"Und wenn ich verreck", ich bin Freudentäler"

Von "Kornwestheim und Kreis Ludwigsburg" 

Holocaust Der Historiker und Journalist Steffen Pross erzählt dieGeschichte von drei jüdischen Familien. Von Karen Schnebeck

Holocaust Der Historiker und Journalist Steffen Pross erzählt dieGeschichte von drei jüdischen Familien. Von Karen Schnebeck

Heute erinnert das Pädagogisch-Kulturelle Centrum (PKC) in der ehemaligen Freudentaler Synagoge an den Beginn der Deportation der württembergischen Juden, bei der auch Juden aus Freudental verschleppt und ermordet wurden. Um 17 Uhr führt der Schauspieler Ernst Konarek mit der Musikschule und dem Schulzentrum Renningen die Kinderoper Brundibár auf, ein Lehrstück vom Sieg der Freundschaft über das Böse. Im Jahr 1941 wurde die Oper im jüdischen Kinderheim in Prag heimlich uraufgeführt. In Theresienstadt wurde sie 55-mal gespielt und schenkte den Kindern dort ein bisschen Freude inmitten des Grauens.

Wie sich dieses Grauen im Alltag der Juden Freudentals seit 1933 verfestigte, erzählt der Journalist und Historiker Steffen Pross in seinem Buch "Später erhielt ich noch zwei Karten aus Theresienstadt - Freudentaler Adressbuch 1935", das jüngst vom PKC im Rahmen der Reihe "Freudentaler Blätter" veröffentlicht worden ist. Im ersten Band des zweiteiligen Werks zeichnet er die Geschichte dreier jüdischer Familien nach - und lässt sie an vielen Stellen auch selbst zu Wort kommen. "Ich habe seit 1933 gepredigt, dass das Ende der Verfolgung ein barbarischer Massenmord sein wird und habe für Emigration um jeden Preis gekämpft. Aber selbst in den Jahren 1939,1940, 1941, als es noch Wege der Rettung gab, hat man mir nicht geglaubt, dass akute Lebensgefahr ist für jeden in Hitlers Hand (. . .)", schreibt der ehemalige jüdische Lehrer Simon Meisner am 4. April 1946 aus Brüssel. Meisner hat den Holocaust nach einer abenteuerlichen Flucht in Belgien überlebt.

Viele andere Freudentaler Juden sind den Nazis hingegen nicht entkommen, Moritz Herrmann etwa, ein Bauer durch und durch. Er half anderen bei der Emigration, ihn selbst aber hielt die Heimatliebe zurück: "Ich geh hier nicht weg und wenn ich verreck, ich bin Freudentäler", sagte er - bis es zu spät zur Flucht war.

Vertreibung, Zwangsarbeit, Deportation, Ermordung - "man hat sämtliche Facetten des Holocausts in diesem kleinen Dorf", sagt Pross. Mit der Vorstellung, die Dorfjuden hätten es im Dritten Reich etwas leichter gehabt als die Städter, räumt er in seinem Buch auf. Er berichtet von der Verschleppung dreier Juden kurz nach der Machtergreifung in ein Konzentrationslager, von zunehmenden Repressalien im Alltag und von der Schändung der Synagoge.

Pross nennt sein Buch im Untertitel "Freudentaler Adressbuch", weil er die Geschichten der Familien in ihren Häusern beginnt. Wer wohnte einst in der Judengasse 11 und 16, die 1933 in Strombergstraße umbenannt wurde? Was ist aus den Menschen aus der Hauptstraße 18 geworden? Pross hat geforscht, wo immer er Daten finden konnte - herausgekommen ist ein Blick in den Alltag der Juden auf dem Dorf, in dem der gelbe Stern nicht nötig war, weil jeder wusste, wer man war.

Buch "Später erhielt ich noch zwei Karten aus Theresienstadt - Freudentaler Adressbuch 1935" ist für zehn Euro im Buchhandel erhältlich (ISBN 978-3-9809962-5-9). Das Buchkann aber auch über das PKC Freudental, Telefon 0 71 41/2 41 51 bezogen werden.

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