VfB Stuttgart Die neue scheue Mentalitätsbestie

Von , Belek 

Kevin Großkreutz soll das Spiel des VfB Stuttgart emotionalisieren, doch der 27-Jährige gibt sich zurückhaltend. Zumindest wenn die Kameras und Mikrofone eingeschaltet sind.

Voller Einsatz für den VfB: Kevin Großkreutz Foto: Baumann
Voller Einsatz für den VfB: Kevin GroßkreutzFoto: Baumann

Belek - Linke Seite, offensiv, rauf und runter, 45 Minuten lang. So lässt sich Kevin Großkreutz’ erstes Arbeitsprotokoll im Dress des VfB Stuttgart zusammenfassen. Und im Grunde wäre das über einen Fußballprofi überhaupt keine Nachricht, wenn es sich nicht um denjenigen handeln würde, den sie in Dortmund Kevin Überall nannten – wegen seiner Vielseitigkeit.

Großkreutz hat es schon geschafft, sich in einem Spiel von seinem Trainer diagonal über den Rasen ziehen zu lassen: vom Linksaußen zum Rechtsverteidiger. Ohne Probleme, mit starken Leistungen. Beim VfB muss der 27-Jährige seine Rolle jedoch erst noch finden. Auf dem Platz begleiten ihn dabei vielleicht sogar weniger Zweifel als außerhalb, da dem sechsfachen Nationalspieler der Ruf vorauseilt, sich gelegentlich daneben zu benehmen.

„Ich will jetzt meinen Spielrhythmus wieder finden“, sagt Großkreutz nach dem 2:1 gegen Antalyaspor. Der wird schnell zurückkommen. Davon ist Jürgen Kramny überzeugt. Auch wenn der Allrounder letztmals im August einen Pflichtspieleinsatz absolviert hat – für Borussia Dortmund II. Der VfB-Trainer setzt darauf, dass er Großkreutz schon bald dort einbauen kann, wo er am dringendsten benötigt wird. Vorne, hinten, rechts, links – ein Dauerläufer im Außendienst. „Wo der Trainer mich hinstellt, werde ich alles geben“, sagt Großkreutz. Und das ist der längste Satz der dem Neuzugang über die Lippen kommt. Ansonsten gibt er sich bei seiner Vorstellung während des Trainingslagers in Belek sehr zurückhaltend, fast scheu.

Viel Spaß mit Serey Dié

Doch das betrifft nur den Kevin Großkreutz, der über sein Spiel, seine privaten Eskapaden und sein missglücktes halbes Jahr bei Galatasaray Istanbul sprechen soll. Ohne Kameras und Mikrofone gibt es im Mannschaftskreis den Kevin Großkreutz, der zu seinen Dortmunder Erfolgszeiten die ausländischen Stars mit BVB-Liedern vollpumpte, und der jetzt beim VfB ständig mit Serey Dié herumflachst.

Offenbar könnten sich da im Trikot mit dem Brustring zwei finden, die ihre Emotionalität vor allem beim Fußball ausleben. Eine Mentalitätsbestie, die Team und Stadion mitreißen kann, an der sich die Gegner auch abarbeiten können. Dafür haben sie Großkreutz für zwei Millionen Euro nach Stuttgart geholt, ihn mit einem Vertrag bis 2018 ausgestattet, der auch für die zweite Liga gilt, und ihm so die Möglichkeit zu einem Neustart gegeben. „Ich will nach vorne schauen“, sagt Großkreutz.

Doch die Vergangenheit ist, solange er nicht wieder mit sportlichen Großtaten aufwartet, Teil der Gegenwart. Wegen einer Schlamperei bei den Wechselmodalitäten erhielt Großkreutz im Sommer keine Spielerlaubnis für Galatasaray. Der türkische Nobelclub entließ daraufhin einen Angestellten, aber Großkreutz konnte eben nicht das tun, was er am liebsten macht und am besten kann: Fußball spielen. Dafür hatte er reichlich Zeit zum Nachdenken: über vergangene Fehler und künftige Pläne.

In Istanbul blieb Großkreutz ein Fremder

Nun ist daraus die Zukunft beim VfB geworden. „Es hat sofort gepasst“, sagt Großkreutz, „der VfB ist ein Traditionsverein, auch ein emotionaler Verein.“ Fans und Identifikation gehören für ihn ebenso zum Fußball wie Ehrgeiz und Auswärtsspiele. In Istanbul blieb der Wohlfühlspieler jedoch ein Fremder, in Stuttgart will er sich schnell einfinden, um sich bald heimisch zu fühlen.

Dafür will auch der VfB sorgen, der stolz ist, nun einen Weltmeister in seinen Reihen zu haben – wenn auch ohne Spielminute 2014 in Brasilien. „Kevin ist schon ein besonderer Spieler für uns“, sagt der Manager Robin Dutt. Wegen der Vita mit zwei deutschen Meisterschaften, einem Pokalsieg und dem Champions-League-Finale 2013 in Schwarz-Gelb, aber ebenso wegen der Umstände des Transfers.

Noch vor einem halben Jahr wäre für den VfB nicht daran zu denken gewesen, einen wie Großkreutz zu bekommen. Zu gut, zu prominent, zu teuer. Doch die Situation hat sich geändert. So schaute Kramny dem Spieler vor der Verpflichtung in die Augen und sah: Der will. Dutt hörte aus den Gesprächen bald heraus, dass nur noch ein Verein für den Spieler in Frage kommt: der VfB. Und Großkreutz will jetzt nur eines: in seinem neuen Revier spielen.