|
|
Bild 1 von 4 |
|
zum Thema
Going - Die Familie aus München, die sich für einige vergnügliche Skitage am Wilden Kaiser in Tirol entschieden hat, wird nach ihrer Rückkehr einiges zu erzählen haben. Immerhin logieren die Herrschaften, die in einer Hütte über dem Dörfchen Going die erste Etage bewohnen, inmitten ziemlich prominenter Nachbarn. Denn im zweiten Stock des rustikalen Chalets mit Holzveranda, auf dessen Dach sich ein guter Meter Schnee türmt, hat Mitte Januar der Boxer Vitali Klitschko Quartier bezogen.
Der 40-Jährige hält derzeit den Weltmeistergürtel im Schwergewicht nach Version der Verbandes WBC. Doch damit nicht genug: seit einer Woche logiert im Erdgeschoss der Nobelalm im Bergwald auch dessen Bruder Wladimir. Der ist der Schwergewichtschampion der WBA, WBO und der IBF, womit sämtliche bedeutende Insignien in der Königsklasse des Boxens unter einem Dach vereint sind. Die Touristen aus München dürfen sich also auch nachts sicher fühlen.
Zwei Klitschko-Kämpfe in 14 Tagen
"Wir verbringen leider nicht mehr so viel Zeit miteinander, leben in verschiedenen Ländern, sind oft auf verschiedenen Kontinenten unterwegs", sagt Wladimir Klitschko, der erstmals seit acht Jahren wieder mit dem fünf Jahre älteren Bruder ein Trainingslager absolviert. Dass die Kolosse aus der Ukraine mit Wohnsitzen in Kiew, Hamburg und Los Angeles in der Tennishalle des Fünfsternehotels Stanglwirt in Going im eigens installierten Boxring zwar zu unterschiedlichen Zeiten, aber ebenfalls unter einem Dach ihre Sparringsrunden absolvieren, ist einem nicht einmal centstückgroßen Steinchen geschuldet.
Schließlich hatte Wladimir Klitschko seinen WM-Kampf gegen Jean-Marc Mormeck, der für Anfang Dezember in Düsseldorf terminiert war, sieben Tage vor dem Gong zur ersten Runde abrupt absagen müssen. "Das waren unmenschliche Qualen, die ich niemandem wünsche", sagt der Champion, der in seiner Karriere neben 56 Siegen auch drei schmerzvolle K.-o.-Niederlagen (gegen Ross Purrity, Corrie Sanders und Lamon Brewster) hinnehmen musste, über den Nierenstein in seiner Harnröhre, der ihn zur Absage zwang.
Weil das Mormeck-Duell am 3. März nachgeholt wird, kommt es somit zu der Rarität, dass zwei Klitschko-Kämpfe, die sonst fein säuberlich zwischen den Brüdern vierteljährlich aufgeteilt werden, binnen 14 Tagen steigen. Vitali tritt bereits am 18. Februar in München gegen den Engländer Dereck Chisora an, der im Vergleich zum Gegner seines Bruders als die wesentlich härtere Nuss gilt.
Gegen den eigenen Bruder wird nicht geboxt
"Er ist jung, wild, aggressiv und motiviert", sagt Vitali Klitschko über Chisora, der seinen letzten Kampf gegen das Aushängeschild des Berliner Sauerland-Stalls, den Finnen Robert Helenius, zwar nach Punkten verlor, obwohl er besser war. "Wenn der Promoter von Helenius nicht aus Deutschland käme", sagt Vitali Klitschko süffisant, "hätte Robert nur eine sehr kleine Chance auf den Sieg gehabt."
Vor seinem Duell gegen den nicht so hoch eingeschätzten, in Guadeloupe geborenen Franzosen Mormeck versucht es derweil der Jüngere der beiden, Wladimir, auch mit Biertrinken. "Alkoholfrei, versteht sich", sagt der zwei Meter große Adonis: "Mein Arzt hat mir gesagt, dass Biertrinker zwar einen dicken Bauch bekommen, aber keine Nierensteine." Schließlich hatte "Wowa", wie Vitali Klitschko seinen jüngeren Bruder nennt, im Jahr 2011 zwei Kämpfe platzen lassen.
Den gegen Mormeck und zuvor im April - wegen anhaltender Bauchmuskelproblemen - den gegen Chisora, den jetzt der ältere Klitschko in München vor die Fäuste bekommt. Längst haben die beiden Schwergewichtsweltmeister ohnehin akzeptiert, dass sie den potenziell schwersten Gegner niemals boxen werden: den eigenen Bruder. Das hat die Mutter Nadesha verboten. Also hat sich Vitali, der im Juni 41 Jahre alt wird, längst ein zweites Standbein geschaffen.
Der eine wird Politiker, der andere spielt Schlagzeug
Als Vorsitzender seiner eigenen Partei, der ukrainischen demokratischen Allianz Udar, sitzt er im Kiewer Stadtparlament - und will um den Bürgermeisterposten seiner Heimatstadt und möglicherweise in der Präsidentenwahl gegen den Amtsinhaber Viktor Janukowitsch antreten. "Das Trainingslager hier in Going ist für mich das reinste Sanatorium", sagt Vitali Klitschko angesichts der politischen Arbeit, die ihn zu Beratungen mit dem einstigen US-Präsidenten Bill Clinton, aber auch zum CDU-Parteitag am 24. November 2011 nach Leipzig geführt hat, wo der Boxer die Bundeskanzlerin Angela Merkel traf.
In der Abgeschiedenheit der Tiroler Alpenwelt stört ihn nur das neue Hobby, dass sich der jüngere Bruder zugelegt hat. Denn Wladimir spielt im Erdgeschoss der Berghütte eifrig Schlagzeug. "Das hört man sogar im zweiten Stock", sagt Vitali Klitschko, "wie wird das nur für die Urlauber aus München unter mir sein?"


23 Mal Stuttgart – wir stellen Ihnen alle 23 Stadtbezirke vor >>