Villingen-Schwenningen und Drittes Reich Die Last des Erinnerns

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Als eine der wenigen Städte in Deutschland hat Villingen-Schwenningen Nein gesagt zu Stolpersteinen – 2004 und jetzt wieder. Die Angehörigen von NS-Opfern sind fassungslos, viele Bürger enttäuscht. Ihr Protest formiert sich.

Ein Autohaus steht dort, wo die Familie von Pierre-Louis Bikart bis 1936 in Villingen gewohnt hat. Fünf seiner Angehörigen wurden in Konzentrationslagern getötet. Foto: Heinz Heiss
Ein Autohaus steht dort, wo die Familie von Pierre-Louis Bikart bis 1936 in Villingen gewohnt hat. Fünf seiner Angehörigen wurden in Konzentrationslagern getötet. Foto: Heinz Heiss

Villingen-Schwenningen - Den Mantelkragen hochgeklappt, eine Ledermappe unterm Arm, steht Pierre-Louis Bikart auf dem Bürgersteig der Waldstraße und blickt in ein Schaufenster mit den neuesten Hyundai-Modellen. „Auf diesem Grundstück haben sie gewohnt, hier könnten die Steine hin“, sagt der 62-Jährige, der aus Straßburg nach Villingen-Schwenningen angereist ist. Vor ihm ein Autohaus, nagelneue Wagen parken auf zwei Etagen. „Da drüben auf dem Weiher waren sie immer Schlittschuhfahren.“ Bikarts Elsässerdeutsch klingt weich und rund, oft fehlen ihm die Worte, seine Muttersprache ist Französisch.

Bis Ende 1936 hat seine jüdische Familie in der Waldstraße gelebt. Sein Großvater Louis, ein Viehhändler, hatte sechs Kinder, war Mitbegründer des FC 08 Villingen, sein Vater Sigmund war schon als Junge ein begeisterter Kicker. Als der staatliche Terror zu bedrohlich wurde und sie um ihr Leben fürchten mussten, tauschten sie mit einer Familie bei Paris das Haus. „Sie dachten, sie seien in Frankreich vor den Nazis in Sicherheit, was für ein Irrtum.“ Fünf Familienmitglieder wurden 1942 nach Auschwitz deportiert, nur Sigmund Bikart überlebte, abgemagert auf 33 Kilo.

Pierre-Louis Bikart kämpft gegen das Vergessen, das treibt ihn um. Seit bald zehn Jahren erzählt er in Villingen die traurige Geschichte seiner Familie und kann nicht fassen, was für ein Drama sich in der ansonsten recht ereignisarmen Doppelstadt bald 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges abspielt. „Die haben einfach nichts dazugelernt“, sagt er und schweigt.

44 000 Stolpersteine sind europaweit schon verlegt

Die Steine, die die Stadt spalten wie kaum etwas zuvor, wiegen zwei Kilo das Stück. Sie haben eine glatt polierte Messingplatte, zehn auf zehn Zentimeter, darin eingraviert die Namen der Toten, ihre Lebens- und Sterbedaten. 44 000 dieser kleinen Mahnmale an die Opfer des Nationalsozialismus sind europaweit schon verlegt worden, allein in Deutschland haben sich mehr als 900 Kommunen für das Kunst- und Geschichtsprojekt entschieden, doch in Villingen-Schwenningen mit seinen 81 000 Einwohnern ist es unerwünscht. Schon zwei Mal hat der Gemeinderat seine Zustimmung zu dem Mahnmal an den Holocaust verweigert, 2004 und erneut vor wenigen Wochen. Die Situation ist verfahren, die Gräben zwischen den politischen Lagern scheinen unüberwindbar.

Die Stadt hat ein Problem mit der Bewältigung ihrer braunen Vergangenheit. Nur so lässt sich der Streit über das richtige oder falsche Gedenken erklären, das schon so lange andauert und viele Beteiligte hat. Unter ihnen ein Rechtsextremist und früherer Polizist, der bis vergangenen März die NPD in Baden-Württemberg angeführt hat und im Gemeinderat von Villingen-Schwenningen sitzt. Ein entrüsteter evangelischer Pfarrer, der sich über alle Konfessionen hinweg mit seinen Kollegen zusammengeschlossen hat, um die Erinnerungssteine des Kölner Künstlers Gunter Demnig doch noch in seine Stadt zu holen. Und eben Pierre-Louis Bikart, der Sohn eines Auschwitz-Überlebenden, der ganz offen von Antisemitismus redet.

Der Sohn eines Auschwitz-Überlebenden ist empört

Der Franzose hat beim SPD-Oberbürgermeister angeklopft, war dabei, wie der Gemeinderat mit einer knappen Mehrheit aus CDU, Freien Wählern und einem Vertreter der Deutschen Liga Nein gesagt hat zu den Steinen, auf denen die Namen seiner Verwandten stehen sollen. Der Vater, die Großeltern, die zwei Tanten, der Onkel. „Sogar am Boden stören die Juden noch“, sagt Pierre-Louis Bikart. Er sagt es leise, nachdenklich, wie es seine Art ist. Er nimmt sich Zeit zu verstehen und kann die Argumente, die er hört, nicht glauben. „Die wollen sich nicht erinnern“, ärgert sich der Franzose, „das kann doch nicht wahr sein.“