Krimikolumne

Urban Waite: „Keine Zeit für Gnade“ Worte, aus dem Mund gerissen

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Wenn ein Verlag damit wirbt, ein Autor sei „besser als Cormac McCarthy“, dann geht er ein hohes Risiko ein. Knaur hat Urban Waite mit diesem Klappentext keinen Gefallen getan. Nur ansatzweise reicht Waites „Keine Zeit für Gnade“ an den amerikanischen Kultautor heran.

Urban Waites Roman nimmt erst sehr spät Fahrt auf. Foto: privat
Urban Waites Roman nimmt erst sehr spät Fahrt auf.Foto: privat

Stuttgart - Ein ehemaliger Sheriff - Patrick Drake - kommt aus dem Gefängnis frei. Wegen eines Drogendeals hat er zwölf Jahre absitzen müssen. Drake kommt bei seinem Sohn Bobby unter, der mittlerweile Deputy des neuen Sheriffs ist und gemeinsam mit seiner Frau Sheri gerade eine Fehlgeburt betrauert – statt des Enkels zieht nun der Großvater ins Kinderzimmer.

Zur gleichen Zeit muss sich Bobby mit der Wildhüterin Ellie darum kümmern, dass der erste Wolf, der seit Menschengedenken in die Gegend gekommen ist, nicht gleich wieder abgeknallt wird. Und da ist da noch Agent Driscoll, der unbedingt herausfinden will, wo Patrick Drakes Drogenbeute ist. Es kommt zu einem blutigen Wettlauf gegen die Zeit, in dem die verschiedenen Vater-Sohn- und Großvater-Enkel-Beziehungen eine große Rolle spielen. Und in dem auch zwei überaus brutale ehemalige Mitgefangene von Patrick mitmischen.

Seltsam unentschlossen

Soweit, so gut. Mag Urban Waites Thriller „Keine Zeit für Gnade“ vom Plot her durchaus an Cormac McCarthy erinnern, so hält der Roman dem von LitReactor.com gezogenen, auf der Rückseite des Buches abgedruckten Vergleich „besser als McCarthy“ nicht stand. Zwar nimmt das Geschehen nach gut 130, 140 Seiten Fahrt auf, aber zuvor bleibt die Handlung seltsam unentschlossen. Zu konstruiert wirken das Wolf-Motiv, die Beziehung von Bobby Drake zu den beiden Frauengestalten und die Tendenz zum Sentimentalen, wenn es um das verlorene Baby geht.

Schnörkel und schiefen Bilder

Und dann ist da noch die Sprache, die weit hinter McCarthy’scher Kraft zurückbleibt. Statt dessen gefällt sie sich in Schnörkeln und schiefen Bildern: „Patrick verharrte so regungslos, dass es Drake die Worte aus dem Mund riss, noch ehe er wusste, dass er sie aussprach. Er schleuderte seine Stimme voraus, rief seinen Vater an.“ Oder: „Sein Atem wölkte an Drakes linker Schulter vorbei (...).“ Oder diese Marotte der subjektfreien Stummelsätze: „Drake duschte lange. Ließ das Wasser kalt werden (...).“ Da mag „der Verstand Gedanken wälzen wie Steine in einem alten, ausgetrockneten Flussbett“ - eine Prosa auf McCarthy-Niveau ist das nicht.

So ist „Keine Zeit für Gnade“ ein „außergewöhnlicher Neo-Western“ (Knaur), dessen Außergewöhnlichkeit sich auch in seinen Mängeln äußert. Kann man lesen. Muss man nicht.

Urban Waite: Keine Zeit für Gnade. Aus dem Amerikanischen von Marie-Luise Bezzenberger. 352 Seiten, Knaur, 9,99 Euro, auch als E-Book.