Unglück auf Teststrecke Steilkurven kennt der Student nur vom Fernsehen
Michael Ohnewald, 17.09.2011 08:45 Uhr
Präsentation auf der IAA: „An diesem Auto hat unser Christof gearbeitet.“ Foto: Reiner Pfisterer
Präsentation auf der IAA: „An diesem Auto hat unser Christof gearbeitet.“ Foto: Reiner Pfisterer

Zur gleichen Zeit verkehrt Thomas Müller (Name geändert) auf der Teststrecke. Im Rahmen seines Studiums hat der angehende Fahrzeugbauer erst zwei Wochen zuvor bei Daimler ein Praktikum begonnen. Müller ist Jahrgang 1985, ein aufrichtiger Kerl. Er hat kein eigenes Auto, wenn er eines braucht, leiht er sich den Kleinwagen der Mutter. Hochgeschwindigkeitsteststrecken und Steilkurven kennt der Student nur vom Fernsehen aus der Formel 1.

Nach einer theoretischen Schulung und einigen Fahrten mit Abteilungsleitern auf der Autobahn darf Müller mit dem Team nach Papenburg auf eines der weltweit größten, herstellerunabhängigen Automobil-Prüfgelände. Um auf der dortigen Teststrecke zugelassen zu werden, bedarf es einer "Berechtigung zum Fahren eines Fahrzeugs zu Versuchs- und Erprobungszwecken". Eine der Voraussetzungen ist ein Fahrsicherheitstraining. Müller hat es nicht absolviert, als er sich an jenem Septembertag im Auftrag von Daimler ans Steuer der M-Klasse setzt. Bevor er losfährt, muss er noch ein Papier ausfüllen. Das ist Vorschrift. Ohne weiter darauf zu achten, unterschreibt Müller als Teamleiter. Der wahre Teamleiter ist nicht vor Ort.

Konstant mit Tempo 200 durch die Steilwand fahren

Die Fahrt dient zur Vorbereitung einer für den nächsten Tag geplanten Messung. Es geht um das Stabilitätssystem ESP. Der Student soll konstant mit Tempo 200 durch die Steilwand fahren. Dafür muss er den Tempomat einstellen. Er hat darin keine Übung. Alle 1,3 Sekunden wird seine Geschwindigkeit an die Leitstelle gemeldet. Als der Tacho der M-Klasse 214 km/h zeigt, sieht der Student plötzlich vor sich das Heck des SLS-Cabrios von Christof Kemmler, der mit nur rund 65 Stundenkilometern auf dem Kurs unterwegs ist. Es kommt zu einem gewaltigen Aufprall. Die M-Klasse fliegt 26 Meter durch die Luft. Das SLS-Cabrio kracht in die Leitplanke. Der Praktikant ist verletzt, ebenso der Beifahrer im gerammten Wagen. Christof Kemmler hat es bei der Karambolage weit schlimmer getroffen. "Reanimation erfolglos", schreibt der Notarzt wenig später auf die Todesbescheinigung. "Exitus 19.20 Uhr."

Daimler zieht sofort das Team aus Papenburg ab. Der Student Müller liegt verstört im Krankenhaus. Ein Kollege, der sich dem eigenen Gewissen verpflichtet fühlt, bleibt bei ihm, bis Angehörige des Studenten vor Ort sind. Noch am selben Abend überbringt die Polizei den Kemmlers in Pfullingen die Todesnachricht. Als die Eltern am nächsten Morgen ihren Briefkasten öffnen, finden sie darin eine Karte, die Christof vor seiner Abreise aus Kalifornien geschrieben hat. "Hoffe, ich verpasse den Flieger nicht", steht da. "Wäre aber auch nicht so schlimm."

Die Familie ist dankbar für die große Anteilnahme

Nach der Beerdigung versucht die Familie, das Geschehene zu verarbeiten. Sie ist dankbar für die große Anteilnahme von Christofs Freunden und Kollegen und auch für einen Gedenkstein, den Daimler zur Erinnerung an der Teststrecke platziert hat. Es beginnt die Zeit der Briefe und der Juristen. Ein Sachverständiger wird mit der Untersuchung beauftragt. "Die Unfallstelle liegt mehr als zwei Kilometer nach dem Durchfahren der Steilwand, so dass sich die M-Klasse der Unfallstelle auf gerader Strecke näherte. Langsame Fahrzeuge wären hier bei genügender Obacht und Sorgfalt zu erkennen gewesen", lautet sein Befund.

Die Staatsanwaltschaft in Osnabrück will es genauer wissen. Ihr Fragenkatalog wird von Rechtsanwälten des Autokonzerns beantwortet. Die Daimler-Juristen schreiben: "Die Unfallfahrt war eine reine Vorbereitungsfahrt, die der Praktikant auf eigenen Wunsch außerhalb des an sich vorgesehenen Programms absolvierte." Auch Christofs Eltern bekommen Post vom Unternehmen. Man bietet ihnen die Hilfe eines Psychologen an. "Der Unfalltod Ihres Sohns auf dem Testgelände in Papenburg ist und wird ein schreckliches und unfassbares Ereignis bleiben, das Ihre und auch unsere Welt verändert hat", heißt es in dem Brief. "Nach allen bisherigen Erkenntnissen war Unfallursache menschliches Versagen und keine sicherheitstechnischen Mängel an der Strecke oder mangelnde Schulung bei dem Unfallverursacher."

Der Student schreibt einen Brief an die Kemmlers

Praktikant Müller wird nach seiner Genesung in eine andere Abteilung versetzt. Als er seine Abrechnung erhält, stellt er fest: "Mir wurden die Tage im Krankenhaus vom Lohn abgezogen." Der Student schreibt einen Brief an die Kemmlers. "Für mich ist es noch immer unbegreiflich, wie es zu dem Unfall kommen konnte. Diese Frage beschäftigt mich sehr. Jedoch finde ich keine Antwort darauf. Ich entschuldige mich für alles, was ich Ihnen angetan habe."

Die Kemmlers antworten: "Wir wünschen Ihnen, trotz unserer großen Trauer, dass dieser entsetzliche Unfall für Sie in den Hintergrund tritt und Sie wieder gesund weiterleben können. Sie sind noch jung und haben das Leben noch vor sich."

Kommentare (6)
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SEP
18
Ketzer, 17:54 Uhr

So lange die Geisteshaltung sich nicht ändert...

...die dazu führt, dass manche Deutsche ihr Auto häufiger waschen als ihre Unterhosen, wird sich auch an dem täglichen Gang zum Opferaltar des Fetischs "Auto" nichts ändern. Was dem Amerikaner sein verfassungsmäßig verbrieftes Recht ist, eine Waffe zu tragen und sie zu benutzen, das ist dem Deutschen eben sein in der Straßenverkehrsordnung verbrieftes Recht, auf Autobahnen so schnell zu fahren wie er will. Den Amerikaner schützt die NRA als mächtige Lobby, den Deutschen schützt der ebenso mächtige ADAC. Der Amerikaner nennt seine Waffe "Colt", der Deutsche nennt die seine "heilig's Blechle". Die Opfer nennt man in den USA "firearm victims", in Deutschland "Verkehrsunfallopfer". Die Rate der alljährlich der jeweiligen Nationalpsychose dargebrachten Opfer ist in beiden Ländern annähernd gleich. Autowerke sind Waffenfabriken. Und ich sage das gerne jedem, der dort arbeitet, ins Gesicht. Gerade in Stuttgart.

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SEP
17
Peter, 17:16 Uhr

@Heinrich F

Ja, in vielem kann ich Ihnen zustimmen. Trotzdem führt kein Weg daran vorbei, dass es für manche Todesfälle Schuldige gibt - einer in diesem Fall hat sich dazu bekannt und leidet an den Folgen. Ob und in welchem Ausmaß darüber hinaus das Unternehmen ebenfalls Schuld trifft, in dem es z.B. seiner Sorgfaltspflicht nicht nachgekommen ist, muss ebenfalls geprüft werden. Schon deshalb, um Wiederholungen auszuschließen.

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SEP
17
Heinrich F., 15:38 Uhr

heute lesen wir im Sportteil der gedruckten Ausgabe

einen Artikel von Oskar Beck über das Schicksal. Über glückliche Fügungen und unglückliche. Bei christlichen Beerdigungen spricht der Kirchen- mann von Gottes Willen, der einen lieben Menschen von uns genommen hat. Wir leben in einer Zeit, wo der Tod als solcher nicht mehr akzeptiert wird. Sterben "vor der Zeit" ist nicht erlaubt und darf nicht sein. Hier sehe ich eine masslose Überschätzung, der viele von uns in materiell gut gesicherter Zeit und bei optimaler medizinischen Versorgung, erliegen. Dabei gehört das Sterben zum Leben und niemand kennt die Stunde seines Todes. Keiner kennt sein Schicksal. Die Hinterbliebenen des Winnender Amoklaufs kämpfen beinahe mit allen Mitteln dafür, dem Tod ihrer Kind im Nachhinein einen Sinn zu geben. Die Eltern Kemmler können das Schicksal nicht annehmen, und meinen mit Daimler vor Gericht könne ein Schuldiger gefunden werden. Eine Art Anspruchshaltung, als ob der Verstorbene ein persönlicher Besitz war. Jeder "junge Tote", ob durch Krankheit oder Unfall, ist ein starkes Momento-mori. Ein Denkzeichen, wie kostbar das Leben ist und wie wichtig, dass wir es wirklich leben und uns nicht durchs Leben treiben lassen.

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