VfB Stuttgart Der Kampf gegen die Selbstzufriedenheit

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Die Elf des VfB Stuttgart ist nicht bequem, aber sie funktioniert am besten im Alles-oder-nichts-Modus. Das hat Auswirkungen auf den Abstiegskampf in der Fußball-Bundesliga.

Zusammenhalt: die VfB-Spieler bedanken sich nach dem Sieg gegen Wolfsburg bei ihren Fans für die Unterstützung im Jahr 2015. Foto: Herbert Rudel 11 Bilder
Zusammenhalt: die VfB-Spieler bedanken sich nach dem Sieg gegen Wolfsburg bei ihren Fans für die Unterstützung im Jahr 2015.Foto: Herbert Rudel

Stuttgart - Die Spieler genießen noch einmal die Zuneigung der Fans. Hände werden gereicht, Schultern geklopft, aufmunternde Worte gewechselt. Wie das eben so ist auf einer Ehrenrunde, die der Stadionsprecher Holger Laser wenige Minuten zuvor ausgerufen hat. Wobei Ehrenrunde ein großes Wort ist im Zusammenhang mit den Leistungen des VfB Stuttgart. Es gibt nicht wirklich viel im Fußballjahr 2015, was den Spielern zur Ehre gereicht.

Mit Ach und Krach haben sie im Mai die Bundesliga gehalten und zum Vorrundenabschluss gerade den VfL Wolfsburg mit 3:1 besiegt. Dazwischen gab es viel Hoffnung, aber noch mehr Frust. Doch so ein Erfolg gegen einen Champions-League-Achtelfinalisten bringt es mit sich, dass die Anhänger schnell vergessen und verdrängen. Also klingt José Felicianos Klassiker „Feliz Navidad“ über die Lautsprecher und die als Weihnachtsmänner verkleideten VfB-Profis singen mehr oder weniger textsicher mit. Das alles ist auf der Videoleinwand zu sehen und verbreitet gute Stimmung.

Das Problem mit dem VfB-Video

„Wir wollten uns aber nicht feiern lassen“, sagt der Kapitän Christian Gentner, „das wäre nach dem letzten halben Jahr der falsche Ansatz.“ Es ist vielmehr als Geste des Dankes gedacht – für die Unterstützung, denn die Spieler wissen nur zu gut, dass sie ihrem Publikum einiges zugemutet haben. „Die Leute sehen, dass wir uns öfters selber im Weg stehen, aber wir lassen es selten an der nötigen Einstellung vermissen“, sagt Gentner. Dennoch konnte man sich, als das Video nach dem Pokalsieg gegen Braunschweig am vergangenen Mittwoch produziert wurde, beim Club nicht sicher sein, ob es auch gezeigt werden würde. Die schönen Tore gegen Wolfsburg dienten jedoch als wunderbare Vorlage.

Doch daraus wollen weder der Manager Robin Dutt noch der frisch beförderte Chefcoach Jürgen Kramny ableiten, dass sich in Stuttgart eine neue Mannschaft gefunden hat. „Die Spieler haben gesehen, wie es funktionieren kann, aber sie müssen beweisen, dass es so auch auf Dauer funktioniert“, sagt Dutt. Das ist jedoch das Problem: In den vergangenen Jahren ist der VfB vor allem dadurch aufgefallen, dass er gute Leistungen erst dann mit guten Ergebnissen verbindet, wenn er sich in einem Alles-oder-nichts-Modus befindet. Siehe die letzten drei Spiele der Vorsaison.

Diese sind bei vielen im und um den Verein für Bewegungsspiele herum verklärt. Sie gelten auch als fußballerischer Maßstab, wie die VfB-Elf taktisch am besten spielen kann und was sie zu leisten vermag. Allerdings hat sich danach wieder einmal gezeigt, dass die Stuttgarter über kaum einen Spieler verfügen, der in Alltagssituationen sich selbst und sein Team motivieren und mitreißen kann. Immer wieder mangelt es an der bedingungslosen Erfolgsmentalität und immer wieder fehlen ein paar Prozentpunkte an Leistung – was in der Summe viel ausmachen kann.

Das Dilemma zeigt sich an Didavi

Dabei zeigt sich das Dilemma an einem Beispiel aus der Begegnung mit Wolfsburg: Daniel Didavi war der gefeierte Mann, weil er zwei Tore erzielte. Er war es jedoch auch, der Maximilian Arnold laufen ließ und ihm so das 1:0 ermöglichte. Diese Szene nutzten Dutt und Kramny als Vorlage, als sie am Sonntag beim gemeinsamen Frühstück vor die Mannschaft traten und eine klare Botschaft in die Weihnachtspause mitgaben: „Wir können aus dem Wolfsburg-Spiel viel Positives ziehen“, sagt Kramny, „aber am 4. Januar beim Trainingsauftakt interessiert das keinen Menschen mehr.“

Auch der VfB-Boss Bernd Wahler hat sich noch einmal an die Spieler gewandt, um ihnen ein frohes Fest zu wünschen, aber auch den Ernst der Lage vor Augen zu führen. Durch die fehlende Konstanz befindet sich der Bundesligist in einer Dauerkrise, die permanent Trainerjobs gefährdet, aber auch die Positionen des Präsidenten und des Managers schwächt. „Es kann nicht immer nur am Trainer liegen, dass es nicht läuft. Es muss schon auch mehr von der Mannschaft kommen“, sagt Florian Klein. Der Österreicher spielt zwar erst seit 2014 im Trikot mit dem Brustring, spricht den Verantwortlichen aber aus der Seele: Sie wollen die Mannschaft des Tabellen-15. mehr in die Pflicht nehmen. Eine der spannenden Fragen zur Bundesligarückrunde wird deshalb sein, wie Kramny den ewigen Kampf gegen die Selbstzufriedenheit beim VfB angeht. Und ob er es schafft, die Mannschaft zu seiner zu machen.

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16 KommentareKommentar schreiben

Große Worte: Die einzige Konstante, die ich beim VfB in den letzten drei, vier Jahren erkennen kann, ist die der Worthülsen-Akrobatik. Die Floskeln wiederholen sich: "Traditionsverein", "Gesicherter Mittelfeldplatz", "Begeisternder Offensivfußball", "Der Stuttgarter Weg" oder auch: "furchtlos und treu". Den Worten folgen so gut wie nie Taten. Und es mag sein, dass die verbalen Versprechungen die sportliche Selbstzufriedenheit fördern. Es wäre wünschenswert, der nächsten Pressekonferenz auch entsprechende Ergebnisse folgen zu lassen. Zum Beispiel, wenn nach dem Trainingslager verkündet werden wird, dass man "super trainiert" habe und dass die Truppe "toll mitgezogen" hat. Und schließlich sei an die Worte von Herrn Dutt nach dem schönen Wolfsburg-Sieg erinnert: "Diesen Schwung wollen wir mitnehmen ins Jahr 2016". Von mir aus gerne. Die Spieler werden sich ab Ende Januar hoffentlich daran erinnern...

Der VfB muss erst einmal beweisen,: dass er nicht mehr der "Versager-Verein" der 1. BL ist. Lautstarke Sprüche, sich selbst Beweihräuchern, das konnte der VfB schon immer. Ich vermute, es wird "kein frischer Wind" durch Kramny in den VfB kommen, warum auch, in VfB II war es die "letzten Monate" auch nicht so toll (jaja, viele neue Spieler---) Der "Kramny-Effekt" hat sich Mitte Februar wieder gelegt und dann geht es wieder "lustlos,unwillig,faul.." mit dem VfB endgültig "begab". Sorry, so negativ muss man zum Jahresabschluss wohl anmerken !!

Euphorie?: Die Selbstzufriedenheit und die Euphorie , die auch hier bei einigen Zuschriften festzustellen ist, scheint nach dem zugegebenermaßen unerwarteten Sieg schon wieder einzureißen. Einige meinen, mit ein paar mehr Punkten aus den ersten Spielen der Rückrunde als in der Vorrunde sei der Abstieg schon halb verhindert. Nein, nein und nochmals nein: Die letzten neun Spiele der Rückrunde sind ausnahmslos entweder Heimspiele gegen Bayern, Bayer, den BVB und Mainz oder es sind Auswärtsspiele, das letzte dann in Wolfsburg. Mit anderen Worten und zum Mitschreiben: Aus den ersten acht Spielen der Rückrunde benötigen wir ungefähr 16 Punkte, um auch nur einigermaßen beruhigt in die letzten neun Spiele gehen zu können. Wenn wir diese 16 Punkte nicht wenigstens annähernd holen, werden wir vermutlich absteigen. Es scheint vielen nicht klar zu sein, wie schwer uns diese 16 Punkte fallen werden gegen zum Teil echte Überraschungsmannschaften der Vorrunde. Selbst wenn wir zu Hause gegen den HSV, Hannover und 1899 gewinnen, brauchen wir aus dem Heimspiel gegen Hertha, und aus den Auswärtsspielen in Köln, Frankfurt, Schalke und Gladbach noch sieben Punkte. Ich frage mich, wie wir zu diesen Punkten kommen wollen, so desolat, wie die Mannschaft seit Jahren aus dem Wintertrainingslager im sonnigen Süden zurückkommt. Ich frage mich weiterhin, warum man sich nicht bei uns und bei den Temperaturen und den Platzverhältnissen vorbereitet, die man dann im Ernstfall auch antrifft. Und, Herr Graf, sind Sie jetzt zufrieden über eine weitere Zuschrift eines Skeptikers? Übrigens: Nach dem Spiel gegen Wolfsburg war die Kommentarfunktion für ca. 48 Stunden blockiert, Herr Graf, sonst hätten sich sicherlich noch weitere der von Ihnen so sehr geliebten Zuschriften der Grantler eingefunden!

ich möchte ergänzen,: dass von den Verantwortlichen bis zu den Spielern alle nicht müde werden zu betonen, dass es sich um das beste Trainingslager aller Zeiten gehandelt hat. Ähnlich wie im Sommer.

Milchmädchen: rechnung, Herr Häffner. Wer sagt denn, dass man aus den letzten Spielen keine Punkte holen kann. Auch auswärts besteht die Möglichkeit.

Also wer macht der Mannschaft...: die Vorgaben, wo es hingehen soll? Also ich sach ma so, es müsste aufhören, das die "Sahnestücke" des VfB-Kaders beständig mit Wechselgedanken durch die Gegend laufen. Wie soll diese Mannschaft nach oben angreifen, wenn hier beständig Unruhe im Laden ist. Jetzt in der Winterpause müsste hier feinjustiert werden. Warum keinen neuen Vertrag mit z.B. Didavi incl. Ausstiegsklausel nach 2 Spielzeiten um in der Mannschaft und beim Fan klar zu signalisieren, wir wollen nach weiter oben. 1-2 tatsächlich die Abwehr weiter stabilisierende Spieler wären ebenfalls sinnig. Wir werden wie immer auch nach dem nächsten Wintertrainingslager mit den Tatsachen konfrontiert werden.

oben angreifen: Ihr Kommentar steht sinnbildlich dafür, dass viele beim VfB und im Umfeld immer noch nicht kapiert haben was Sache ist: hier geht es nicht um "oben angreifen" etc. Der Verein hat seit Jahren null Stabilität, befindet sich im freien Fall und hatte die letzten beiden Spielzeiten eine Menge Glück. Spieler wie Didavi haben vermutlich wenig Ambitionen, ihre Verträge bei einem der verlässlichsten Abstiegskandidaten zu verlängern. Das kann man ihnen auch nicht verdenken. Das ständige Signalisieren, was man angeblich will und nicht, hat in den letzten Jahren ziemlich wenig gebracht. Realismus und harte Arbeit wären eher angebracht.

Nach unten angreifen scheint...: schwieriger. Im Ernst, es geht nicht ums kapieren ob beim VfB seit Jahren das Glas halb voll oder halbleer definiert wird. Erfolg muss bis zu einem Punkt in der Konzeption sichtbar werden, um dann den handelnden Personen die Sicht auf die Dinge zu erleichtern.

"kapieren,: ob das Glas beim VfB halbvoll" ist, erscheint wenig zielführend ist. "Erfolg muss in der Konzeption sichtbar sein?!?" Aha, dann mal her mit nem Konzept, dass Erfolg sichtbar werden lässt. Das kennt man aus dem Fußballgeschäft. Alle planen immer den Erfolg mit tollen Konzepten. Wahrscheinlich so wie Zorniger es getan hat. Oder Bobic, Dutt, Wahler, Mäuser, Hotte Heldt, Herr Kind in Hannover, der Hamburger SV, etc.

Nein wahrscheinlich so in Richtung....: Bayern, Dortmund, Wolfsburg, Gladbach, Leverkusen oder Schalke. Zumindest im Betrieb erscheinen mir hier die operativen Konzeptionen in diesen Unternehmen so transparent bis durchgängig, das die "handelnden Personen am Grün" also Management, Trainerstab und Mannschaft sich daran orientieren können, wo die gesamte Fussball-Karawane hinwill. Beim VfB sehe ich dies nach wie vor eher so, das Potential da ist, aber in der Summe eben auch nach wie vor, das dieses Potential schneller wieder wechselt, als das hier Qualität wie Strategie rechtzeitig hinzukommt. Dieser VfB ist keine Macht mehr im Fussball, sondern eher ein Ausbildungsclub, der davon überlebt, sein Besten beständig zu verkaufen. Schöne Feiertage und guten Rutsch.

Machen wir uns doch nichts vor: So wie es eine "bodenlose Schweinerei war" 0:4 gegen Augsburg zu verlieren, so wird nach 2-.4 Spielen wieder das alte "VfB-Phlegma" ausbrechen und es wird lustlos herumgestümpert. Soll das Kramny (so sehr ich das hoffen würde) verändern; in VfB II war es zu letzt auch nur "stockdunkel" unter Kramny. Also Realitäts-Sinn und vor allem "Verstärkungen" aber das wäre "fast zu viel verlangt" für den "armen VfB" !!

Die Botschaft höre ich wohl: Allein mir fehlt der Glaube. Schöne Worte zu Weihnachten, leider wird es zu nichts mehr taugen. Wir kenne doch den VfB als Kuschel-/Wohlfühlgesellschaft !!

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