Vereinigte Arabische Emirate Anlaufziel für Kreuzfahrtschiffe

Von Susanne Hamann aus Sir Bani Yas 

Die Vereinigten Arabischen Emirate wollen sich als Kreuzfahrtziel etablieren. Weil Seereisende nicht nur Städte besichtigen wollen, entsteht auf Sir Bani Yas ein gigantisches Strandbad. Die Privatinsel des Scheichs ist zudem ein Naturreservat für bedrohte Tiere.

Ein Stück Afrika im Persischen Golf: Auf Sir Bani Yas leben mehr als 10 000 Tiere, darunter eine ganze Herde Berggazellen. Foto: Hamann
Ein Stück Afrika im Persischen Golf: Auf Sir Bani Yas leben mehr als 10 000 Tiere, darunter eine ganze Herde Berggazellen.Foto: Hamann

Griet-Marie Coetzee hat scharfe Augen. Mit fachmännischem Blick hat sie rund 20 Meter vom Jeep entfernt, gut versteckt unter einem Busch, zwei Geparden erspäht. „Da! Gabriel und Gibson. Die beiden sind Brüder, beste Freunde und ziemliche Chaoten“, erzählt die 26-jährige Wildhüterin. Sie lässt das Auto ein paar Meter vor- und wieder zurückrollen, bis auch der letzte Safarigast die Tiere entdeckt hat. Ein aufgeregtes Staccato der Kamera-Auslöser unterbricht die andächtige Stille. Freilebende Geparden - zum Greifen nah. Die Entdeckung ist kein Zufall. Griet-Marie Coetzee kennt die Raubkatzen und weiß, dass sie sich am liebsten in der Nähe der Futterstelle für die Berggazellen herumtreiben. Offensichtlich haben Gabriel und Gibson an diesem Tag schon etwas erlegt. Statt zu jagen stolzieren die Geparden am Jeep vorbei ihrer Wege. „Im Gegensatz zu den anderen Tieren im Reservat werden unsere fünf Geparden nicht gefüttert. Sie müssen selbst für sich sorgen - à la carte“, sagt Griet-Marie Coetzee. Die Wildhüterin stammt aus Namibia und lebt seit fast drei Jahren auf Sir Bani Yas im Emirat Abu Dhabi.

Ein Stück Afrika in Arabien

Das 87 Quadratkilometer große Eiland gehört zu den Wüsteninseln im Persischen Golf. Wären da nicht die Zäune und die sich am Boden entlangschlängelnden Wasserschläuche, man wähnte sich in Kenia oder Tansania. Doch es ist ein künstliches Stück Afrika in Arabien - geschaffen auf Befehl von Scheich Zayed bin Sultan Al Nahyan. Jahrhundertelang kamen nur Nomaden und Beduinen zum Perlentauchen auf die unwirtliche Insel. Dann erfüllte sich der Gründervater und erste Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate mit dem Wildpark einen Traum. Eine spinnerte Idee in die Tat umzusetzen, ist in dieser Gegend quasi an der Tagesordnung: In den Vereinigten Arabischen Emiraten werden die höchsten Hochhäuser, die rasantesten Formel-1-Kurse oder die gigantischsten Skihallen gebaut. Da erscheint der Wunsch des Scheichs nach einem Reservat für gefährdete Tiere doch fast bescheiden und sinnvoll. In den 1970er Jahren machte der Scheich Leben auf dem Haufen Sand im Meer möglich, indem er für das nötige Nass sorgte: Durch eine Pipeline unter dem Meeresboden wird Süßwasser aus einer eigens errichteten Entsalzungsanlage auf dem Festland auf die Insel gepumpt und dort über unzählige kilometerlange Leitungen verteilt.

Angeblich sollen 30 Millionen Liter Wasser nötig sein, um die drei Millionen eigens gepflanzten Dattelpalmen, Zedern, Akazien, Ghaf-, Weihrauch- und Olivenbäume grün zu halten - täglich. Wie viel der Spaß kostet, wird nicht verraten. In dem dank Erdöl und Erdgas reichsten Emirat spielt Geld ohnehin kaum eine Rolle. Schattenspendende Pflanzen waren die Voraussetzung, um Tiere auf Sir Bani Yas ansiedeln zu können, wo oft Temperaturen von über 50 Grad Celsius herrschen. Heute nimmt der Wildpark fast die halbe Insel ein, rund 10 000 Tiere leben darin: Berggazellen, Oryx, Antilopen, Giraffen, Berberschafe, Geparden. Oft handelte es sich um Gaben anderer Herrscher oder Regierungen. „Der Scheich sammelte Tiere, wie andere Leute Kunst sammeln“, sagt Griet-Marie Coetzee. Jede Spezies hat sich an die Bedingungen angepasst - sogar das schottische Rotwild. Nur den ersten Sommer rieben sich die Rehe und Hirsche an den Bäumen, um ihr Fell auszudünnen, erzählt die Wildhüterin.

Neuer Luxus für Tagesgäste

Bis in die neunziger Jahre war die Insel - eine Mischung aus Freiluft-Disneyland und Privat-Arche - allein der Herrscherfamilie vorbehalten. Noch heute zieht sich der Clan gerne in einen der Paläste zurück. Das ehemalige Gästehaus hingegen wurde zum Hotel umgebaut, zwei weitere Unterkünfte errichtet. 800 Angestellte leben ständig auf der Insel und sorgen für das Wohl von Tieren und Touristen. In den drei von der thailändischen Luxuskette Anantara betriebenen Häusern steigen bislang zu 95 Prozent arabische Gäste ab. Der Rest sind sogenannte Expats - europäische Gastarbeiter, die in den nahen Metropolen Doha, Abu Dhabi oder Dubai tätig sind. Für ausländische Touristen auf Entdeckungstour am Golf war die Anreise bislang zu beschwerlich: 250 Kilometer Fahrt sind es mit dem Auto von Abu Dhabi Stadt bis zur Halbinsel Jebel Dhanna. Von dort verkehrt regelmäßig eine Fähre nach Sir Bani Yas - die Fahrt dauert 20 Minuten. Alternativ kann man standesgemäß arabisch im Kleinflugzeug anreisen. Demnächst werden jedoch jede Menge normale Tagesgäste dazukommen. Denn Abu Dhabi Tourism and Culture Authority (ADTC), die Tourismusbehörde von Abu Dhabi, will Sir Bani Yas als Anlaufziel für Kreuzfahrtschiffe etablieren.

Auf einer vorgelagerten Sandbank im Südosten der Insel entsteht zurzeit ein gigantischer Privatstrand mit jeglichen Annehmlichkeiten - Restaurants, Bars, Holzstegen, Hängematten, Liegestühlen, Sonnenschirmen. Eine Brücke wird das Gelände mit der Insel verbinden. Den Tagesgästen soll es an nichts fehlen. Sie können sogar ganz bequem mit der Bordkarte ihres Schiffes vor Ort bezahlen. Als Vorbild für die Anlage dienen die Privatinseln der Kreuzfahrtreedereien in der Karibik, auf denen Seereisende entspannte Stunden im Liegestuhl genießen können. Investitionsvolumen? Kein Kommentar. Nur so viel: Ein großer Hafen wird jedenfalls nicht gebaut. Die Kreuzfahrtschiffe sollen ein Stück außerhalb im Meer auf Reede liegen und die Gäste per Tenderboot zum Landgang gebracht werden. Wer nicht gerne faul am Meer abhängt, kann auf der Privatinsel des Scheichs Wassersport betreiben, in von Mangroven bewachsenen Lagunen Kajak fahren, durch Wadis wandern oder eben auf Fotosafari gehen und Tiere bewundern. „Die Insel wird unseren Gästen ein tolles Stranderlebnis bieten. So etwas findet sich sonst nirgendwo in Europa oder Afrika“, sagt Gianni Onorato, der Vorstandsvorsitzende von MSC Cruises.

Das schweizerische Kreuzfahrtunternehmen fährt mit seinen Schiffen seit 2011 regelmäßig in den Arabischen Golf. „Die Region ist ein wichtiges Zielgebiet für den Winter. Hier findet man ein karibisches Gefühl in kurzer Entfernung und mit nur geringem Zeitunterschied“, sagt Onorato. MSC will die Flotten-Kapazität bis 2022 verdoppeln und dazu auch die Passagierzahlen in der Region steigern. Er freut sich, dass im Land der Superlative neben Wolkenkratzern, Shopping-Malls, Moscheen und Golfplätzen ab der Wintersaison 2016/2017 auch eine exklusive Insel zum Landgang lockt. Das erste Mal ankert ein MSC-Schiff im Dezember 2016 vor der als „neuer Garten Eden“ beworbenen Insel. Die Vereinigten Arabischen Emirate geben sich alle Mühe, Kreuzfahrttouristen für sich zu begeistern. Im Dezember 2015 wurde in Abu Dhabi ein nagelneuer Kreuzfahrtterminal eingerichtet. Licht, hell und mit allem Komfort können die Gäste hier einchecken und an Bord gehen. Das topmoderne Gebäude auf der Insel Al Mina soll in dieser Wintersaison rund 205 000 Passagiere abfertigen. Schätzungsweise 10 bis 15 Millionen Euro soll das Gebäude gekostet haben. MSC war mit ihrem Schiff „MSC Musica“ zur Einweihungszeremonie vor Ort, bei der sich sogar der Bruder des Kronprinzen die Ehre gab. Die Anwesenheit eines hochrangigen Mitglieds der Herrscherfamilie gilt als wichtiges Signal für den Stellenwert der Kreuzfahrt. Auf Sir Bani Yas waren die ersten Schiffe bereits probehalber zu Gast: Ende 2015 ankerten die „Island Sky“ und die „Seabourn Sojourn“ für je einen Tag vor der Insel. Die Passagiere, so heißt es, seien begeistert gewesen. Bestimmt haben sich die Geparden Gabriel und Gibson von ihrer besten Seite gezeigt.

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