nutzlos

Das stimmt definitiv nicht. Tierschützer wie beispielsweise vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu) bitten immer wieder darum, Spinnen am Leben zu lassen und sie einfach mit einem Glas nach draußen zu befördern. Denn Spinnen sind für den Menschen nützlich: Sie fressen besonders gerne Mücken, Motten oder Blattläuse und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Regulierung der Insektenfauna.

Mythos 4: Spinnen-Weibchen töten die Männchen nach der Paarung

Das trifft auf viele Spinnenarten zu, wenn auch nicht auf alle. Die Schwarze Witwe ist ein bekanntes Beispiel für solch eine Spinnenart. Besonders gefährdet sind die Männchen solcher Arten, die deutlich kleiner sind als die Weibchen. Denn bei den Spinnen werden kleinere Tiere als Beute angesehen. Das Weibchen sorgt durch ihr vermeintlich brutales Verhalten aber auch dafür, dass die Kopulation möglichst kurz bleibt und sie sich auch noch mit anderen Männchen paaren kann. Ihr Ziel ist es, den Partner für die Besamung der Eier zu finden, der über die besten Gene verfügt. Dass sie das Männchen nach der Ermordung verspeist ist dabei nur konsequent: Das Männchen wird so zum Beutetier und dient als Nahrungsquelle. Ist die Spinne gut genährt, kommt das auch wieder ihrem Nachwuchs zugute.

Allerdings gibt es gerade unter unseren Hausspinnen zahlreiche Arten, bei denen sich Männlein und Weiblein auch friedlich ein Netz teilen.

Mythos 5: Spinnen können ihre Eier unter der Haut von Menschen legen

Die Geschichte, dass Spinnen ihre Eier unter der Haut des Menschen ablegen können, wo der Nachwuchs dann schlüpft, gehört in das Reich der Horrorfilme. Mit der Realität hat dies jedoch nichts zu tun. Es gibt keine Spinne, die dazu in der Lage wäre. Außerdem suchen sich die Tiere ruhige, trockene Fleckchen, wo sie ihre Eier meist in Seidenkokons legen, die sie an Pflanzen befestigen.

Mythos 6: Die Angst vor Spinnen ist angeboren

Die Angst vor Spinnen stellt Psychologen vor ein Rätsel. Zwar klingt es plausibel, dass sich die Angst vor den Achtbeinern evolutionsbedingt entwickelt hat, etwa weil unsere Vorfahren dachten, dass durch Spinnen Krankheiten übertragen werden. Mit dieser Begründung müsste man sich jedoch viel mehr vor Käfern fürchten, die aus unseren Nahrungsmitteln herauskrabbeln können. Spinnen hingegen interessieren sich weder für unsere Nahrung, noch sind sie – wie beispielsweise Mücken – an Menschen überhaupt interessiert. Gegen die Theorie der angeborenen Angst spricht auch, dass es Völker gibt, die keinen Ekel vor Spinnen empfinden und sie sogar verspeisen.

Eine weitere Theorie besagt, dass die Angst vor Spinnen anerzogen ist. Wenn ein Kind sieht, dass sich Mutter oder Vater vor Spinnen fürchten, übernimmt es das Verhalten. So wird die Furcht von Generation zu Generation weitergegeben. Ist die Angst vor Spinnen so groß, dass sie den Betroffenen im Alltag einschränkt, spricht man von einer Arachnophobie. Diese Ängste können aber durch eine Konfrontationstherapie überwunden werden.