Verkehr Mit Härte gegen die Rüpel am Steuer
Michael Trauthig, 24.01.2013 13:45 Uhr
Mehr Radarkontrollen – ist das die Lösung?Foto: dpa
Goslar - Die Situation, die Kay Nehm zum Auftakt des Verkehrsgerichtstags in Goslar schildert, kennt wohl jeder: „Ich fahre mit Richtgeschwindigkeit, setze den Blinker, um einen Lastwagen zu überholen, dann kommt einer von hinten mit Lichthupe angerast und drängt mich fast zur Seite.“ So schildert der einstige Generalbundesanwalt, was er selbst auf deutschen Autobahnen leidvoll erlebt: Aggressivität, die Angst macht, Leben gefährdet und nach Auffassung vieler zunimmt. Auch deshalb sind die Wüteriche am Steuer ein zentrales Thema auf dem Treffen, zu dem 1900 Fachleute von Polizei, Justiz und Behörden in den Harz gereist sind.
„Aggressiv sind immer die anderen“, sagt Kay Nehm und beschreibt damit die Selbstwahrnehmung der betroffenen Autofahrer. Ob die Zahl dieser Rowdys zunehme, sei nicht gewiss, räumt der Präsident des Expertentreffens ein. Aggressivität werde schließlich in keiner Statistik erfasst. Laut Untersuchungen seien sogar nur 0,1 Prozent der Kraftfahrer notorische Raser und Drängler. Vielfach ließen sich aber eben Normalbürger dazu hinreißen, die Regeln zu brechen und die Schädigung anderer in Kauf zu nehmen. Privater Ärger, Stress und Zeitnot könnten Ursachen für ein solches Verhalten sein, heißt es zur Erklärung etwa beim Automobilclub von Deutschland (AvD).
30 Prozent ärgern sich aber auch über „Schleicher“
Andere Fachleute machen die hohen Geschwindigkeitsunterschiede auf Autobahnen für die Plage der Drängler verantwortlich. Schon 80 Prozent der Autofahrer fühlten sich von solchen Zeitgenossen provoziert, bilanziert der ADAC. Umgekehrt ärgerten sich allerdings auch 30 Prozent über sogenannte Schleicher. Der Auto Club Europa (ACE) wiederum sieht gesellschaftliche Trends als Auslöser für das Rowdytum. Arbeitsverdichtung, Terminhetze und psychische Belastungen sowie der zunehmende Egoismus wirkten sich aus. „Als Reaktion lassen die Leute ihren Frust hinterm Steuer heraus“, sagt der ACE-Sprecher Rainer Hillgärtner. Auch eine Überregulierung – etwa als übertrieben empfundene Tempolimits – mache einige Fahrer wütend. Zudem spielen Persönlichkeitsmerkmale eine Rolle, meinen Verkehrspsychologen. Wer impulsiv sei, wenig Selbstbewusstsein habe und sich über sein Auto als Statussymbol definiere, gelte als anfällig.
Der Schaden, den diese Rüpel anrichten, ist beträchtlich. Ein Drittel aller Verkehrsunfälle mit Todesopfern entspringe aus aggressivem Verhalten, also riskantem Überholen und Drängeln, sagt Siegfried Brockmann. Der Unfallforscher will das mit der Härte des Gesetzes ändern. Die Täter verfügten mit ihrem Auto schließlich über eine frei zugängliche „Tatwaffe“. Ihnen müssten schärfere Sanktionen drohen. Raserei solle ein eigener Straftatbestand werden, und es müsse mehr Kontrollen geben.
Mit Technik gegen Raser
Brockmann möchte zudem auf mehr Technik setzen. So könnten Fahrerassistenzsysteme in den Pkw künftig das Rechtsüberholen, Tempoverstöße oder zu dichtes Auffahren erkennen und erschweren. Ähnlich äußert sich die Deutsche Polizeigewerkschaft. Sie plädiert zum Beispiel dafür, auf Autobahnbrücken mehr Abstandmessgeräte zu installieren. Andere Fachleute fordern in Goslar, die Möglichkeiten der Geschwindigkeitsüberwachung auszubauen oder künftig den Halter haftbar zu machen, wenn der Fahrer nach einem Verstoß nicht zu ermitteln ist. Ein anderer Vorschlag orientiert sich an Neuseeland. Dort sei es möglich, eine polizeiliche Anzeige zu machen, ohne dass eine Strafe droht. Die Ermittler würden sich dann zunächst damit begnügen, dem Delinquenten ins Gewissen zu reden und so eine Änderung seines Verhaltens herbeizuführen.
Auch ein Tempolimit auf Autobahnen halten einige Experten für ein gutes Rezept, die Konflikte zumindest auf diesen Straßen zu verringern. Nehm allerdings ist skeptisch. Untersuchungen hätten gezeigt, dass man da auf Tempo 80 herunter müsse. Das aber wolle niemand. Am Freitag will der Verkehrsgerichtstag seine Empfehlungen zu dem Thema vorlegen. Sein Präsident hat sich aber schon seine Meinung gebildet. Es brauche einen allgemeinen Bewusstseinswandel: „Niemand darf sein Fortkommen auf Kosten anderer erzwingen.“





vorbeilassen
Die Situation, die Kay Nehm zum Auftakt des Verkehrsgerichtstags in Goslar schildert, kennt wohl jeder: „Ich fahre mit Richtgeschwindigkeit, setze den Blinker, um einen Lastwagen zu überholen, dann kommt einer von hinten mit Lichthupe angerast und drängt mich fast zur Seite.“ und jetzt? warum den schnelleren fahrer nicht einfach vorbeilassen bevor man rausfährt? müssen die langsamen keine rücksicht nehmen? sind nur die schnellen die rüpel? in diesem fall scheit es mir, als ob der richtgeschwindigkeitsfahrer der rücksichtslose war.
Drängler und Schleicher
Ich fahre regelmäßig im Ausland (Frankreich, Schweiz, Niederlande, Italien) Autobahn. Das ist entspannt und ohne Stress möglich. Fast alle Fahrer halten sich an die jeweils gültigen Tempolimits (auch wegen der im Vergleich zu Deutschland irrsinnig hohen Strafen!), die Tempounterschiede liegen im Bereich von ca. 10km/h plus/minus, Überholen von LKWs ist problemlos möglich. Kaum ist man wieder in Deutschland, beginnt der Horror: Wer mit 140 km/h einen LKW mit 80 km/h überholt, wird häufig bedrängt, PKW rasen mit 60km/h oder noch mehr Tempounterschied vorbei (also mit 190 - 200 km/h) und das bei der auf fast allen Autobahnen üblichen Verkehrsdichte. Übrigens, das sind dann auch die Schweizer und Holländer und Franzosen, die zuhause so diszipliniert fahren, aber auf unseren Autobahnen dann endlich hemmungslos rasen dürfen. Meiner Meinung nach hilft nur ein allgemeines Tempolimit von z.B. 130 km/h, dann bleibt der Verkehr flüssig, es kommt weniger zu Staus, die durch abrupt bremsende Fahrzeuge ausgelöst werden und der Benzinverbrauch hält sich ebenfalls in Grenzen. Bloß kann Mann dann sein Auto nicht mehr als Potenzersatz nutzen, also wird das Limit wohl nie kommen...
Man kanns auch anders sehen
In dem Artikel heißt es u.a. „Ich fahre mit Richtgeschwindigkeit, setze den Blinker, um einen Lastwagen zu überholen, dann kommt einer von hinten mit Lichthupe angerast und drängt mich fast zur Seite.“ . Ich kann mir diesen Vorfall auch so vorstellen (genau so oft erlebt): Autobahn, trockenes Wetter, keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Ein Auto fährt auf der linken Spur mit viel Geschwindigkeit. Unmittelbar vor dem Lastwagen blinkt einer (mit der viel geringeren 'Richtgeschwindigkeit') und fährt einfach raus. Leider wird oft nicht in den Rückspiegel geschaut! Und jetzt ist der Fahrer auf der linken Spur der 'böse Drängler' obwohl der heftigst bremsen muss um keinen Unfall zu bauen! Wie gesagt: diese Situation kenne ich zur Genüge. Mein Vorschlag wäre: vor dem Spurwechsel in den Rückspiegel schauen und nicht einfach rausfahren! Wer schon mal bei hohem Tempo so ausgebremst wurde, weiß, wovon ich spreche.