Venustransit in Stuttgart Das Spektakel hinter den Wolken

Maira Schmidt, 06.06.2012 11:01 Uhr

Stuttgart - Es ist 5.45 Uhr und Richard Wiggett ist bereits seit gut zwei Stunden auf den Beinen. Um 3.30 Uhr klingelte zu Hause in Korntal der Wecker. Die S-Bahn fährt so früh nicht, deshalb musste sich der 64-Jährige zu Fuß auf den Weg nach Weilimdorf machen, um von dort die Stadtbahn in die Innenstadt zu nehmen. Nicht etwa, um zur Arbeit zu fahren, sondern um auf der Schwäbischen Sternwarte im Stuttgarter Osten ein Ereignis zu beobachten, das sich in den nächsten 105 Jahren nicht wiederholen wird: Einen Venustransit, eine Planetenkonstellation, bei der sich die Venus für kurze Zeit zwischen Erde und Sonne schiebt. Zu beobachten ist dann – zumindest bei gutem Wetter – ein schwarzer Punkt, der wie eine winzige Laus über die Sonnenoberfläche krabbelt. Das passiert nur sehr selten, der letzte Venustransit war zwar 2004, den nächsten wird es aber erst 2117 geben.

„Es ist erst das siebte Mal in der Geschichte der Menschheit, dass ein Venustransit beobachtet wird“, sagt Andreas Eberle, der Vorsitzende des Betreibervereins der Sternwarte. Eberle steht gemeinsam mit Wiggett und rund 60 weiteren Menschen auf der Terrasse der Sternwarte. Auch die Schüler des Astronomiekurses des Paracelsus-Gymnasium-Hohenheim sind unter den Besuchern. „Die sind alle freiwillig hier“, beteuert ihr Lehrer Jens Maier. „Einmal in 100 Jahren macht man das gerne“, sagt die 19-jährige Schülerin Marijke Nicks. Bis jetzt blicken alle noch erwartungsvoll in Richtung Himmel, hoffen, dass sich die dicken Wolken vielleicht doch noch verziehen und den Blick auf die Sonne freigeben. Viel Zeit bleibt nicht, gegen 6.55 Uhr wird die Venus die Sonnenscheibe schon wieder vollständig verlassen haben.

Die nächste Gelegenheit ist im Jahr 2117

Richard Wiggett wäre schon ein bisschen enttäuscht, wenn er das ungewöhnliche Naturereignis überhaupt nicht zu sehen bekäme. Den letzten Venustransit 2004 hat er verpasst und dass er den nächsten im Jahr 2117 miterlebt, ist ziemlich unwahrscheinlich. Sicherheitshalber haben die Mitarbeiter der Sternwarte im Vortragssaal einen Beamer aufgestellt. Er zeigt Aufnahmen aus anderen Teilen der Welt, wo die Mini-Sonnenfinsternis bei klarer Sicht besser zu beobachten ist. Auf einem Laptop oben auf der Terrasse sind diese Bilder ebenfalls zu sehen. Die Menschen auf Hawaii haben zum Beispiel mehr Glück, dort zeigt sich der Venustransit bei gutem Wetter in seiner vollen Pracht. Die Besucher der Sternwarte auf der Uhlandshöhe müssen hingegen mit den Aufnahmen am Bildschirm vorliebnehmen.

Doch die Schwaben sind ein genügsames Volk. Denn auch wenn nach wie vor dicke Wolken den Blick auf die Sonne versperren, ist die Stimmung auf der Sternwarte gut. „Wir haben strahlendblauen Himmel mit einer darunterliegenden geschlossenen Wolkendecke“, scherzt der Sternwarten-Vorsitzende Eberle, der sich allerdings schon ein bisschen wehmütig an den Venustransit von 2004 erinnert. Der fand nämlich nicht nur zu einer deutlich angenehmeren Zeit – nämlich gegen Mittag – statt, sondern auch bei „wunderschönem Wetter“. Clemens Götz, der sich bereits seit seiner Kindheit mit der Astronomie beschäftigt, findet hingegen, dass es bei einer solchen Mini-Sonnenfinsternis gar nicht so sehr auf die Beobachtung selbst ankommt. „Das ist optisch eher unspektakulär“, sagt der Stuttgarter, jedenfalls im Vergleich zu einer richtigen Sonnenfinsternis. Ein Venustransit sei nur dann faszinierend, wenn man sich bewusst mache, wie selten dieses Ereignis ist.

Genau wie Götz reagieren die meisten Besucher gelassen auf das schlechte Wetter. „Ich schaue mir das dann eben 2117 an“, spottet Stefanie Oberhoff. Bis Mittwoch habe sie ohnehin noch nie etwas von einem Venustransit gehört. Ihre Freundin habe sie zu dem frühmorgendlichen Ausflug auf die Uhlandshöhe überredet. Und auch wenn sich die Sonne schließlich bis 6.55 Uhr tatsächlich kein einziges Mal zwischen den Wolken blicken gelassen hat, findet die Stuttgarterin, dass sich der Ausflug zur Sternwarte gelohnt hat. Auf die Frage, ob sie sich den Venustransit nicht besser zu Hause am Computer angeschaut hätte, antwortet sie: „Aber dann hätte es mir doch keiner so gut erklärt.“ Ein Lob an die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Sternwarte.