US-Ernährungspolitik Schokolade nur in Häppchen
Andreas Geldner, Washington, 24.02.2010 07:12 Uhr
Bitte einen Früchtemilchshake ohne Zucker: Michelle Obama auf Werbetour in einem Lebensmittelladen in Philadelphia. Foto: apn
Bitte einen Früchtemilchshake ohne Zucker: Michelle Obama auf Werbetour in einem Lebensmittelladen in Philadelphia. Foto: apn
""Die Nahrungsmittel-hersteller erinnern einen an die Tabakkonzerne.""
Thomas Frieden, Thomas Frieden, Direktor der US-Gesundheitsbehörde

Washington - Brokkoli und Mineralwasser statt Pommes und Cola? Auf diese von Michelle Obama anvisierte Gesundheitsreform sollten sich sogar die Amerikaner einigen können. "Let's move", also "Los geht's", heißt ihre Kampagne, die amerikanischen Kindern und Jugendlichen gesündere Essgewohnheiten beibringen und sie zu mehr sportlicher Bewegung animieren soll. Dafür hat ihr Barack eine Milliarde Dollar im US-Gesundheitshaushalt lockergemacht. Kinder und Jugendliche sollen genauer erfahren, warum jeder Dritte von ihnen inzwischen übergewichtig ist. Zuckrige Frühstücksflocken, Chips und Schokoriegel, literweise Limonade oder vor Mayonnaise triefende Hamburger sollen, so oft es geht, vom Teller verschwinden. Auch ihre eigene Familie, so erzählt Michelle Obama, habe früher oft gesündigt: "Es gab diese Abende, wo jeder müde und hungrig war, und wir uns Fast Food im Vorbeifahren direkt ins Auto geholt haben, weil es eben schnell und billig war."

Ungewohnte Zusammenarbeit mit der Industrie


Republikaner und Demokraten, Ärzte und Nahrungsmittelhersteller sind ins Weiße Haus gekommen und haben versprochen, mit der First Lady an einem Strang zu ziehen. Coca-Cola und Pepsi werden künftig Kalorienangaben groß an die Vorderseite der Flaschen schreiben. Die Schokoindustrie wirbt damit, dass sie statt Monsterriegeln nun kleine Häppchen in die Tüten füllt. Auch die Großlieferanten, die Tausende von amerikanischen Schulküchen versorgen, haben versprochen, mehr Frische auf die Speisekarte zu bringen. Die Nahrungsmittelindustrie zeigt sich nicht ohne Grund kooperativ: Sie befürchtet, dass die Politik irgendwann einmal härter durchgreift. Bundesstaaten wie etwa Arkansas oder Virginia erheben bereits eine Sondersteuer auf Süßgetränke.

Doch was eine Reporterin der "Washington Post" bei einer einwöchigen Erkundungstour in einer angeblich auf bessere Ernährung setzenden Schulküche der Hauptstadt erlebte, war ernüchternd. Die Schule hatte zwar seit 2006 den Verkauf von Limonaden verboten - stattdessen griffen die Kinder zu gesüßten Milchgetränken, die genauso viele Kalorien enthielten. Und was der Schullieferant als "frisch gekocht" anpries, war nur eine Variante des altvertrauten Essens aus der Fabrik. Ein Rührei glänzte mit modifizierter Maisstärke, Xanthan, flüssigem Paprikaextrakt, Zitronensäure, lipolysiertem Butteröl und Triglyzeriden. Beim Gemüse erlebte die Reporterin traurige Szenen: "Nach dem Kochen war der Brokkoli fad. Nach einer Stunde hatte er sich aufgelöst und klammerte sich nur noch in kleinen Stücken an die Karotten." Selbst hinter den von der Industrie angekündigten kleineren Schokoriegeln scheint eine Marketingstrategie zu stehen. "Mit dieser Verteilmethode gibt es mehr Gelegenheiten, das Produkt zu verwenden", sagt Jody Cook vom Schokoladenhersteller Hershey offen. Im Klartext: die kleinen Leckereien werden öfter unter Freunden weitergereicht. Damit sind die Kalorien zwar auf mehr Kinder verteilt, aber nicht aus der Welt.

Politisch kalkulierte Beruhigungspillen


Für Thomas Frieden, den Direktor der amerikanischen Gesundheitsbehörde, sind all das politisch kalkulierte Beruhigungspillen: "Die Nahrungsmittelhersteller erinnern einen an die Tabakkonzerne", sagt er. "Sie säen Zweifel, wo es keinen vernünftigen Zweifel gibt, sie bezahlen Lobbyisten, benutzen sogenannte Experten, behaupten, dass neue Produkte sicherer seien, und argumentieren damit, dass sie überhaupt nicht um Kinder werben."
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