Ungewöhnliche Ausstellung Kunst aus Fleisch

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Das Museum Villa Rot im oberschwäbischen Burgrieden zeigt, was Künstler mit Muskeln, Fett und Eingeweiden machen. Die Schau trägt den Titel „Fleischeslust“.

Francisco Sierra macht Discounter -Koteletts wieder kostbarDer belgische Künstler Alex van Gelder  fotografierte . . . Foto: Villa Rot
Francisco Sierra macht Discounter -Koteletts wieder kostbarDer belgische Künstler Alex van Gelder fotografierte . . .Foto: Villa Rot

Burgrieden - Das Metallgestell für den Sessel schickte die Künstlerin Jana Sterbak per Spedition von Montreal in das 1000-Seelen-Dorf Rot. Das Polstern übernahm die Museumschefin und Hobbysattlerin Stefanie Dathe selber. Sie bestellte 50 Kilo Rindfleisch beim Dönermetzger, fertigte ein Schnittmuster, nähte die einzelnen Fleischlappen zu einem schönen Bezug zusammen und salzte nach. Das kräftig durchwachsene, langfasrige Brustfleisch eignet sich für Sitzmöbel am besten. Es schafft ein abwechslungsreiches Muster und reißt nicht so schnell. Denn ein Kunstwerk arbeitet ja. Am Anfang war es blutrot, später braun, dann hellbraun, jetzt ist es grau wie Ötzi. Es riecht auch, aber gar nicht schlecht. Wie Pökelfleisch. Wäre der Sessel nicht Kunst, man hätte gut Labskaus oder Corned Beef draus machen können.

Ein barockes Kunstwerk zeigt Sam Taylor-Johnson. Die Hinfälligkeit allen Fleisches. Das Vergehen eines erlegten Hasen im Zeitraffer. Viereinhalb Filmminuten lang wuseln Maden über den Pelz, bilden Madenautobahnen, höhlen den Tierkörper aus, der sich noch aufbäumt, schließlich in sich zusammenfällt. Nach dem Gekrabbel bleiben nur Fellhäufchen und Knochen, daneben leuchtet eine Plastiknektarine rot-gelb wie eh und je. Ein Highspeed-Stillleben.

Vor gut einem Jahr unterhielt sich Stefanie Dathe mit dem befreundeten Schriftsteller Volker Demuth. Dabei stellten sie fest, dass es noch nie eine Ausstellung über Fleisch gab. Eigentlich war in dem Moment schon klar: Das ist genau das Richtige für die Villa Rot – vor hundert Jahren in die Rostbratenregion Oberschwaben gebaut als Rückzugsort von Raymond Fugger, dem Spross der berühmten Kaufmannsfamilie. Heute von Stefanie Dathe genutzt als Museum für „die Grenzbereiche der Kunst“, wie sie sagt. Und so ist das Jugendstilschlösschen jetzt voll mit Muskelstücken, Bindegewebe, Knorpel, Bändern, Darmzotten, Fasern, Häuten.

Wie bei einer Hausschlachtung

Die Moderne Fleischkunst hat eine lange Vorgeschichte. Sie beginnt in der Neuzeit, als die Sezierbestecke der Anatomischen Theater nach und nach das Geheimnis lüften, das den Menschen bis dahin wie ein Schutzmantel umhüllt. In die Dunkelheit des Leibes fällt das Licht der Wissenschaft – und der Kunst. Der Holländer Pieter Aertsen (1509– 1575) ist der erste Maler, der mit Fleisch spielt. Seinen „Besuch Christi bei Maria und Martha“ beherrscht ein mächtiges Schinkenstück, während die biblische Gastmahlzeit zur Randerscheinung verkümmert. Damit wollte er sicher beklagen, dass die Gier nach Reichtum und fleischlichem Genuss über alle christliche Mäßigung triumphiert. Der „Geschlachtete Ochse“ von Rembrandt (1606–1669) hat selbst schon religiöse Züge, hängt wie gekreuzigt an seinen gespreizten Hinterbeinen. Bei Lovis Corinth (1858–1925) löst sich alles auf. In seiner „Schlachtstube“ ist nur noch ein Ochsenbein zu erkennen. Der Rest: Blut und Metzeldampf. Chaim Soutine (1893–1942) holt sich Fleischstücke aus den Pariser Schlachthöfen als Modelle ins Atelier. Um die Farbeffekte auf den Gemälden zu erhalten, gießt er frisches Blut darüber. So viel, dass es in die darunter liegende Wohnung tropft und ihm die Gendarmerie auf die Pelle rückt. „Ich kann Paris im Kadaver eines Ochsen zeigen“, sagt Soutine.

Mitte des 20. Jahrhundert werden Fleisch, Blut, Stoffwechselprodukte, Ausscheidungen, Knochen dann selbst zu Werkmaterialien. Und so fühlt man sich in der Villa Rot manchmal wie als Gast einer Hausschlachtung. Vorhang auf für die allererste museale Fleischschau.

Die Schweizer Fischli und Weiss beginnen 1979 ihre Weltkarriere mit einer Fotoserie. Dafür räumen sie ihren Kühlschrank aus und imitieren mit den Lebensmitteln das Leben. Zum Beispiel einen Rennwagencrash, dargestellt mit zwei kurzen dicken Brühwürstchen auf Karottenrädern. Oder eine Modenschau: gedrungene, in Speckmäntel gehüllte Cervelatwürste posieren für die Kamera, dass es nur so glänzt.

Alex van Gelder besucht Schlachtplätze im westafrikanischen Benin und fotografiert alles, was an gedehntem, erschlafftem, geschnittenem, gerissenem, hängendem, aufgehäuftem Material ins Auge fällt. Man riecht förmlich den scheußlichen Gestank. Und doch haben die Bilder etwas sehr Schönes. Daniel Mijic reiht fette Speckschwarten wie Blechkuchenschnitten aneinander und sperrt sie in einen Guckkasten. Dort konnten Kunstbeflissene zusehen, wie sich Larven an der Schwarte vollfressen, sich vermehren und verpuppen, dann als Fliegen sterben. Inzwischen ist alles tot im Kasten. Da mag es Wim Delvoye stilvoller: Er lässt sich von Salami, Schinken, Mortadellascheiben zu einer exzellenten Intarsienarbeit inspirieren und begibt sich damit auf ganz glattes Parkett.