Volkskrankheit US-Experten senken Richtwert für Bluthochdruck

Von Willi Reiners 

Amerikanische Mediziner empfehlen, Patienten künftig schon ab einem Blutdruck von 130 zu 80 zu behandeln. Darum wollen deutsche Experten nicht folgen.

Welcher Blutdruck soll es sein? Experten sind unterschiedlicher Meinung. Foto: dpa
Welcher Blutdruck soll es sein? Experten sind unterschiedlicher Meinung. Foto: dpa

Anaheim - Der Bluthochdruck zählt zu den großen Volkskrankheiten. Der Kampf dagegen, etwa mit Medikamenten, verschlingt Unsummen und belastet Gesundheitssysteme weltweit. Doch wie bekämpft man den Bluthochdruck richtig, um so Schlaganfall, Herzschwäche und Herz-Kreislauf-Tod besser entgegenzuwirken? Darüber sind sich die Experten nicht immer einig. In den USA ist nun der Richtwert für die Behandlung von Bluthochdruck herabgesetzt worden. Das dürfte der Diskussion um den richtigen Zielwert auch in Deutschland neue Nahrung geben.

Laut den am Montag (Ortszeit) von der American Heart Association veröffentlichten neuen Richtlinien wird künftig von Bluthochdruck gesprochen, wenn der obere – systolische – Wert bei 130 mm Hg oder höher liegt und der untere – diastolische – Wert bei 80 oder darüber. Bislang galt der Blutdruck bei 140 zu 90 als zu hoch. Ärzte würden nun anerkennen, dass schon „bei diesen niedrigeren Werten“ Komplikationen auftreten könnten, heißt es in den neuen Richtlinien zur Feststellung und Behandlung von Bluthochdruck.

Die Richtlinien wurden bei einer Konferenz der American Heart Association im kalifornischen Anaheim verkündet. Zuletzt waren sie im Jahr 2003 aktualisiert worden. Nach den neuen Richtwerten leidet fast die Hälfte der US-Bevölkerung (46 Prozent) unter Bluthochdruck. Zuvor erfüllten 32 Prozent die Voraussetzungen für diese Diagnose. Bluthochdruck ist die zweithäufigste Ursache für Herzkrankheiten und Schlaganfälle. Als normal gilt ein Blutdruck von 120 zu 80.

Deutsche Hochdruckliga bleibe bei 140 zu 90

Die neuen US-Richtlinien dürften auch die deutsche Debatte um Zielwerte für den Blutdruck beeinflussen. Auslöser der Debatte war zuletzt die amerikanische Sprint-Studie, die im Jahr 2015 veröffentlicht wurde. Sie hatte ergeben, dass eine intensivere Blutdrucksenkung auf unter 120 mm Hg Menschen besser schützt als ein Zielwert von 140. Medizinische Fachgesellschaften etwa in Kanada und Österreich haben sich dem bereits angeschlossen. Die USA ziehen nun nach und bekennen sich damit unter anderem zu einem früheren Einsatz von blutdrucksenkenden Medikamenten. Die US-Ärzte wollen aber auch Patienten sensibilisieren, Risiken früher durch eine gesündere Lebensweise entgegenzuwirken.

Die Deutsche Hochdruckliga dagegen sieht den generellen Zielwert weiter bei 140 zu 90. „Wichtigstes Behandlungsziel für alle Ärzte muss sein, dass dieses Blutdruckziel erreicht wird“, forderte Bernhard Krämer, Vorstandsvorsitzender der Hochdruckliga, vor wenigen Wochen. Nur bei kardiovaskulären Risikopatienten solle ein Wert von unter 135 zu 85 angestrebt werden. Dies gilt damit für Patienten mit Herz-Kreislauf-Vorerkrankungen außer Schlaganfall, die 75 Jahre oder älter sind sowie für Patienten mit chronischer Nierenkrankheit und mit einem hohen vaskulären Gefäßrisiko. „Eine intensivere Blutdrucksenkung geht mit mehr Nebenwirkungen einher“, erläuterte Krämer. Sie erforderte regelmäßige Labortests zu Nierenfunktion und Elektrolyten.

In Deutschland sind 20 bis 30 Millionen Menschen von Bluthochdruck betroffen.