
Wenn Fritz Höfer an das klassische Vereinsmodell denkt, fallen ihm "irgendwelche Leute ein, die zusammensitzen und Skat spielen". Nun ist der Mann von der Turnabteilung des TSV Schmiden kein Träumer - auch wenn er sich selbst als Historiker bezeichnet. Natürlich hätten die Vereine in den vergangenen Jahren eine Entwicklung genommen, natürlich ein Stück weg vom klassischen Vereinsmodell. Allerdings geht Fritz Höfer die Veränderung beim TSV Schmiden und speziell in der Turnabteilung zu weit: "Das klassische Vereinsmodell greift einfach nicht mehr. Viele Vereine befinden sich auf dem Weg vom Verein zum Gewerbebetrieb."
Der ehemalige stellvertretende Vorsitzende des TSV Schmiden weiß, wovon er spricht. Beim Turngau Rems-Murr ist Fritz Höfer 2009 als neuer Vereinsentwickler vorgestellt worden. Beim Württembergischen Landessportbund (WLSB) heißen sie Vereinsberater, beim Schwäbischen Turnerbund - wie im Turngau - Vereinsentwickler. In beratender Funktion ist Fritz Höfer zudem bei den Schmidener Turnern tätig. Auch, weil es keinen Abteilungsleiter gibt.
Diese unbesetzte Stelle ist für Fritz Höfer das beste Beispiel, dass die Mitglieder einer Abteilung nicht mehr ohne Weiteres bereit sind, ehrenamtliche Tätigkeiten zu übernehmen. "Eine wachsende Zahl an Mitgliedern verhält sich eher wie Kunden, für die der Mitgliedsbeitrag der Preis für die Inanspruchnahme des Vereinsangebots ist", sagt Fritz Höfer. Früher hätten sich die ehrenamtlichen Posten noch problemlos aus den eigenen Reihen besetzen lassen. Damals wurden die Abteilungen allerdings noch von wesentlich weniger Mitgliedern getragen, die Bindung untereinander war fester. "Die Größe ist tatsächlich ein Problem. In einem richtigen Verein kennt man sich. Heutzutage ist der enge Kontakt aber fast nicht mehr aufrechtzuerhalten", sagt Fritz Höfer.
Weil die Turnabteilung des TSV Schmiden in den vergangenen Jahren mit erheblichen finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte - alleine 2009 stand ein Minus von 30 000 Euro in der Bilanz - wollen Fritz Höfer und seine Mitstreiter nun in kleinen Teams für Stabilität sorgen. "Wir sind dabei, unsere Ideen anzuschieben. Ganz so schnell wird es aber nicht gehen." Ein ausgeglichener Etat hat dabei oberste Priorität.
Weil der TSV Schmiden seit Kurzem nicht mehr auf die kostenintensive Sportaerobic setzt und die Gruppe aufgegeben hat (wir haben berichtet), bleiben wieder mehr Zuwendungen für die Turner. "Die Sportaerobic hat viel Geld aufgebraucht. Jetzt wollen wir mit eigenen Überschüssen wieder für eine ausgeglichene Bilanz sorgen", sagt Fritz Höfer.
Das Problem der fehlenden Bereitschaft, sich in den Abteilungen zu engagieren, ist damit aber noch nicht gelöst. Die Mitglieder fordern für ihre Beiträge die bestmögliche Betreuung. Die Turner des TSV Schmiden versuchen diesen Anforderungen mit etwa 40 Trainern und Übungsleitern gerecht zu werden. Die jährlichen Honorar- und Gehaltskosten belaufen sich auf etwa 100 000 Euro. Trotz all dieser Aufwendungen fehlt es an freiwilligen Helfern. "Das allgemeine Gerede vom Ehrenamt nervt. Manchen Leuten beim TSV Schmiden scheint dieses Problem gar nicht so bewusst zu sein", sagt Fritz Höfer.
Die Turnabteilung des SV Fellbach hat längst reagiert, indem sie ihre Aufgabenfelder verkleinert hat. "Wenn man die Arbeit aufteilt, findet man eher jemand", sagt der SVF-Geschäftsführer Udo Wente. "Es wird seit Jahren schwerer, Leute zu finden, das ist eine klare Tendenz. Das ist aber von Abteilung zu Abteilung auch ganz unterschiedlich." Rolf Budelmann, der Geschäftsführer des TSV Schmiden, beurteilt das ähnlich: "Die Probleme mit dem Ehrenamt gab es auch schon vor 20 Jahren." Die Tendenz weg vom klassischen Vereinsmodell hin zum Dienstleistungsbetrieb sieht er nicht.


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