Uniklinik in Freiburg Die Tuningwerkstatt des Sports

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Die Freiburger Schule hat die Sportmedizin in Deutschland geprägt. Einige der Ärzte, die sich im Grenzbereich des Erlaubten bewegten, waren auch im Fußball aktiv. Unter anderem beim VfB Stuttgart.

Ende der 1960er Jahre wurde Freiburg zur Tuningwerkstatt des deutschen Sports. Foto: dpa 2 Bilder
Ende der 1960er Jahre wurde Freiburg zur Tuningwerkstatt des deutschen Sports.Foto: dpa

Stuttgart - Nicht alle Wege führen nach Freiburg, aber viele, zumindest wenn man einen Stammbaum der deutschen Sportmedizin zeichnen würde. Die Namen Joseph Keul und Armin Klümper würden ganz oben stehen. Der 2000 verstorbene Keul, viele Jahre Chefarzt des Olympiateams und bis zu seinem Tod Betreuer des Daviscupteams, galt früher als Doyen der Sportmedizin, laut Antidopingkämpfer Werner Franke ist er der „geistige Urheber und einer der kriminellen Köpfe des Dopings im Breisgau“, wie er mal sagte.

Ende der 1960er Jahre wurde Freiburg zur Tuningwerkstatt des deutschen Sports. Alles, was Sport trieb, rannte zu Keul und Klümper. Was war Freiburg? Der ehemalige Kugelstoßbundestrainer Hansjörg Kofink, der sich in den 1970ern weigerte, seine Athleten zu dopen, sagt: „Freiburg war eine der westdeutschen Antworten auf Staatsplan 14.25.“ Der Staatsplan 14.25 war die Grundlage des Staatsdopings der DDR.

Keuls Schüler sitzen an einflussreichen Positionen

Vom Breisgau aus hat die Freiburger Schule mit all ihren umstrittenen Methoden und Personen gestreut und eine Generation von Sportmedizinern geprägt wie etwa Keuls ehemalige Assistenzärzte Lothar Heinrich und Andreas Schmid, die in den Telekom-Skandal in Freiburg verwickelt waren. Bis heute sitzen Keuls Schüler an vielen einflussreichen Positionen im Sport.

Ernst Jakob zum Beispiel, Jahrzehnte Verbandsarzt im Deutschen Ski-Verband und im Radsport für Bianchi, Coast, Phonak, Astana und Gerolsteiner tätig, war im Prozess gegen Radprofi Stefan Schumacher belastet worden. Jakob, der bei Keul promovierte und damals an Testosteron forschte, wurde aber nichts nachgewiesen. Er bestreitet Leistungsmanipulationen. Wilfried Kindermann war als Arzt der deutschen Olympia-Mannschaft bei acht Olympischen Spielen und im Ärzteteam der Fußball-Nationalmannschaft von 1990 bis 2000. Er hatte unter Keul gelernt und mit ihm sowie Heinz Liesen zwischen 1986 und 1990 an einer heute umstrittenen Testosteronstudie gearbeitet. „Ich habe nie Pro-Doping-Forschung betrieben, wir wussten in den siebziger Jahren aber auch nicht das, was wir heute über Anabolika und die Nebenwirkungen wissen“, hat Kindermann, der jetzt in Antidopinggremien (unter anderem beim DFB) sitzt, 2007 erklärt und wehrte sich gegen die „Sippenhaft“.

Es waren fraglos andere Zeiten, es wurde munter experimentiert und die Folgen von Doping verharmlost. Manche Studie von damals lässt sich als wissenschaftliche Grundlagenforschung deklarieren. Oder als Grundlagenforschung für Doping.

Liesen war auch schon beim VfB tätig

Heinz Liesen war Arzt der nordischen Kombinierer sowie Betreuer der Fußball-Nationalmannschaft bei den WM-Turnieren 1986 und 1990, später war er unter Trainer Matthias Sammer bei Borussia Dortmund und auch beim VfB Stuttgart tätig. Liesen sprach sich noch 2011 im „Spiegel“ für eine Freigabe von Testosteron aus: „Ich sehe es als Mittel zur besseren Regeneration an.“ So argumentierten viele Sportmediziner. Es sei allein um Hilfe für die Sportler angesichts der Belastungen durch den Spitzensport gegangen, nie um Doping, das alles verschleiert mit dem Wort „Substitution“.

Viele Vorgänge von damals haben einen üblen Beigeschmack, aber konkrete Betrügereien und Dopingverstöße sind vielen jener Sportärzte nicht nachzuweisen.

Der Hohepriester der Muskeln ist heute Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt. Er ist Arzt des FC Bayern und unzähliger Stars des Sports, wie etwa auch von Usain Bolt, der ihm nach seinem 100-Meter-Olympiasieg 2012 persönlich dankte. Müller-Wohlfahrt setzt zur Behandlung unter anderem das aus Kälberblut hergestellte Actovegin ein, das intramuskulär gespritzt wird. Verboten ist das nicht, aber die Methode ist unter Ärzten umstritten. Sportmediziner im Leistungssport arbeiten mit Hochleistungskörpern und gegen die Folgen der Belastung. Und manche bewegen sich medizinisch „kreativ“ am Rande der Legalität in einer ethischen Grauzone.

„Die Sportmedizin hat in der Vergangenheit große Schuld auf sich geladen“, sagte der Arzt und Rechtsanwalt Heiko Striegel, der auch Teamarzt des VfB Stuttgart ist, 2013 der StZ. „Es gibt die offizielle Dopingliste, und dann gibt es Grauzonen, in denen es um moralische Erwägungen geht. Es gibt leider Ärzte mit der Philosophie: Wir schöpfen alles aus, was geht. Ich sehe es nicht so, dass alles, was nicht verboten ist, erlaubt ist.“

In einem unveröffentlichten Buchmanuskript von Klümper heißt es: „Für mich und auch andere Ärzte ist es völlig selbstverständlich, dass Medikamente, die vielleicht im Dopingreglement verankert sind, verwendet werden, wenn wir es medizinisch für notwendig halten, und dass ich mir in keinster Weise vorschreiben lasse, welche Therapie ich zu betreiben hätte.“

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5 KommentareKommentar schreiben

Ist doch so...: Das deutsche Strafrecht und hier ganz speziell die Betäubungsmittelgesetzgebung bedarf einer quasi kompletten Runderneuerung. Hier wird seit Jahrzehnten nur nach der Maxime gerichtet, alles was Geld und Umsatz bringt ist erlaubt und unbedingt zu dulden. Hier junge Menschen im Medaillenglanz und gernstgesehene politisch nutzbare Zaungäste, dort stigmatisiert wie kriminalisiert mit 10 Gramm Cannabis in der Tasche. Was für eine Demokratie haben wir eben nicht, wenn das mit unserem Grundgesetz so vereinbar scheint. Auch hier wieder mein Verweis auf: http://www.schildower-kreis.de/themen/Resolution_deutscher_Strafrechtsprofessorinnen_und_–professoren_an_die_Abgeordneten_des_Deutschen_Bundestages.php

Betrug: Warum ist es Betrug wenn es alle machen? Etwa Betrug am Zuschauer? Die wissen es doch auch und zahlen ja sogar dafür.

Da weis der Fan doch jetzt Bescheid: Wie die Ärzte, Teamleiter, Sponsoren und die alle, die damit verstrickt sind und waren, ticken. Jetzt wird es einem doch auch immer bewusster, was für ein gigantischer Druck um Ruhm, Ehre und Geld vorhanden ist. Dass dann so hier und da einer dem Druck nicht mehr Stand halten kann, weil er es unter Umständen einfach nicht mehr aushält mit dem Schweigen und sich dann aus dem Leben verabschiedet oder aus gesundheitlichen Gründen die Kariere an den Nagel hängen muss, ist doch nachvollziehbar. Nun frage ich mich, wenn einer Jahre lang dopt und dann gut versichert mit dem medizinischen Befund aufhören muss und danach Invaliedenrente kassiert, ist das dann Versicherungsbetrug? Die dafür nötigen Papiere von den ach so tollen Fachärzten (immerhin bekannt wie Nachbars Fiffi!) bekommt doch jeder Sportler mit Sicherheit. Ebenso denke ich, dass so mancher Facharzt auch noch für die Krankenkassen arbeitet und als medizinischer Gutachter bekannt ist. Vitamin "B"? Wer hat, der hat? Da ist der unsportliche Bürger von der Chance, reich sich zur Ruhe zu setzten unfairer Weise Mailen entfernt. Man kann das ganze doch ansehen, wie man möchte, aber mit Legalität hat das nichts mehr gemeinsam. Ist Sport also eine korrupte Liga? Schon der letzte Satz und vor allem die letzten Silben im Artikel sagen doch mehr aus, als alles andere. Frech, unverschämt und gnadenlos empfinde ich diese Aussage. Nun, wem er sich von wem Vorschriften machen lassen muss, wie er wie praktiziert, das wird doch hoffentlich die zuständige Behörde ihn lehren. Gnadenlos und über Leichen gearbeitet? Den hippokratischen Eid gegen die Wand geschmissen? Es scheint so! Schocken tut einen heutzutage wirklich nichts mehr. Gut, wenn man sich da medizinisch in den besten Händen zu wissen hat. Das ist doch der blanke WAHNSINN! Gruß und einen sonnigen Sonntag wünscht das Motzkigele

Da weis der Fan doch jetzt Bescheid: Wie die Ärzte, Teamleiter, Sponsoren und die alle, die damit verstrickt sind und waren, ticken. Jetzt wird es einem doch auch immer bewusster, was für ein gigantischer Druck um Ruhm, Ehre und Geld vorhanden ist. Dass dann so hier und da einer dem Druck nicht mehr Stand halten kann, weil er es unter Umständen einfach nicht mehr aushält mit dem Schweigen und sich dann aus dem Leben verabschiedet oder aus gesundheitlichen Gründen die Kariere an den Nagel hängen muss, ist doch nachvollziehbar. Nun frage ich mich, wenn einer Jahre lang dopt und dann gut versichert mit dem medizinischen Befund aufhören muss und danach Invaliedenrente kassiert, ist das dann Versicherungsbetrug? Die dafür nötigen Papiere von den ach so tollen Fachärzten (immerhin bekannt wie Nachbars Fiffi!) bekommt doch jeder Sportler mit Sicherheit. Ebenso denke ich, dass so mancher Facharzt auch noch für die Krankenkassen arbeitet und als medizinischer Gutachter bekannt ist. Vitamin "B"? Wer hat, der hat? Da ist der unsportliche Bürger von der Chance, reich sich zur Ruhe zu setzten unfairer Weise Mailen entfernt. Man kann das ganze doch ansehen, wie man möchte, aber mit Legalität hat das nichts mehr gemeinsam. Ist Sport also eine korrupte Liga? Es scheint so! Schocken tut einen heutzutage wirklich nichts mehr. Gruß und einen sonnigen Sonntag wünscht das Motzkigele

Alle dopen: Ich bin davon überzeugt, dass sich fast der ganze Sport mit Pillen vollpumpt. Frage: Und der Arbeitnehmer nur mit Luft ? Von wegen. Auch außerhalb des Spitzensports malträtieren Millionen stinknormaler Bürger ihren Körper mit Pharmaka aller Art, mit gesundheitsgefährlichen Diäten, mit mentalen und physischen Fitnessprogrammen, die die eigenen Leistungsgrenzen ausweiten sollen. Man weiß ja – ein Arbeitsleben hat wenig mit der Sorgenfreiheit eines Ball spielenden Hundes zu tun, sondern kann reich sein an Demütigungen, Ohnmachtsgefühlen und Angst. Vor allem, seitdem die Gesellschaft immer mehr ökonomisiert und der Mensch nur noch als Kostenfaktor gesehen wird. Depressionen sind bei Angestellten die Berufskrankheit Nummer eins, so was wie der Muskelfaserriss bei Gewichthebern. Den wenigsten gelingt es, sich beim Klimpern auf der Heimorgel die seelischen Verhärtungen aufzubrechen und sich in aufgekratzte Heiterkeit zu bringen. Sich stockbesoffen zu Robbie Williams’ „Feel“ zu wiegen, hilft vielleicht für den Moment, ist aber keine Dauerlösung. Also pfeift man sich gnadenlos Medikamente ein, verwöhnt sich mit Pillen, Spritzen und sonstigen Glücksbringern, um danach als hektikoptimierte Ganzkörper-Prothese den Alltag bestehen zu können. „Wir sind längst unsere eigenen Bio-Politiker geworden“, erklärt der Medizin-Professor Hartmut Böhme. „Darin überwiegen die Angst, den Leistungsanforderungen nicht mehr zu genügen, und der Wunsch nach Selbststeigerung bei weitem das löbliche Interesse an der Gesundheit. Denn Gesundheit ist dabei kein Ziel, sondern ein Mittel. Der Spitzensport bringt dies nur auf den Punkt. Der Unterschied zum multiplen Doping im Alltag besteht nur darin, dass dieser überhaupt nicht und jener zu wenig kontrolliert wird“. Ehrlich gesagt – es gibt Augenblicke, wo sich unsereins in den Zustand zurücksehnt, in dem der Sinn des Lebens eine Konstante ist.

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