Unterricht statt Ruhestand Lehrer in Baden-Württemberg sollen länger arbeiten

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Baden-Württembergs Kultusministerin Eisenmann will Lehrer bitten, ihre Pensionierung nach hinten zu verschieben. Das ist eine ihrer Ideen gegen den Lehrermangel. Bildungsverbände sind skeptisch.

An den Schulen im Südwesten fehlen mindestens 1000 Lehrer. Foto: epd
An den Schulen im Südwesten fehlen mindestens 1000 Lehrer.Foto: epd

Stuttgart - Die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) will ältere Lehrer im Land bitten, ihren Ruhestand zu verschieben und länger an den Schulen zu unterrichten. „Wir haben in Baden-Württemberg die besondere Entwicklung, dass in den nächsten drei, vier Jahren eine immense Zahl von Pensionierungen zu erwarten ist“, sagte sie den Zeitungen „Heilbronner Stimme“ und „Mannheimer Morgen“. „Wir wollen Lehrer, die in den Ruhestand gehen, bitten, länger zu arbeiten.“ Dafür sollen sie einen finanziellen Ausgleich erhalten. Auch die Zuverdienstgrenze für Ruheständler könnte angehoben werden. Konkrete Summen nannte Eisenmann nicht.

Die Ministerin will Lehrern zudem anbieten, dass sie für einige Jahre freiwillig mehr Unterrichtsstunden übernehmen und anschließend eine Ermäßigung bekommen. Für Mangelfächer wie Mathematik will man Seiteneinsteiger gewinnen. Laut Eisenmann sind zum Schuljahresbeginn noch 200 Deputate frei. Wegen Schwangerschaften, Elternzeit und Erkrankungen sei man jetzt „bei rund 1000 offenen Stellen“, die man durch Zeitverträge, die Aufstockung von Deputaten und freiwillige Überstunden kompensieren müsse. „Auch wenn nicht in diesem Maße Unterricht ausfällt, ist hier ein Mangel, den ich verwalten muss.“ Noch vor der Sommerpause will Eisenmann ein Konzept gegen den Lehrermangel vorlegen. Engpässe gebe es vor allem an den Grundschulen, in der Sonderpädogik und an weiterführenden Schulen in Fächern wie Mathematik und Naturwissenschaften.

Ein Plus von zehn Prozent mehr Gehalt ist im Gespräch

Bildungs- und Lehrerverbände äußerten sich skeptisch über den Vorschlag. „Das ist eine aus der Not geborene Idee“, sagte Gerhard Brand, Landesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE). Schon jetzt sei es möglich, dass Lehrer zwei Jahre über die Ruhestandsgrenze ihren hinaus länger auf freiwilliger Basis länger arbeiteten. Dieses Angebot werde aber kaum angenommen. „Wer seinen Ruhestand erreicht hat, der hat sich das auch verdient.“ Laut Brand sei ein „Plus“ von zehn Prozent beim Gehalt als finanzieller Ausgleich für ihren aktiven Dienst verlängernde Lehrer schon mit der alten Landesregierung im Gespräch gewesen, dies sei eine Forderung des VBE und sollte einen Anreiz darstellen. Mit der neuen Regierung sei darüber noch nicht verhandelt worden. Negative Erfahrungen haben pensionierte Lehrer gemacht, die wegen der Flüchtlingsbeschulung in den aktiven Dienst zurückkehrten und in eine so hohe Steuerklasse rutschten, dass vom Zuverdienst kaum etwas übrig blieb, berichtete Brand.

Die von Ministerin Eisenmann genannte Zahl von 1000 offenen Stellen hält Brand für viel zu niedrig angesetzt. Wenn man die intensive Beschulung mit der Inklusion ernst nehme und angesichts von Krankheitswellen auch 110 Prozent des Personals vorhalten wolle, um etwa an Ganztagsschulen das schulische Angebot aufrechtzuerhalten, dann komme der VBE auf ganz andere Zahlen. Seiner Ansicht nach seien es in Baden-Württemberg 4400 Lehrerstellen, die fehlten. Vor allem an Sonderschulen, aber auch an Realschulen und Gemeinschaftsschulen sei der Abmangel groß.

GEW kritisiert die „Fehlplanung der Politik“

Ähnlich äußerte sich Matthias Schneider, Landesgeschäftsführer der GEW in Baden-Württemberg. Auch er sprach von einer „Notlösung“. Ein ähnlicher Appell vor anderthalb Jahren an die älteren Lehrer habe nur „einige hundert Interessenten“ gebracht. Schneider machte für den Lehrermangel eine „Fehlplanung der Politik“ verantwortlich, die Lehrerstellen sogar gestrichen habe. „Der Lehrerberuf muss attraktiver werden, damit junge Leute sich dafür interessieren.“ Auch ein Ausbau der Studienkapazitäten an den Pädagogischen Hochschulen sei notwendig. Dort könne nur studieren, wer im Abitur „eine eins vor dem Komma“ habe. Nach Schneiders Ansicht trifft der Lehrermangel alle Schularten, auch die Grundschulen. Bei weiterführenden Schulen sowie Berufsschulen gebe es einen Mangel an Fachlehrern in Mathematik und naturwissenschaftlichen Fächern.