Verfassungsschützer aus dem Südwesten Der Spezialist für Linke war einst SS-Mann

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Der Verfassungsschutz hat offenbar 19 Jahre lang bis 1970 einen gesuchten Naziverbrecher beschäftigt und scheinbar auch geschützt.  

Der Ulmer Historiker Andreas Lörcher hat die NS-Karriere... Foto: Bäßler/ StZ 2 Bilder
Der Ulmer Historiker Andreas Lörcher hat die NS-Karriere...Foto: Bäßler/ StZ

Ulm - Er war der Mann gegen die Linken, die Kommunisten, gegen die sich die Sicherheitsbehörden des Nachkriegsdeutschland besonders wappneten. Als der frühere Gestapo-Beamte Viktor Hallmayer 1951, praktisch mit der Gründung Baden-Württembergs, zu einem der ersten Verfassungsschützer gemacht wurde, spielte diese politische Denkrichtung eine wichtige Rolle. Hallmayer, der durch ein im Mai 1950 eingestelltes Spruchkammerverfahren offiziell rehabilitierte frühere SS-Hauptscharführer, hatte schließlich während des Krieges schon in Paris beim Gestapo-Kommando Gutgesell Résistence-Mitglieder aufgespürt. Zugleich hatte er umfangreiche Kenntnisse über die linke Front National gesammelt.

Über den Namen Hallmayer ist jetzt erst der Ulmer Historiker und Kulturwissenschaftler Andreas Lörcher gestolpert. Der 32-Jährige, der seit 2009 die Ulmer "Denkstätte Weiße Rose" leitet, die der Volkshochschule Ulm angegliedert ist, forschte der Erhängung zweier Zwangsarbeiter zum Kriegsende in Langenau (Alb-Donau-Kreis) und Ulm nach. Die Hinrichtungen, in einem Fall wegen des Diebstahls von Filzstiefeln, hatte ein gewisser Hallmayer beaufsichtigt.

Lörcher beschaffte sich von der Ludwigsburger Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen die Akte zu dem Mann - und konnte kaum glauben, was er las: "Der Mann steht auf einer amerikanischen Kriegsverbrecherliste. Die französischen Behörden suchen ihn wegen Mordverdachts und Folter. Aber anstatt dass man ihn ausliefert, wird er zum Verfassungsschutz befördert."

Der französische Staat sucht ihn wegen Totschlag

Hallmayer, der bei der Stuttgarter NSDAP-Ortsgruppe Leonhardtsplatz unter der Mitgliedsnummer 7563450 geführt wurde, kommt aus dem Verborgenen und verschwindet bald wieder darin. Er ist viel herumgekommen, nicht nur in Paris und Ulm, sondern auch in Gestapo-Dienststellen in Stuttgart, Karlsruhe und Trier.

Vom 28. August 1951 an wird er bei der Verfassungsschutz-Dienststelle D8 in Stuttgart mit "Sonderaufträgen" betraut, über deren Natur die Akten nichts preisgeben. Er überwacht, das immerhin ist dokumentiert, politische Veranstaltungen und ist für den Personenschutz "führender Persönlichkeiten bei offiziellen Anlässen" zuständig. Das scheint Hallmayer gut gemacht zu haben. 1952, kurz nach Antritt der neuen Stelle, wird er zum Kriminalpolizeimeister ernannt. 1954 avanciert er zum Beamten auf Lebenszeit, nur ein Jahr später wird ihm die nächste Beförderung zum Kriminalobersekretär zuteil.

Das alles passiert, während der französische Staat gegen ihn immer noch einen Haftbefehl wegen "Totschlag, vorsätzlicher Körperverletzung (Schläge und Verwundungen), Requirierung, Wegnahme von Sachen" aufrechterhält. In der baden-württembergischen Polizei wird damals, so legen es die Dokumente nahe, die Meinung vertreten, Hallmayer habe in Paris hoheitliche Abwehraufgaben erledigt, die unbedenklich waren. Als die Opposition im baden-württembergischen Landtag einmal genau wissen will, inwieweit die Polizei mit ehemaligen Gestapo-Leuten durchsetzt ist, wird auf den Nachwuchsmangel der Nachkriegszeit verwiesen.

Erholungsurlaub auf Staatskosten

1958, so die Personalakte aus Ludwigsburg, gibt es eine konkrete politische Anfrage an das Verfassungsschutzamt wegen der Gestapo-Vergangenheit Hallmayers. Er wird daraufhin zum Wirtschaftskontrolldienst versetzt, angeblich aus gesundheitlichen Gründen. Schon 1959 kehrt der einstige SS-Mann wieder ins Verfassungsschutzamt zurück - es wirkt heute, als sollte der Mann lediglich vorübergehend aus der Schusslinie gebracht werden.

Andreas Lörcher, der über Antisemitismus in der öffentlichen Debatte der späten fünfziger Jahre promovierte und auch schon für die Friedrich-Ebert-Gedenkstätte in Heidelberg arbeitete, sieht Parallelen zu den Vorgängen um die Zwickauer Zelle. Es scheine ja auch heute in Verfassungsschutzämtern "die Kontrolle nicht richtig zu funktionieren". Der Fall Hallmayer sei ein Beweis dafür, wie gering das "Problembewusstsein" einer verdeckt arbeitenden Behörde sein könne. Ein Auge fest zu verschließen, um mit dem anderen vermeintlich besser sehen zu können, sei "genau das Gegenteil von dem, was wir hier in der Gedenkstätte machen".

Die Erfolgsgeschichte des Kurt Hallmayer ist 1959 noch nicht zu Ende. Er arbeitet weiter als baden-württembergischer Verfassungsschützer und wird 1968 zum Kriminalobermeister befördert. Zwischendurch nimmt er Erholungsurlaub auf Staatskosten. 1969 feiert er sein 40-Jahr-Dienstjubiläum - und bekommt dafür eine Dankesurkunde des damaligen Ministerpräsidenten Hans Filbinger (CDU). 1970 geht Viktor Hallmayer in den Ruhestand. Bis zu seinem Tod wenige Jahre später bekommt er eine Pension, die alle Dienstansprüche bis ins Jahr 1932 zurückreichend voll vergütet.

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17 KommentareKommentar schreiben

@Michael A: Oder das jetzt einen ehemaligen KBW-Funxionär zum Oberguru hat... Oder das mal einen steinewerfenden berufslosen Sponti zum Außenminister hatt, oder das aktuell einen berufslosen Abirenten mit Führerschein als Forstminister aushält.... Die Gruppe der merkwürdigen 'Spitzen'-Leute ist noch länger als mancher glaubt....

Unverbesserliche - aber unterstützt von der Wirtschaft.: Ein weiterer Schwabe, aber viel schlimmer als diese Verfassungsschutzamnn Hallmayer war Gottlob Berger (* 16. Juli 1896 in Gerstetten; † 25. Januar 1975 in Stuttgart).Chef des SS-Hauptamtes, SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS. Am 13. April 1949 wurde Berger im Wilhelmstraßen-Prozess als Kriegsverbrecher zu 25 Jahren Haft verurteilt. Am 31. Januar 1951 reduzierte der amerikanische Hohe Kommissar John J. McCloy nach einem Gnadengesuch Bergers die Strafe auf 10 Jahre. McCloy entschied an diesem Tag über 89 Gnadengesuche. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und der Westintegration der Bundesrepublik Deutschland war es zu verbreiteter Kritik in der deutschen Öffentlichkeit an den Nürnberger Urteilen gekommen, der sich einzelne Stimmen in den USA anschlossen. Bemängelt wurde insbesondere die fehlende Möglichkeit der Überprüfung der Urteile. In seiner Begründung verwies McCloy auf Bergers Verantwortung für vieles, was in der Zeit des Nationalsozialismus rechtswidrig und unmenschlich gewesen sei und auf Bergers enge Beziehung zu Himmler. Im Fall des von Berger ermordeten Generals Mesny sah McCloy auf Grund unklarer Befehlswege keine Verantwortung Bergers. Ausgeführt wurde die von Berger geplante Tat durch zwei Mitglieder der SS, die hierbei Uniformen der Wehrmacht trugen. Mesny und einige weitere Generale wurden hierbei offiziell in das Schloss Colditz verlegt. Mesny wurde von den übrigen Generalen wegen einer fingierten Autopanne getrennt. Kurz vor Nossen/Sachsen wurde der französische General Mesny dann VON HINTEN ERSCHOSSEN. Unter Anrechnung eines Strafnachlasses von zehn Tagen pro Haftmonat wegen guter Führung wurde Berger am 15. Dezember 1951 aus dem Kriegsverbrechergefängnis Landsberg entlassen. Schon vor Haftentlassung hatte sich die Robert Bosch GmbH bemüht, Berger bei der Entnazifizierung behilflich zu sein. Das Privatsekretariat der Firma wandte sich am 27. November 1951 an einen potentiellen Entlastungszeugen: „Auch Herr Berger muß natürlich entnazifiziert werden. Das Verfahren haben wir für ihn in der französischen Zone Württembergs vorbereitet, wo es bedeutend einfacher sei, als in der US-Zone. Herr Berger muß ebenfalls eine größere Zahl von Entlastungserklärungen beibringen. Wären Sie bereit, für ihn ein solches Zeugnis auszustellen? Wenn ich mich recht erinnere, haben Sie im Wilhelmstraßenprozeß auch schon ein Affidavit für ihn abgegeben. Es würde genügen, wenn Sie die Erklärung für die Entnazifizierung in ähnlichem Sinne formulieren.“ So kam es zu einem Persilschein, der Schmutz der 1000 Jahre wurde 'rein'gewaschen. Die Besatzungsbehörden hatten Bergers Vermögen beschlagnahmt. Auf Vermittlung der Firma Bosch arbeitete Berger als Gebäude- und Maschinenverwalter bei einer Stuttgarter Zeitung, an der Bosch beteiligt war. Im Mai 1953 schied Berger bei der Zeitung aus: Es gelang ihm nicht, sich in die untergeordnete Position einzuordnen; zudem betrieb er im Kollegenkreis nationalsozialistische Propaganda. Im Juli 1953 fand er eine Beschäftigung in einer Fabrik für Vorhangschienen in Musberg im Kreis Böblingen. Berger stand nach seiner Haftentlassung unter Beobachtung von amerikanischen Nachrichtendiensten. Eine Anweisung vom 27. Dezember 1951 bezeichnete ihn als potentielles Sicherheitsrisiko und hielt eine regelmäßige Beobachtung für notwendig. Bergers Post wurde kontrolliert, aus dem Januar 1956 ist der Bericht eines Agenten erhalten, dem Berger Auskunft über seine politischen Ansichten gegeben hatte: Berger sei, so der Bericht, ein völlig unbelerbarer glühender deutscher Nationalist, der die Bundesrepublik mit der Weimarer Republik vergleiche. Vor dem Hintergrund des Verfahrens zum Verbot der KPD vertrat Berger die Ansicht, dass die Kommunisten in der Bundesrepublik Deutschland zu lax behandelt würden und zu viel Bewegungsfreiheit hätten. Die KPD solle sofort eliminiert werden, so Berger. Berger erhielt von der Robert Bosch GmbH den Auftrag, gegen Bezahlung seine Lebenserinnerungen niederzuschreiben. Die Stuttgarter Firma gewährte Berger weitere finanzielle Hilfen und zudem juristischen Beistand, so dass es Berger gelang, für seine Zeit als Lehrer vor 1933 eine Pension zu beziehen. Den Lebensabend nach seiner Pensionierung Ende Dezember 1964 verbrachte Berger in seinem Heimatort Gerstetten. Das kleine Würstchen Hallmayer ist nicht zu vergleichen mit diesem Amträger Berger, der eine tolle Alterssicherung durch unsere Behörden genießen durfte. Ein Ehrenmann??????

@Herrn Wallinger: Lieber Herr Wallinger, die Verfassungsschutzbehörde dient dazu die Verfassung des Landes zu schützen. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle was so ein alter SS-Hauptscharführer verdient hat. Solche Leute gehören in den Knast und dürfen keinerlei Aufsicht über demokratische Strukturen haben. Schon erschreckend wie hier Nazi-Verbrecher als arme Socken hingestellt werden. Aber was will man in BaWü auch schon erwarten, dem Bundesland das seiner Zeit von einem ehemaligen Nazirichter regiert wurde - und von Oettinger nach dessen Tod als überzeugter Antifaschist stilisiert wurde. Das nenne ich mal Geschichtsverdrehung vom feinsten. In diesem Sinne

@ Herr Wallinger: ' ... handelte es sich ja wohl um einen 'kleinen Fisch', der ganz untern in der Hierarchie stand. Er war ja nicht einmal Kommissar und gehörte der gleichen Laufbahn wie Straßenmeister, Lokomotivführer etc. an.' Wer in den 70er Jahren der (nicht verbotenen) Partei DKP angehörte und sich ansonsten nicht das geringste zu schulden kommen ließ, konnte in unserem 'Rechtsstaat' weder Lokomotivführer noch Straßenmeister werden. Irgendwie schon ein bitterer Treppenwitz der Geschichte, dass zu denen, die damals auf die DKP 'aufpassten' und ihre Mitglieder schikanierten, ausgerechnet ehemalige Gestapobeamte wie der Herr Hallmayer gehörten. Wenn der Herr zufällig auf der östlichen Seite des Eisernen Vorhangs gelandet wäre, hätte er sicher bei der Stasi Karriere gemacht.

Post Scriptum...: ... ich bewundere den Mut von Männern wie Lörcher, die gegen einen Feind zu Felde ziehen, der erstens tot und damit zweitens nicht mehr in der Lage ist, sich zu rechtfertigen. Wobei jede Rechtfertigung - unabhängig von tatsächlicher Schuld und dem, was man von dem Menschen halten mag - angesichts der moralischen Tendenzen unmöglich wäre. Achso, Herr Silber, Karl Schiller fiele mir noch ein, SPD-Vorstand über fast ein Jahrzehnt, Bundeswirtschaftsminister und Bundesminister für Wirtschaft und Finanzen. Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes. Dummerweise nicht nur: 'Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten war Schiller von Juni 1933 bis 1938 Mitglied der SA. Am 1. Mai 1937 trat Schiller in die NSDAP ein (Mitglieds-Nr. 4.663.250), in der er 1938 Politischer Leiter der Kieler Ortsgruppe Klaus Groth wurde.' Autsch! Wie tief man doch fällt, wenn man sich so weit aus dem Fenster lehnt,... und wie das wehtut!

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