Vom Nachbarn womöglich ins KZ geschickt

Von "Bad Cannstatt und Neckarvororte" 

Veielbrunnen Eugen Plappert ist kriminell gewesen und von den Nazis vergast worden. Nun erhält er einen Stolperstein. Von Lukas Jenkner

Veielbrunnen Eugen Plappert ist kriminell gewesen und von den Nazis vergast worden. Nun erhält er einen Stolperstein. Von Lukas Jenkner

Pärchen, die sich in den 20er Jahren zu einem Schäferstündchen in den Kurpark oder auf den Wasen zurückzogen, hörten mit viel Pech zu einem durchaus unpassenden Zeitpunkt eine schneidige Stimme. Doch der vorgebliche Polizist, der sich nur mit einem kleinen Obolus davon abhalten ließ, das Paar mit aufs Revier zu schleifen, ist in Wirklichkeit Eugen Plappert gewesen. Der schräge Vogel aus dem Veielbrunnen hatte sich diese Masche überlegt, um an Geld zu kommen - und landete deshalb viele Male vor Gericht.

Doch Plappert ist nicht nur ein kleiner Köpenick, sondern auch mal gefährlich: Im Juli 1920 wird er zu zwei Jahren und acht Monaten Gefängnis verurteilt, weil er sich an einem 15-jährigen Mädchen vergangen hatte, aus der Untersuchungshaft ausgebrochen war und bei der Verhaftung auf die Polizisten geschossen hatte. Ein relativ mildes Urteil, das in Plapperts Persönlichkeit begründet ist - im Oktober 1914 war er an der Front nach einer Granatexplosion verschüttet worden und litt seither an einer Persönlichkeitsstörung. In vielen Gutachten ist ihm eine psychische Erkrankung attestiert, er gilt als zu hundert Prozent kriegsversehrt.

Immer wieder gerät Eugen Plappert mit dem Gesetz in Konflikt, wegen Körperverletzung, Amtsanmaßung, Beleidigung, Widerstand gegen die Staatsgewalt und Diebstählen. Kann oder sollte einem Menschen wie Eugen Plappert mit einem Stolperstein gedacht werden? Dies ist für den kommenden Mittwoch geplant. Klaus Kurzweg von der städtischen Gemeinwesenarbeit Veielbrunnen sagt, dass Plappert auf jeden Fall einen Stolperstein bekommen sollte: "Es kann keine würdigen und unwürdigen Opfer des Nationalsozialismus geben."

Denn nach 1933 schwappt die braune Brühe auch durch den Veielbrunnen und ergießt sich über Eugen Plappert. Das neue Stadion wird beim Deutschen Turnfest auf dem Wasen als "Adolf-Hitler-Kampfbahn" eingeweiht. Plappert bekommt davon nichts mit: Er sitzt in "Schutzhaft" und kommt erst im November 1933 wieder frei.

Im Jahr 1935 steht Plappert mal wieder vor Gericht, und dieses Mal weht ein anderer Wind. Plapperts kriegsbedingte Störung, die bis dahin Richter und Gutachter eher milde gestimmt hatte, macht ihn nun zum "asozialen Element". Er sei "das typische Beispiel, dass bestimmte Verbrecher eben geboren werden", schreibt der Gutachter. Die Probleme seien aufgetreten, weil "er in die Hände von Ärzten kam, die seinen Angaben Glauben schenkten und die von seiner sozialen Minderwertigkeit nicht ganz überzeugt waren." Nun jedenfalls müsse Plappert aus dem sozialen Leben ausgeschaltet werden. Das Gericht indes sieht es - noch einmal - anders: Es schickt Eugen Plappert für ein Jahr ins Gefängnis. Im Oktober 1936 hat er seine Strafe verbüßt.

Ob er danach ein straffreies Leben geführt hätte, ist eine müßige Diskussion, denn im März 1937 wird Plappert mit rund 2000 anderen Menschen im Reich, die auf einer Liste von "Gewohnheitsverbrechern und gewohnheitsmäßigen Sittlichkeitsverbrechern" stehen, verhaftet. Er endet schließlich im KZ Flossenbürg und überlebt dort fünf Jahre und zwei Monate Schufterei bei Essensentzug und sadistischen Strafen. Doch letztlich wird er Opfer der ersten systematischen Massentötung in den Konzentrationslagern, der Aktion 14f13. Am 12. Mai 1942 wird er gemeinsam mit 207 weiteren Häftlingen in der Euthanasieanstalt Bernburg/Saale im Gas erstickt. Der Familie im Cannstatter Veielbrunnen wird geschrieben, dass Plappert in Flossenbürg an den Folgen einer Herzschwäche nach Lungenentzündung gestorben sei. Der Witwe Magdalene und dem Sohn Albert Plappert gelingt es nach dem Krieg nicht, Wiedergutmachung für das erlittene Unrecht durchzusetzen.

Bis vor kurzem wusste Rainer Redies, der in Bad Cannstatt die Stolpersteininitiative vertritt, nichts von Eugen Plappert. Das Schicksal des Veielbrunner Sonderlings wurde durch eine Arbeitsgruppe dem Vergessen entrissen, die sich um die Mitarbeiter der Gemeinwesenarbeit Antje Hofer und Klaus Kurzweg gebildet hat. Monatelang waren die rund 40 jüngeren und älteren Mitbürger im Stadtteil unterwegs, haben nach alten Geschichten geforscht und dabei konkret nach dem Schicksal von Opfern, aber auch nach Tätern gefragt. "Dabei fiel dann irgendwann auch der Name Eugen Plappert", sagt Kurzweg.

Und auch der von Christian Wirth: Bei seinen Recherchen stieß Klaus Kurzweg auch darauf, dass der spätere Inspekteur aller Euthanasieanstalten und der erste Kommandant des Vernichtungslagers Belzec elf Jahre lang schräg gegenüber der Familie Plappert in der Reichenbachstraße wohnte - und 1937 als Kriminalkommissar womöglich die Gelegenheit nutzte, sich des kleinkriminellen Nachbarn zu entledigen, indem er ihn auf die Liste der "Gewohnheitsverbrecher" setzen ließ. So sei es zumindest aus der Sicht der Witwe Magdalena Plappert gewesen, sagt Klaus Kurzweg, der in den Wiedergutmachungsakten Hinweise darauf gefunden hat. Beweisen lässt es sich aber nicht.

Rainer Redies von der Stolperstein-Initiative ist wie Klaus Kurzweg der Überzeugung, das man mit einem Stolperstein an Eugen Plappert erinnern sollte. 1937 sei Plappert straffrei gewesen, was die Nazis anschließend mit ihm anstellten, unabhängig von Plapperts Lebenswandel ein Verbrechen. Rainer Redies: "Wir haben kein moralisches Urteil zu fällen."