Volksleiden Herzschwäche Was tun, wenn das Herz schwächelt?

Von Regine Warth 

Eine schwächelnde Pumpe vermutet man am ehesten bei einem gestressten Manager. Doch Herzinsuffizienz ist ein Volksleiden, das besonders Ältere ab 60 Jahren betrifft. Wie ihnen geholfen werden kann, erklären Experten anlässlich der bundesweiten Herzwochen.

Wer an Herzschwäche leidet, merkt dies meist beim Treppensteigen: Was noch vor wenigen Monaten wenig Mühe bereitet hat, bringt einen nun in Atemnot. Foto: dpa
Wer an Herzschwäche leidet, merkt dies meist beim Treppensteigen: Was noch vor wenigen Monaten wenig Mühe bereitet hat, bringt einen nun in Atemnot. Foto: dpa

Stuttgart/Mühlacker - Es sind die Stufen – zur Haustür, zum Keller, zur Bushaltestelle –, die zu schier unüberwindlichen Hürden werden. Die Anstrengung lässt einen schwer atmen, das Herz hämmern. Es ist eben das Alter, sagt man sich – und legt beim Treppensteigen nun Pausen ein. So hören sie sich an, die Schilderungen der Patienten, die der Kardiologe Stefan Pfeiffer oft zu hören bekommt. „Irgendwann lassen sich die Patienten dann doch durchchecken“, sagt der Ärztliche Direktor der Kardiologie im Krankenhaus Mühlacker der Enzkreis-Kliniken GmbH. Und nicht selten ist es nicht das Alter, das man für den Abfall der Leistungsfähigkeit verantwortlich macht, sondern das Herz. Denn auch das kann schwächeln.

Wer bei einer schwächelnden Pumpe das Bild vom stressgeplagten Manager im Kopf hat, irrt. Die Herzschwäche, so warnt die Deutsche Herzstiftung, ist zur Volkskrankheit geworden. Allein in Deutschland leiden zwei bis drei Millionen Menschen daran. Etwa 45 000 sterben pro Jahr. Und da die ersten Symptome von Laien nicht zu erkennen sind und oft nicht behandelt werden, werden immer mehr Betroffene in Krankenhäuser eingeliefert. In Deutschland sind das mehr als 444 000 Einweisungen jedes Jahr. Damit ist die Herzschwäche der wichtigste Grund für eine Hospitalisierung – und mit fast drei Milliarden Euro pro Jahr ein immenser Kostenfaktor für das Gesundheitssystem.

Kein Wunder also, dass die Deutsche Herzstiftung es sich in diesem Jahr zum Ziel gesetzt hat, bei ihrer bundesweiten Kampagne im November, den Herzwochen, mehr über Ursachen, Risiken und Therapien einer Herzschwäche zu informieren. „Wer unter Atemnot leidet, sollte umgehend zum Arzt, um zu klären, ob es sich um eine Herzkrankheit handelt“, fordert der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Thomas Meinertz.

Die chronische Herzschwäche führt dazu, dass das Herz nicht mehr in der Lage ist, den Körper ausreichend mit Blut und damit mit Sauerstoff und Nährstoffen zu versorgen. „Dieser Zustand ist eigentlich keine eigenständige Krankheit“, sagt Udo Sechtem, Chef der Kardiologie im Robert-Bosch-Krankenhaus (RBK) Stuttgart und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Herzstiftung. Vielmehr ist die Herzschwäche eine Kombination verschiedener Symptome, denen verschiedene Herz-Kreislauf-Erkrankungen zugrunde liegen, etwa ein langjährig unbehandelter Bluthochdruck.

Häufig ist der Herzmuskel aber auch wegen einer erblichen Veranlagung schwach, heißt es bei der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie. Ein Drittel aller Herzschwächen ist familiär bedingt. Ein weiteres Risiko sind schwere Infektionen: Entzündet sich der Herzmuskel aufgrund einer Grippe und wird diese Infektion nicht richtig auskuriert, kann sich der Muskel nicht mehr erholen.

Klar ist: Herzschwächepatienten sind meist lebenslang in Behandlung. Der Großteil kann mit einer medikamentösen Behandlung gut leben, bestätigt der Stuttgarter Experte Thomas Nordt, der als Ärztlicher Direktor die Klinik für Herz- und Gefäßkrankheiten am Klinikum Stuttgart leitet. Diese können zwar nicht direkt den Herzmuskel stärken, aber sie können ihn entlasten und so die Erkrankung aufhalten oder zumindest verlangsamen. Allerdings sind es eine Handvoll Pillen, die täglich geschluckt werden müssen: Betablocker, die den Herzschlag verlangsamen, dann ACE-Hemmer gegen den zu hohen Blutdruck und Diuretika, die das angestaute Wasser aus Beinen, Bauch und Lunge schwemmen sollen.

Nicht immer wirken die Medikamente sofort optimal. „Es ist wichtig, dass sich Arzt und Patient Zeit lassen, die Medikamente optimal und individuell einzustellen“, sagt Thomas Nordt, der ebenfalls im wissenschaftlichen Beirat der Herzstiftung ist.

Die Kontrolle des Herzschlags haben bei vielen Insuffizienzpatienten spezielle Schrittmacher übernommen. Er versetzt dem Herzen einen Impuls, wenn es zu langsam schlägt. Wenn es rast, gibt es einen kleinen Elektroschock, um es wieder in den normalen Rhythmus zu bringen. Bei besonders schweren Fällen kann auch ein Herzunterstützungssystem die Zeit bis zu einer Transplantation überbrücken. Weil es jedoch wenig Spenderherzen gibt und nicht jeder Betroffene für einen solchen Eingriff infrage kommt, sind immer mehr Menschen auf solche Minipumpen langfristig angewiesen.

Herzschwäche-Patienten haben ein erhöhtes Risiko für Depression

Doch es braucht nicht nur Medikamente, um Patienten mit Herzschwäche zu helfen: „Wichtig ist auch, die Psyche zu berücksichtigen“, sagt Stefan Pfeiffer. Er weiß von seinen Patienten, dass es oft lange Zeit braucht, bis sie sich mit der Diagnose abfinden und versuchen, ihr Leben trotz der körperlichen Einschränkungen weiterzuführen. Eine Zeit lang nehmen sie Medikamente korrekt ein, sind aktiv und halten sich an Ernährungsratschläge. Aber dann zieht allmählich der Schlendrian ein. Die Patienten wollen ihre Krankheit regelrecht vergessen. Auch haben Herzschwächepatienten ein erhöhtes Risiko für eine Depression. Für den Arzt besteht dann die Herausforderung, die Schwierigkeiten der Patienten zu erkennen. Doch das erfordert natürlich, dass sich Arzt und Patient regelmäßig sehen. Etwas, was im heutigen Gesundheitssystem nicht unbedingt immer gewährleistet ist, bemängelt Sechtem.

In Stuttgart können Patienten telemedizinisch betreut werden

In der Charité Berlin betreut man daher die Herzinsuffizienzpatienten mitunter per Telemedizin. Sprich: Der Patient misst Blutdruck, Blutsauerstoff oder sein Gewicht zu Hause und übermittelt die Daten dann an die Klinik. Die Krankheit zeige sich zuerst in den vielen Messwerten, Ärzte könnten daher sehr früh gegensteuern, heißt es da. So würde man bis zu einem Drittel der Hospitalisierungen vermeiden. Auch im Stuttgarter Raum macht dieses Modell Schule: Im RBK Stuttgart etwa gibt es seit September die Möglichkeit einer telemedizinischen Betreuung von Herzschwächepatienten, die bei der Techniker-Krankenkasse versichert sind. „Auch unser Ziel ist es, durch frühzeitige Erkennung von Verschlechterungen die Zahl der Krankenhausaufenthalte zu reduzieren“, sagt Sechtem.